Zeitung Heute : Keine Angst vor Avantgarde

Der Berliner Designer Vladimir Karaleev beeindruckt die Fachwelt mit seinen Entwürfen

Timo Feldhaus
Bei Vladimir Karaleev sollen Kanten nicht sauber verarbeitet sein und seine Schnitte gehen oft verschlungene Wege.Foto: promo
Bei Vladimir Karaleev sollen Kanten nicht sauber verarbeitet sein und seine Schnitte gehen oft verschlungene Wege.Foto: promo

Vladimir Karaleev ist gerade von der Schule geflogen. Gleichzeitig feierte der Modedesigner mit seiner zehnten Show, die er im Januar auf der Berliner Fashion Week zeigte, ein Jubiläum. Für den Rauswurf kann im Grunde niemand etwas, der Diplomstudiengang an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft lief aus und der 29-Jährige hat einfach viel zu früh mit dem Arbeiten angefangen. Heute gibt er stattdessen regelmäßig Workshops als Lehrer an einer anderen Modeuniversität. Gerade ist er nach Paris gefahren, er zeigt dort zum vierten Mal in einem Showroom seine Kollektion vor Fachpublikum.

Lange galt der aus Sofia stammende Karaleev als Vermittler zwischen Kunst und Mode. Er ließ sich für eine Woche in einer Kunstgalerie einschließen, um eine Skulptur zu schneidern – eine Endlosjacke, die sich über gefaltete Stoffbahnen durch den Raum wand. Vor drei Jahren schuf er eine Kollektion aus 210 schwarzen Shirts, die er zu zwanzig neuen Outfits verarbeitete. Er zeigte seine Mode gerne im Kunstkontext.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Nach seinem ersten Défilee im Zelt am Bebelplatz sagte H&M-Kreativchefin Margareta van den Bosch über die skizzenhaften Entwürfe: „Diese Art des Faltenwurfs ist sehr schwer umzusetzen, ich bin tief beeindruckt. Und das kommt nicht oft vor.“ Auch die Vogue war begeistert. „Dabei habe ich nichts anders gemacht als sonst.“ Sagt Karaleev und schaut aus dem Fenster seines Ateliers auf die Leipziger Straße. Vor uns stehen aufgereiht die in Italien handgefertigten Schuhe, die er zum ersten Mal produzieren ließ. „Der professionelle Rahmen ließ meine Kollektion offensichtlich überzeugender wirken. Die Leute fragen nicht mehr ungläubig, ob das Kleid so etwa fertig sei.“

Karaleev kokettiert ein wenig. Zwar stand die Show am Bebelplatz wie gewohnt im Zeichen seiner gefalteten und drapierten Kleider mit ungesäumten Enden, doch Karaleev hat seine Frauen- und Männerkollektion in zweierlei Richtung pointiert: So hat er das, was an seinen Kleidern oft wie Origami aussieht, hin und wieder durch Reißverschlüsse geschlossen und fand gelungene Interpretationen wunderschöner Bademäntel, tunikaartiger Wickelröcke und eines Sport-Blousons in Grau, Dunkelblau, Dunkelgrün und Kamelfarben. Er zeigte nüchterne T-Shirts mit rundem Bund zu über der Hüfte gefalteten Röcken. Dann aber schlug Karaleev riesige Löcher in die zarten Kleider, die bodenlang an den Models herabhingen. Die Kollektion erinnerte an die erste Comme-des-Garçons-Schau, 1981 in Paris, als die japanische Designerin Rei Kawakubo zeigte, wie man aus ärmlicher, zerfetzter Kleidung eine raffinierte Eleganz entwickelt. Das Unfertige, meint Karaleev, die unsauber verarbeiteten Kanten, das sei so gewollt. „Ich möchte, dass die Dinge ungeplant und spontan entstehen, ich mag keine zu durchdachten Entwürfe.“

Früher in Sofia saß der junge Karaleev auf dem Sofa und schaute Fernsehen. Den ganzen Tag, nur wegen der Werbung, nur wegen Cola und Pepsi. Später kam MTV dazu. Es war 1992, und Karaleev nimmt obsessiv alles auf Videokassetten auf. Dann sah er in der stets mit halbjähriger Verspätung in Sofia ankommenden italienischen Vogue die Kollektionen von Martin Margiela, Comme des Garçons und Yohji Yamamoto und ihr Verfahren der Dekonstruktion, die sie auf Kleidung anwandten. Damals verstand er, dass Mode auch etwas anderes sein kann als praktische Bekleidung. 2001 zieht Karaleev nach Berlin und schneidert Kleider zum Ausgehen für sich und seine Freunde. 6-Stunden-Outfits nennt er sie, weil sie genau eine Nacht halten und dann auseinanderfallen. Im Club Rio wird die Do-it-yourself-Mode der Band Chicks on Speed vorgeführt, die Menschen tragen asymmetrische Haarschnitte, schwer bedruckte Streetwear und hören Electroclash. Das Besondere ist, dass man von alldem nichts in Karaleevs Mode bemerkt. Er verwandelt Coolness in Eleganz. Abstrakte Silhouetten, die wie zufällig entstandene Formen aussehen und dem weiblichen Körper ein Eigenleben zusprechen. Karaleevs Arbeit ist avantgardistisch. Es ist auch eine Arbeit gegen die deutsche Angst vor ihr. „Die Menschen hier fürchten sich vor der Avantgarde. Wenn etwas nicht praktisch aussieht, ist es im Alltag auch nicht einsetzbar. Das ist Quatsch.“ In Japan etwa wird seine Mode aktuell in 15 Läden verkauft, in Deutschland nur im Berliner Apartment. Doch der deutsche Einkäufer irrt. Denn Karaleevs Sachen sind tragbar, gemütlich und rühren an die klassische Schönheit. Mit seinem konzeptuellen Ansatz des Unfertigen und Spontanen schreibt er sich zudem wie kein anderer Designer in die jüngere Geschichte seiner Stadt ein. Kleidung, die ihre Kraft aus dem Spiel zwischen Zerstörung und Schönheit gewinnt, Mode im steten Zwischenraum. Karaleev macht das Unperfekte in absoluter Perfektion.

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