Zeitung Heute : Keine Angst vorm WWW

Computer und Internet sind aus dem Alltag der Kinder und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Medienkompetenz ist daher oberstes Ziel

Kai Kolwitz

Erfurt, Emsdetten und jetzt Tessin. Jugendliche drehen durch – und nach jedem schrecklichen Vorfall läuft die Diskussion in die gleiche Richtung. „Angesichts der nicht abreißenden Kette von Gewalttaten junger Menschen nach dem Konsum von Killerspielen“, forderte Bayerns Innenminister Günther Beckstein ein Verbot solcher Spiele. Andere Diskussionsbeiträge gipfelten in der Forderung, das Internet dürfe zwischen neun Uhr morgens und 23 Uhr abends nur noch jugendfreie Inhalte bereithalten.

Aber abgesehen von der Realisierbarkeit solcher Ideen: Profis in Sachen Jugendarbeit wird die Diskussion um Jugendliche und den PC viel zu einseitig geführt. „Es geht um Aufklärung“, meint Reinhilde Godulla von der Berliner Initiative spinnenwerk.net dazu. „Es geht darum, Jugendlichen beizubringen: Wie kann ich das Internet für mich nutzen? Und wie beurteile ich die Inhalte, die ich finde?“

Denn aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen ist das Netz längst nicht mehr wegzudenken. Es dient als Unterrichtsmedium in der Schule, wo Hausaufgaben à la „Recherchiere im Internet die Geschichte der Olympischen Spiele“ längst schon zum Normalprogramm gehören. Praktisch alle Jugendlichen surfen zuhause, ergibt sich aus der (N)onliner-Studie der Initiative D21. Vier von zehn Jugendlichen haben einen eigenen Anschluss im Zimmer, auch von den Sechs- bis 13-Jährigen sind gut 40 Prozent online.

Wer es nutzen kann, dem kann das Netz – wie den Erwachsenen auch – neue Möglichkeiten eröffnen. „Unsere Teilnehmer recherchieren bei uns Praktikumsplätze im Ausland“, erklärt Godulla ein Beispiel. Denn ihre Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen zwischen 13 und 18 fit zu machen für den Umgang mit Computer und Internet. „Medienkompetenz“ ist das Schlagwort, das in solchen Fällen gern benutzt wird, und es bedeutet, dass derjenige, der Fahrrad fahren lernen will, sich irgendwann auch auf den Sattel setzen muss. Den einen oder anderen Sturz inklusive – aber dann am besten aufgefangen von jemandem, der in der Nähe ist und aufpasst.

Godulla und ihre Kollegen haben sich schon früh mit dem Thema neue Medien auseinandergesetzt: Seit 1995 ist das Spinnenwerk im Netz, schon vorher hat man sich mit Mailboxen befasst, über die Kundige schon in der Vor-Internet-Zeit elektronische Nachrichten austauschen konnten. Zentrum der Arbeit ist die Internet-Werkstatt „netti“ in Schöneberg, die in Kooperation zwischen Verband für sozial-kulturelle Arbeit und dem Pestalozzi-Fröbel-Haus betrieben wird. An insgesamt sieben Computern organisiert man hier Kurse für die Kids – in denen geht es um die Funktionsweise und den Umgang mit dem Netz, um Homepages, Weblogs, Urheberrecht, Programmiersprachen, Onlinebewerbungen, Hardware. Aber auch gespielt und gechattet wird im „netti“.

Der Chat ist pro Teilnehmer auf fünf Stunden im Monat beschränkt. Aber nicht aus erzieherischen Gründen, sondern schlicht deshalb, weil der Andrang so groß ist, dass jeder einmal an die Reihe kommen soll. Und auch hier geht es darum, ein Gefühl für den Umgang mit dem Medium zu erzeugen: „Wir erklären, was man nicht machen sollte, und warum: Nicht alleine zu Treffen gehen, keine Telefonnummern herausgeben. Das wissen unsere Teilnehmer in der Regel aber auch schon. Allerdings bekommt im Unterschied zu vielen zuhause hier jemand mit, wenn es etwas nicht stimmt. Man merkt das den Mädchen an oder sie kommen und sagen Bescheid.“

Ernsthaften Ärger im Chat hatte im „netti“ nach Angaben der Leiterin übrigens noch keine der Teenies. Trotzdem sehen die Betreuer auch die Eltern in der Pflicht, wenn es darum geht, Kinder zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet zu erziehen. Und dazu gehört erst einmal Know-how – denn oft sind die technisch gewandten Jugendlichen ihren Eltern am PC dermaßen weit überlegen, dass die kaum noch eine Chance haben zu erkennen, was Sohn und Tochter im Netz eigentlich genau anstellen. „Man muss kein Profi sein. Aber ein paar grundlegende Sachen sollte man schon wissen: Was sind die gefährlichen Sachen? Wie sieht es mit dem Jugendschutz aus“, rät Sandra Ostermann, die Medienreferentin des Deutschen Kinderhilfswerks. Die Organisation hat dazu einen eigenen Internet-Guide für Kinder herausgebracht und steht außerdem hinter den Websites www.kindersache.de und – gemeinsam mit der Freiwilligen Selbstkontrolle der Anbieter elektronischer Unterhaltung und der Initiative Sicher im Netz – auch hinter www.internauten.de, auf denen Kinder und Eltern Tipps zum richtigen Umgang mit dem Internet und Informationen zu den möglichen Gefahren finden können.

