Zeitung Heute : Keine Gentherapie für die Seele

Urban Media GmbH

Von Rosemarie Stein

Auch genetisch mitbedingte seelische Störungen lassen sich behandeln. Haben die Psychotherapeuten also bisher stumm und steif vor der Genforschung gesessen wie das Kaninchen vor der Schlange? Fürchteten sie um ihre berufliche Identität, weil jetzt erwiesen ist, dass auch psychische Störungen eine genetische Wurzel haben können? Jedenfalls haben sie sich an der Genetik-Debatte bislang kaum beteiligt, hieß es jetzt auf dem 14. Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung, der noch bis Mittwoch in Berlin stattfindet.

Mit der plakativen Titelfrage „Gentherapie statt Psychotherapie?“ ist die Tagung der Einstieg in die Debatte für die Verhaltenstherapeuten, von deren Fachgesellschaft sie hauptsächlich getragen wird. Im Zentrum stehen zwei Aspekte: Zum einen die Frage, wie weit Gesundheit und Krankheit, Eigenschaften und Verhalten genetisch determiniert sind und was das für die Therapie bedeutet; zum anderen die Notwendigkeit, all jene psychologisch zu beraten, die erst vor der Entscheidung für einen genetischen Test stehen und dann mit dem Ergebnis fertig werden müssen.

Gleich zu Beginn des Kongresses stellten führende Humangenetiker den populären Hoffnungen und Befürchtungen ganz realistisch die Fakten entgegen. „Die Gene sind nicht unser Schicksal“, betonte Karl Sperling (Berlin), auch wenn durch die derzeitige Ü berschätzung genetischer Faktoren in der Öffentlichkeit dieser Eindruck entstand. Ein „Intelligenz-Gen“ etwa oder ein „GlücksGen“ gibt es nicht. Eigenschaften und Merkmale entstehen durch das Zusammenwirken vieler Gene und Umwelteinflüsse.

Gehirn und Verhalten

Die Frage, ob die genetische Ausstattung das menschliche Verhalten bestimmt, beantwortete auch der Bonner Humangenetiker Peter Propping mit einem klaren Nein. Er nannte dazu ein paar Zahlen: Unser Gehirn ist das komplizierteste Organ überhaupt. Wir haben etwa 100 Milliarden Nervenzellen, aber nur 30- bis 40 000 Gene – „und wir wissen nicht, wie sie es schaffen, die enorme psychische Varianz zustande zu bringen“.

Am ehesten können die Genetiker schon etwas über die Disposition zu Krankheiten sagen. Aber wirklich sicher sind sie sich nur bei den seltenen monogenen, also durch ein einziges mutiertes Gen bedingten Leiden. Weit häufiger sind die polygenen Krankheiten. An der Disposition dafür sind mehrere Gene zugleich beteiligt, und ausgelöst werden sie meist erst durch Umweltfaktoren.

Dass auch psychische Krankheiten wie Depressionen, Schizophrenie oder Angststörungen genetisch mitbedingt sein können, ist durch Zwillingsstudien bekannt. Wie Propping sagte, leiden eineiige, also genetisch identische Zwillinge häufiger beide an derselben Krankheit als zweieiige. Die Veranlagung spielt also eine Rolle, reicht aber nicht aus, sonst würden eineiige Zwillinge ausnahmslos beide erkranken. Es muss noch ein Auslöser hinzukommen.

Die genetische Mitbedingtheit einer psychischen Störung ist kein Hindernis für eine erfolgreiche Psychotherapie, sagte Propping und wies darauf hin, dass gerade Angststörungen sich verhaltenstherapeutisch gut behandeln lassen. Die nüchternen Darstellungen der Genetiker machten den Psychologen klar, dass sie keineswegs überflü ssig werden, im Gegenteil. Denn, so Sperling: „Die Gentherapie spielt in der Humangenetik keine Rolle und wird es wohl auch in Zukunft nicht tun.“

In etwa drei Jahren werden fast alle monogenen Krankheiten vorhersagbar sein, sagte Schmidtke. Immer mehr prädiktive genetische Tests sind immer leichter zugänglich; es werden schon ganze Testbatterien kommerziell angeboten. Screening-Programme ohne intensive Beratung sind den Humangenetikern aber höchst fragwürdig. Sie haben auch die Erfahrung gemacht, dass sich die Leute umso seltener für Gentests entscheiden, je besser sie aufgeklärt sind.

Laien sind leicht überfordert, wenn sie Nutzen und Schaden eines Tests gegeneinander abwägen sollen, gab auch die Tübinger Humangenetikerin Sigrid Graumann zu bedenken. Der Nutzen ist begrenzt, weil es vielfach keine oder nur geringe Möglichkeiten der Therapie gibt. Der Schaden aber kann beträchtlich sein, denn das Testergebnis ist sehr belastend, wenn die Betroffenen damit rechnen müssen, dass später eine schwere Krankheit bei ihnen ausbricht. Die humangenetische Beratung, die vor allem Wissen vermittelt, reicht daher nicht aus und sollte um eine psychologische Beratung ergänzt werden, sagte Sigrid Graumann den Teilnehmern: „Mit den Gentests kommt ein wichtiges Aufgabenfeld auf Ihre Profession zu.“

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