Zeitung Heute : Keine Angst vor schaukelnden Kursen

Zertifikate profitieren von steigenden, fallenden und stagnierenden Aktien oder Indizes

Henrik Mortsiefer

Kaum eine Broschüre der Hausbank, kaum eine Finanzanzeige in der Zeitung, in der nicht ein Zauberwort vorkäme: Zertifikate. In Zeiten flauer Aktienkurse hat die Branche eine Investmentidee zum Geschäft gemacht. 500000 deutsche Anleger haben schon Zertifikate in ihren Depots. Sie haben sich von einem faszinierenden Gedanken locken lassen: Anders als Fonds oder Aktien kann man mit Zertifikaten von steigenden, fallenden und stagnierenden Kursen profitieren.

Angesichts von Millionen Aktien- und Fondsbesitzern ist die Zahl der Zertifikate-Besitzer noch klein. Aber dem Markt werden enorme Wachstumschancen eingeräumt. Mehr als 20000 Spielarten des Anlageprodukts werden schon gehandelt. „Zertifikate sind einfach zu sinnvoll, um sie ignorieren zu können“, sagt Zertifikateexperte Heiko Weyand von HSBC Trinkaus&Burkhardt. „Sie eignen sich für jeden Anleger, der bessere Chancen-Risiko-Profile als mit Fonds und Aktien sucht.“

Doch bei der Auswahl aus der verwirrenden Vielfalt der Zertifikats-Konstruktionen und -Bezeichnungen verlieren Interessierte schnell den Überblick. Durchschnittsanleger, die schon eine gewisse Erfahrung mit Zins- und Aktienpapieren gemacht haben und nach Alternativen suchen, sollten sich deshalb auf einige wenige Varianten konzentrieren: „Für den privaten Kleinanleger eignen sich besonders Index-, Garantie-, Discount- und Bonus-Zertifikate. Jedes dieser Zertifikate kann auch eher konservative Anleger ansprechen“, sagt Heiko Weyand.

Vor dem Kauf eines Zertifikats sollten Anleger aber verstanden haben, dass den größeren Chancen auch besondere Risiken gegenüberstehen. So handelt es sich bei Zertikaten – anders als bei Fonds – um Schuldverschreibungen. Das heißt: Muss die emittierende Bank Konkurs anmelden, geht der Anleger leer aus. Zwar können Zertifikate jederzeit auch vor Ende der Laufzeit verkauft werden. Gerade für die beliebten Index-Zertifikate, die Aktienindizes abbilden (siehe Kasten), bietet sich aber die Alternative der börsengehandelten Indexfonds (Exchange Traded Funds). Deren Kapital ist – bei ähnlicher Kostenstruktur und Flexibilität – über den Einlagensicherungsfonds abgesichert.

Ihren Charme entfalten Zertifikate schon in der einfachen Konstruktion des Discounters. Ein Beispiel: Eine Aktie kostet 50 Euro; das Discount-Zertifikat mit einer angenommenen Laufzeit von 13 Monaten gibt es schon für 41,50 Euro – was einem Abschlag von gut 20 Prozent entspricht. Im Gegenzug für diesen Discount verzichtet der Anleger ab einem vorher bestimmten Höchstkurs (Cap) auf Kursgewinne. Liegt diese Obergrenze bei 55 Euro, macht der Anleger bis zu diesem Kurs mit dem Zertifikat seinen Maximalgewinn von 32,5 Prozent – obwohl die Aktie nur um zehn Prozent gestiegen ist. Nur wenn die Aktie bis zum Laufzeitende also über 66,30 Euro steigt (was einem maximalen Plus von 32,5 Prozent entspricht), wäre es für den Anleger lukrativer gewesen, die Aktie direkt und nicht das Zertifikat zu kaufen. Dass Discounter zusätzlich einen Risikopuffer haben, wird bei fallenden Kursen deutlich: Selbst wenn die Aktie zum Beispiel um fünf Prozent auf 47,50 Euro fällt, erzielt der Anleger am Laufzeitende noch einen Gewinn von mehr als 14 Prozent.

Wie beim Direktkauf muss sich der Anleger aber grundsätzlich eine Meinung darüber bilden, in welche Richtung sich die als Basiswert zu Grunde liegende Aktie oder der Index bewegen. Discounter eignen sich vor allem dann, wenn leicht steigende Kurse erwartet werden. Index-Zertifikate wiederum hängen 1:1 an ihrem Basiswert. „Bei der Performance müssen mitunter Abstriche gemacht werden. Immerhin schlagen rund 25 Prozent aller gemanagten Fonds den Vergleichsindex“, sagt Stephan Kühnlenz, Projektleiter Finanzdienstleistungen bei der Stiftung Wartentest. Außerdem sollten Anleger „auf lange Laufzeiten achten und keine kurzfristigen Wetten eingehen“. Das ist häufig aber nur bei Endlos-Index-Zertifikaten möglich.

„Ich rate Anlegern: Kaufe nur, was du verstehst. Oder: Lass dich von jemandem beraten, der es versteht“, sagt Oliver Hagedorn, Geschäftsführer der Avesco Financial Services, der vor Turbo-Zertifikaten mit vielversprechenden Renditehebeln warnt. „Sobald das Papier einen Hebel enthält, ist es für Kleinanleger nicht geeignet.“ Doch auch an einfachen Produkten können Anleger Freude haben. HSBC-Experte Weyand: „Studien belegen, dass Zertifikate in etwa 80 Prozent der Fälle ertragreicher und weniger riskant sind als die Aktien, auf die sie sich beziehen.“

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