Zeitung Heute : Keine Angst vor Candida

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Pilze im Darm sind meist harmlos

Hartmut Wewetzer

Der Mikrobiologe Michael Weig von der Universität Göttingen ist Experte für Pilzkrankheiten. Alle paar Tage bekommt er eine E-Mail, in der jemand seine Gesundheit von Pilzen bedroht sieht. Genauer: von Hefepilzen, medizinisch Candida albicans genannt.

Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Blähungen, Durchfall, Heißhunger, Kopfschmerzen, wenig Selbstvertrauen, Vergesslichkeit, Impotenz und vieles vieles mehr – etliche Störungen führen diese Menschen auf krank machende Darmpilze der Sorte Candida albicans zurück. Diese Pilze, oder besser ihre krank machenden Produkte würden das Immunsystem und unsere Organe schädigen, heißt es. Und damit das Kind einen Namen hat, wurde ein „Candidasyndrom“ kreiert – und eine Reihe lukrativer Therapien. In die Welt gesetzt wurde die Störung durch den amerikanischen Arzt Orian Truss vor mehr als einem Vierteljahrhundert.

Natürlich, Pilze können uns tatsächlich gefährlich werden. Doch trifft es fast immer Menschen mit einer geschwächten Körperabwehr. Also zum Beispiel Aidskranke oder Patienten, die an Blutkrebs erkrankt sind und die aufgrund ihrer Medikamente anfällig für Krankheitskeime sind. Aber in den allermeisten Fällen ist Candida ein harmloser Zeitgenosse. Gemeinsam mit Bakterien besiedelt er bei den meisten Menschen den Darm. Allerdings nur als Untermieter. Denn auf einen Gramm Stuhl kommen nur einige tausend Hefepilze, aber Milliarden von Bakterien.

Eine Annahme von Anhängern des Candidasyndroms besagt, dass die Hefepilze zu Blähungen führen. Aber angesichts der bakteriellen Übermacht im Darm trägt Candida allenfalls 0,005 Prozent zur Gasbildung bei. Nicht selten wird auch behauptet, dass man den Pilz „aushungern“ könne, indem man auf Zucker verzichtet. Das ist aus zwei Gründen wenig sinnvoll. Zum einen wird Zucker bereits im Dünndarm vom Körper aufgenommen, spielt also für Pilze im Dickdarm keine Rolle mehr. Und zum anderen werden auch andere Kohlenhydrate im Darm letztlich zu Zucker abgebaut. Es bringt also nichts, wegen der Pilze auf Zucker zu verzichten.

Genauso wenig ist es angebracht, auf Nahrungsmittel zu verzichten, bei denen ganz andere Pilze als Candida albicans beteiligt sind, wie die Bäcker- oder Bierhefe. Eine „Pilzdiät“ gibt es nicht (es sei denn, man ernährt sich von Pilzen!). Wenig hilfreich sind auch Darmspülungen oder eine „Darmsanierung“ mit dem Pilzmittel Nystatin. Sobald das Medikament abgesetzt wird, stellen sich auch die Pilze wieder ein, das natürliche Gleichgewicht im Darm wird wieder hergestellt.

Der Schluss liegt nahe, dass das Candidasyndrom erfunden ist. Wenn Menschen sich wegen eines vermeintlichen Hefepilzbefalls an ihn wenden, kann der Mediziner Weig sie also meist beruhigen. „Sie müssen sich keine Gedanken machen“, rät er. Aber nicht jeder ist erleichtert. Fällt doch mit der Tatsache, dass man nicht ernsthaft krank ist, auch eine Erklärung für die eigenen Befindlichkeitsstörungen weg. Da ist es fast schwerer, gesund zu sein.

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