Zeitung Heute : Keine Luft nach oben

Der WWF hat einen „touristischen Klima-Fußabdruck“ erstellen lassen. Wie wirken sich Urlaubsreisen auf die persönliche Klimabilanz der Deutschen aus?

Dagmar Dehmer

Ein Urlaub in Mexiko ist unter Klimagesichtspunkten fast genauso schädlich wie 30 Familienreisen auf die Ostseeinsel Rügen. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie, die das Öko-Institut im Auftrag des Umweltverbands WWF erarbeitet hat. Das Öko-Institut hat für sieben typische Reisen einen „Klima-Fußabdruck“ berechnet. Dabei landete eine Mexiko-Reise für 14 Tage mit zwei Personen mit 7218 Kilogramm Kohlendioxid (CO2) an der Spitze der klimaschädlichen Reisen. Die beste Bilanz weist eine fünftägige Kulturreise für zwei Personen mit dem Bus nach Norditalien mit 216 Kilogramm CO2 auf.

Gleich danach folgt der 14-tägige Familienurlaub auf Rügen für vier Personen, Anreise mit dem Auto. Dafür fallen 258 Kilogramm an. Ein typischer Wellness-Urlaub im Allgäu mit drei Personen bringt es trotz der Anreise mit der Bahn auf 297 Kilogramm CO2. Ein siebentägiger Skiurlaub in Österreich für eine Person und Autoanreise fügt 422 Kilogramm CO2 zur Klimabilanz hinzu. Ein Strandurlaub auf Mallorca für zwei Wochen mit drei Personen und eine Mittelmeerkreuzfahrt für zwei Personen sind nahezu gleich klimaschädlich: 1221 beziehungsweise 1224 Kilogramm CO2.

Das Öko-Institut analysierte auch das Reiseverhalten der Deutschen insgesamt. Würden alle Menschen auf dem Globus so häufig und so weit reisen wie die Deutschen, würden die durch Tourismus bedingten Treibhausgasemissionen auf mehr als fünf Milliarden Tonnen steigen, sagt die WWF-Reiseexpertin Birgit Weerts. „Das deutsche Reiseverhalten kann kein Vorbild für andere Länder sein“, meint sie. Zwar führen noch immer die meisten Reisen der Deutschen zu Zielen im Inland. Doch mit 13,6 Prozent folgen Spanienreisen, 7,3 Prozent der Reisen führen nach Italien, mit 6,1 Prozent folgt die Türkei als drittbeliebtestes Reiseland, dicht gefolgt von Österreich mit 5,9 Prozent. Zwischen diesen beiden Reisezielen liegt bereits der Bereich der interkontinentalen Fernreisen mit sechs Prozent Marktanteil. Nach Angaben der UN-Tourismus-Organisation UNWTO ist der weltweite Tourismus zurzeit für rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Der WWF fordert nun von der Reisebranche, den Touristen zumindest einmal die Informationen über die Klimarelevanz ihrer Reiseentscheidungen zur Verfügung zu stellen. „Verbraucher müssen schon im Reiseprospekt über die Umweltfolgen eines Urlaubs informiert werden. Auf alle Fälle sollten die Emissionen von notwendigen Reisen in qualitätsgesicherten Projekten ausgeglichen werden“, wünscht sich Weerts.

Allerdings fordert der WWF deshalb nicht als ausschließliches Reiseziel den heimischen Balkon. Auch der WWF selbst setzt mit einigen seiner Artenschutzprojekte auf Touristen als Einnahmequellen, um langfristig Schutzgebiete in Entwicklungsländern erhalten zu können. Ein Beispiel ist das Regenwald- Schutzgebiet Dzanga- Shanga in der Zentralafrikanischen Republik. Die seltenen Gorillas und Waldelefanten im Kongo-Becken seien nur zu schützen, wenn sich das Schutzgebiet für die Menschen in der Region „rechnet“, sagt der verantwortliche WWFMitarbeiter in Kinshasa, Andre Kandem Toham. Rund 40 Prozent der Einnahmen aus dem Öko-Tourismus in das Schutzgebiet werden an die umliegenden Gemeinden überwiesen, berichtet er.

WWF-Sprecher Ralph Kampwirth sagt dazu: „Für uns ist das kein Widerspruch. Wir geben aber zu, dass auch wir keine endgültigen Antworten haben.“ Kampwirth weist zudem darauf hin, dass die „Reisen in WWF-Projektregionen ein kleines Marktsegment“ seien. Diese Reisen könnten auch nicht „massenhaft“ verkauft werden.

Der WWF empfiehlt deshalb jedem Touristen, sich über die Folgen seiner Reisepläne bewusst zu werden. Je näher das Reiseziel, desto besser fürs Klima. Wenn auf Flugzeug oder Auto verzichtet werden kann, umso besser.

Der WWF hat einen Internetrechner entwickelt, mit dem der Klima-Fußabdruck von Reisen errechnet werden kann: www.wwf.de/themen/klimaschutz

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