Zeitung Heute : Keine CDs mehr kaufen?

Die deutsche Musikindustrie droht den Nutzern von Tauschbörsen mit Strafanzeigen – und der Chaos Computer Club ruft zum Boykott der Plattenfirmen auf

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So hatte sich das die Musikindustrie nicht vorgestellt. Zur Erinnerung: Um Raubkopien ihrer urheberrechtlich geschützten Stücke aus dem Internet zu unterbinden, hatte der Branchenverband der deutschen Phonowirtschaft IFPI am Dienstag Strafanzeigen gegen Nutzer von illegalen Tauschbörsen erstattet (der Tagesspiegel berichtete). Dieses scharfe Vorgehen ist nun auf heftige Kritik gestoßen. Der Chaos Computer Club (CCC) hält diese Klagen für stark fragwürdig, heißt es auf der Internetseite. „Diese Art der Kriminalisierung weisen wir weit von uns“, sagte Sprecher Andy MüllerMaguhn. Der CCC rief zum „Boykott“ der in dem Verband vertretenen Musikverlage auf.

Das heißt im Klartext als Appell an den Verbraucher: keine CDs mehr kaufen. „Mit den Erlösen aus den CD-Käufen bezahlt die Musikindustrie die Klagen gegen unsere Kinder. Wieso sollten wir als Gesellschaft dem Gegner auch noch seine Munition finanzieren?“, so die Argumentation des CCC. Die Branche solle nicht den Nutzern die Schuld geben, wenn sie selber den Beginn des Informationszeitalters verschlafen und es versäumt hat, ihr Geschäftsmodell an die digitale Welt anzupassen, heißt es weiter.

Branche selber schuld

Mangelhafte Qualität bei neuer Musik, hohe CD-Preise und einfachere Suche nach bestimmten Titeln bei Tauschbörsen wie Kazaa oder eMule, das seien Gründe für die Attraktivität der so genannten P2P-Netzwerke. Die Musikindustrie sei selbst schuld an ihren Problemen. Es gehe nur noch darum, die Nutzer von Tauschbörsen einzuschüchtern. Die – auch nach der Novellierung des Urheberrechts im vergangenen Herbst erlaubte – Privatkopie werde auf dieselbe Stufe gestellt wie Kinderschänder und Rechtsradikale.

Harte Worte vom CCC. Nach spektakulären Strafanzeigen in den USA haben die Phonoverbände in Deutschland in einer ersten Welle 68 Strafanzeigen erstattet. Den Umsatzrückgang von 19,8 Prozent im Jahr 2003 führt die Branche vor allem auf illegales Kopieren von Musik zurück. Schadenersatzforderungen wie in den USA sind nach Einschätzung des CCC in Deutschland aber nicht durchsetzbar. Der Chaos Computer Club steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Vor zwei Wochen hatten die Grünen eine Postkartenaktion für das Recht auf Privatkopien gestartet. Nach starker Kritik wurde die Werbung dafür vorerst eingestellt.

Unterdessen macht ein Internet-Musikladen nach dem anderen auf, um den Tauschbörsen das Wasser abzugraben. Auf der Cebit hatte die Industrie „Phonoline“ eröffnet, ein kostenpflichtiges Online-Portal zum Herunterladen von Musik. Ein Song kostet 99 Cent. Nun steht den Nutzern ein neuer Online-Shop zur Verfügung, unter jamba.de, ein Angebot mit 220000 Titeln. Ein Song für mindestens 59 Cent.

Post vom Staatsanwalt

Es geht aber eben noch billiger – mit Tauschbörsen. Um deren Fans konkret Strafe anzudrohen, brauchen Industrie und Staatsanwaltschaft die Hilfe der Internet-Anbieter, die im Verdachtsfall die Adresse eines Nutzers herausgeben müssten. Dass das nicht so einfach ist, zeigt ein Fall aus Kanada. Ein Bundesrichter in Toronto urteilte, dass Internet-Anbieter nicht gezwungen werden können, die Namen von Teilnehmern an Tauschbörsen zu nennen. Das Bereitstellen von Musikstücken auf einem Computer stelle an sich noch keine Urheberrechtsverletzung dar. Es geht es um 29 Internetnutzer, die die kanadische Plattenindustrie wegen Musikpiraterie in mehr als 1000 Fällen verklagen wollte. Für den Tatbestand der Urheberrechtsverletzung müssten die Musiktitel aktiv an andere Nutzer verteilt oder verschickt werden. Die Musikkonzerne hätten keinen Beweis vorgelegt, dass die betroffenen Computerbesitzer tatsächlich mit dem illegalen Kopieren der Dateien von ihren Rechnern einverstanden gewesen seien.

Die 68 deutschen Beklagten werden sich dieses Urteil genau anschauen.meh

Boykott-Diskussion im Internet:

www.tagesspiegel.de/forum/musik

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