Zeitung Heute : Keine Chance, aber er will sie nutzen

Der Tagesspiegel

Von Sabine Beikler

Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Noch ziert sich Christian Ströbele vor einer Direktkandidatur im Ost-West-Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost, für die Partei ist seine Kandidatur dagegen ausgemachte Sache. Heute will der Grünen-Kreisverband die Einladungen zu einer Mitgliedervollversammlung verschicken. Tagesordnungspunkt: Nominierung des Direktkandidaten im Wahlkreis 84. Nächste Woche will sich Ströbele endgültig entscheiden. Aufmunternde Stupser von seinen Parteifreunden braucht er eigentlich nicht mehr: Er findet eine Kandidatur „sehr reizvoll“ und meint die in Berlin. Angebote aus anderen Ländern hat er abgelehnt.

Das Reizvolle für Ströbele ist der Wahlkreis: Neben Mitte mit Tiergarten und Wedding ist Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Stückchen Pankow der einzige Ost-West-Stimmbezirk in der Stadt. Ströbele weiß aus Erfahrung, dass eine Direktkandidatur als Bündnisgrüner „bisher nie geklappt“ hat. 1994 erzielte er als Direktkandidat in Schöneberg-Kreuzberg mit 28 Prozent ein gutes Ergebnis: In den Bundestag zog er dennoch nicht ein, weil ihm die Absicherung über einen vorderen Listenplatz gefehlt hatte. Vier Jahre später holte er trotz des bundesweiten „Schröder-Effekts“ für seine Partei ein überragendes Ergebnis: Als Direktkandidat in Kreuzberg-Schöneberg bekam er 29,6 Prozent der Stimmen. Ströbele verlor zwar seine Direktkandidatur gegen den SPD-Politiker Eckhardt Barthel (38,5 Prozent). In den Bundestag aber kam er über Listenplatz zwei.

Zur Wahl 2002 würde Ströbele ohne Listenplatz und gegen den SPD-Politiker Andreas Matthae und die parteilose Bärbel Grygier (für PDS) antreten. Für Ströbele eine gut Konstellation: Matthae ist unbekannt, und der PDS-Politikerin Grygier nehmen es viele übel, dass sie ihr Bürgermeisteramt in Friedrichshain-Kreuzberg zugunsten des Bundestagsmandats aufgab. Dass Christian Ströbele als Parteilinker, Mitglied im parlamentarischen Untersuchugsausschuss, als Verfechter der Demokratierechte und als Kriegsgegner ohne pazifistischen Ansatz bundesweit bekannt ist, wollen sich die Berliner Grünen zunutze machen. Landesvorstandssprecherin Regina Michalik garantiert die „volle Unterstützung“. Das Direktmandat zu gewinnen sei zwar schwierig, aber „nicht aussichtslos“.

Die Partei erwartet von Ströbele den Spagat, sowohl die Kreuzberger Stammwähler, als auch diejenigen Wähler einzubinden, die den Grünen-Kurs im Afghanistan-Konflikt nicht mehr gutheißen konnten. Ströbele werden Attribute wie „authentisch, moralisch, ehrlich“ angehängt, es gibt aber auch Basis-Grüne, die ihn aufgrund seines Abstimmungsverhaltens im Bundestag über die Entsendung von Bundeswehrsoldaten als „Außenminister-Freund“ bezeichnen.

Man ziert sich im Kreisverband schon, eine Kandidatur Ströbeles als das Nonplusultra zu verkaufen. Eine „Alibi-Veranstaltung“, bei der Ströbele „richtig verheizt werden könnte“, befürchten einige Parteifreunde vom Wahlkampf. Dann wäre es um Ströbele endgültig geschehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!