Zeitung Heute : Keine Kraft von außen

Viele Gruppen im Exil wollen an einer Nachkriegsregierung im Irak beteiligt sein. Große Chancen haben sie nicht

Matthias Thibaut[London]

Die „Befreiung“ südirakischer Städte wie Umm Kasr und Basra und die Organisation erster Hilfslieferungen gibt den Bündnispartnern einen Vorgeschmack auf die immensen Schwierigkeiten, die der Wiederaufbau des Irak bieten wird.

Anders als in den autonomen Kurdengebieten im Nordirak, wo es bereits intakte Verwaltungen gibt, fehlt es in den südirakischen Städten und in Bagdad, an jeder oppositionellen Infrastruktur. Niemand weiß, was für Personen und Interessengruppen ihre Ansprüche geltend machen werden, wenn das Regime einmal beseitigt ist.

„Es ist, wie wenn man den Deckel von einem Dampfdrucktopf nimmt“, schrieb Gareth Stansfield von der Universität Exeter in einer Studie der irakischen Opposition für das Royal Institute of International Affairs. Ihm zufolge „beten“ zumindest die Briten, dass eine mögliche Führungskraft eines neuen Irak in den Monaten nach dem Krieg im Lande selbst heranwächst. Denn die Oppositionsgruppen, die sich in den vergangenen Jahren im Exil – besonders in Großbrittannien – gebildet haben, sind hoffnungslos zerstritten. Es fehlt ihnen an Legitimität gegenüber den Irakern, die unter Saddam gelebt haben. Zudem favorisieren die Nachbarstaaten des Irak jeweils andere Gruppen.

Als die Amerikaner im vergangenen Jahr nach langem Zögern 91 Millionen US-Dollar für die irakischen Oppositionsgruppen freigaben, musste das Geld unter zwölf Alternativen aufgeteilt werden. Die Zuversicht, aus ihnen nach dem Beispiel der Afghanistan-Konferenz in Bonn eine neue Führung herauszukristallisieren, endete Mitte Dezember im Londoner Edgare Road Hilton. Unter sanftem Druck des amerikanischen Sonderbeauftragten Zalmay Khalilzad sollte dort eine Art irakischer Exilregierung gebildet werden. Alles, was man schaffte, war ein zwanzigköpfiges Konsultationsgremium, das inzwischen über 70 Mitglieder haben soll. Eine Folgekonferenz im Februar im nordirakischen Salahadin hat die Fragmentierung eher noch vergrößert.

Die bekannteste und chancenreichste Gruppe ist der Dachverband Irakischer Nationalkongress (INC) unter Ahmed Chalabi. Ihm angeschlossen sind die wichtigen kurdischen Gruppierungen KDP und PUK, die in den neunziger Jahren allerdings zerstritten waren. Der INC hat die Unterstützung von CIA und Pentagon – was heute zu Akzeptanzproblemen führt. Umstritten ist auch der charismatische Chalabi selbst, der schon seit 1956 im Exil lebt. Überdies gehört er als Schiite nicht zur traditionellen irakischen Machtelite der Sunniten.

Andere Gruppen sind der Iraqi National Accord (INA) unter Führung von Ayyad Alawi, ein Zusammenschluss von Armeeoffizieren und Dissidenten von Saddams Baath-Partei, die vergeblich versuchten, einen Putsch zu organisieren. Die Unterstützung des Iran hat der schiitische SCIRI (Rat für die islamische Revolution im Irak) von Mohammed Bakr al Hakim. Eine weitere Schiitengruppe ist die Islamische Dawa-Partei, und es gibt die Irakische nationale Koalition sowie eine Bewegung für konstitutionelle Monarchie.

Ein gemeinsamer Nenner dieser Gruppen ist die Verpflichtung auf einen modernen Rechtsstaat und eine föderale Staatsstruktur, in der die fragmentierte Gesellschaft von Kurden, Sunniten und Schiiten in der existierenden territorialen Einheit des Irak zusammengebunden wird.

Aber wenn es an den Wiederaufbau geht, werden diese gemeinsamen Ziele durch persönliche Rivalitäten und die Schwierigkeiten einer nationalen Aussöhnung nach Jahren des brutalen Unterdrückerregimes aus den Augen verloren.

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