Aber eigentlich mag Ostermann das Wort im Zusammenhang mit dem Netz gar nicht so gern hören: „Gefahren ist immer gleich so ein böses Wort.“ Stattdessen rät sie Eltern, sich dafür zu interessieren, was die Kinder am Computer tun, und eine möglichst offene Atmosphäre zu schaffen. Stichwort jugendgefährdende Inhalte: „Gerade die Jüngeren suchen so etwas ja in der Regel gar nicht, sondern stoßen, wenn, nur zufällig darauf.“ Wegklicken und mit den Eltern darüber reden, raten Experten in solchen Fällen. Und wenn der Sohn langsam in die Pubertät kommt? „Für Ältere ist es natürlich der größte Spaß, einfach mal www.sex.de einzugeben“, meint Ostermann. „Was verboten ist, ist natürlich immer spannend. Vor 20 Jahren haben sich Jugendliche in dieser Phase schon heimlich am Kiosk den Playboy organisiert.“ Jugendschützer raten zu Gelassenheit bei gelegentlichen Grenzüberschreitungen.

Aber trotzdem: „Bei uns gilt: keine pornografischen und keine rassistischen Seiten“, erklärt Godulla die Regeln im ‚netti‘. „Wir diskutieren da auch nicht, sondern erteilen Hausverbot. Aber das mussten wir bisher ganz selten tun.“

Filter gegen solche Inhalte halten die Profis für jüngere Kinder zwar für ein denkbares Mittel zur Unterstützung der eigenen Erziehungsarbeit. Aber mehr als eine Ergänzung können die elektronischen Helfer nicht sein – zum einen funktioniert keines der Programme perfekt, zum anderen finden findige Kids immer wieder Wege, um die Wächter einfach auszutricksen. Den gelegentlichen Blick auf den Monitor des Kindes können die Filter so nicht ersetzen. Und was die gefährlichen Spiele angeht: „Kein normaler Jugendlicher begeht Gewalttaten, nur weil er sie in den Medien gesehen hat“, sagt Professor Jo Groebel, Leiter des deutschen Digital Instituts DDI. „Medien schaffen diese gefährliche Schieflage nicht, sie können sie allenfalls verstärken.“ Auch Kinderhelferin Ostermann sieht die Ursachen für die tragischen Ereignisse der letzten Jahre nicht im Computer begründet: „Man muss sich die Frage stellen, was sind die wahren Ursachen?“ Schulangst, sozialer Druck, Isolation und die Angst vor dem Versagen können Probleme sein, die Jugendliche dazu bringen, sich hinter den Computer zurückzuziehen – doch der sei dann nur ein Symptom, so die Experten.

Eltern sollten wissen, was gespielt wird und sich an den Jugendfreigaben der Spiele orientieren, rät Spinnenwerkerin Godulla. Gezockt wird übrigens auch im „netti“ – auch das verfemte und bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen ungemein beliebte Counterstrike. Denn auch hier zeigt sich, dass nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint: Gegen alle Proteste und Widerstände hält die Bundesprüfstelle an ihrer Altersfreigabe ab 16 Jahren fest. „Es geht hier nicht allein ums Schießen und Töten“, erklärte Prüfstellen-Leiterin Elke Monssen-Engberding der „Süddeutschen Zeitung“, „sondern in erster Linie um Strategien und Kommunikation mit Mitspielern.“

Die beste Wahl wäre es vielleicht, einfach mal selbst eine Runde mitzuspielen – Godulla hat solche Events schon für Betreuer aus der Jugendarbeit organisiert. Doch klar ist auch: Die virtuellen Zocks sollten für Jugendliche nicht zum einzigen Lebensinhalt werden. „Was machst du da eigentlich?“, sollten Eltern die Kommunikation suchen, falls PC und Spiele bei den Kindern Überhand nehmen, rät Ostermann, und versuchen, Anreize zu setzen, auch mal wieder mehr Zeit in der richtigen Welt zu verbringen.

Zwei Stunden Mediennutzung gelten bei Älteren als wünschenswerte Zahl, so schauhin.info, eine Initiative des Bundesfamilienministeriums zum Thema, wobei die Zeitangabe Computer, Spielekonsole und Fernseher umfasst. Aber auch wenn die eigenen Kinder mal darüber liegen, sollten Eltern nicht gleich um den Erfolg ihrer Erziehung bangen. „Oft ist das nur eine Phase“, so Godulla. „Das sagen uns auch unsere Honorarkräfte, die ja selbst meist noch ziemlich jung sind.“ Allerdings: „Wenn die Schule darunter leidet, dann muss man natürlich was machen. Aber das gilt ja auch, wenn Jugendliche nur noch mit ihren Freunden unterwegs sind.“

Weiteres im Internet:

Berliner Jugendserver und Kontakt zum „netti“:

www.spinnenwerk.de

Kinderseite des Deutschen Kinderhilfswerks:

www.kindersache.de

Infos für Kinder zum Umgang mit dem Netz:

www.internauten.de

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