Zeitung Heute : Keine Militanz!

Der Tagesspiegel

Der 70. Tag ohne Nikotin - Ein Selbsversuch

Ich bekenne mich gern zum Nichtrauchen, aber ich halte es für verfrüht, mich als Nichtraucher zu bezeichnen. Ich fühle mich längst noch nicht sicher vor einem möglichen Rückfall. Heute sind es zehn Wochen, die mich von der letzten Zigarette trennen, geraucht im Morgengrauen des 1. Januar. Seither hat das Grauen ein Ende, und ich habe auf ungefähr eintausendsiebenhundertfünfzig Zigaretten verzichtet.

Das kommt mir wie ein kleines Wunder vor, wenn ich mir vorstelle, dass ich vor diesem magischen 1. Januar nicht einmal einen Tag ohne Zigarette durchgestanden hätte. Obwohl ich es mir vor unzähligen Frühstücken fest vorgenommen hatte, nicht mehr zu rauchen – und jedesmal nach dem letzten Bissen wieder eine Kippe anzündete.

Zwischen meinem festen Vorsatz und der traurigen verrauchten Wirklichkeit stand die Sucht wie eine unüberwindbare Mauer. Und deshalb fühle ich mich nach zehn rauchfreien Wochen wie in ein Paralleluniversum versetzt, in eine Welt ohne das quälende Verlangen nach Stoff, frei von Reizhusten und verteerten Atemwegen. Mein Lieblingssatz lautet:„Nein danke, ich rauche nicht“, und ich sage ihn mit diesem seligen Lächeln, das man sonst nur von Angehörigen fundamentalistischer Religionsgruppen kennt.

Aber so ganz traue ich meinem Bekenntnis noch nicht. Besonders hart ist es, wenn ich an dieser Tür vorbeikomme, an die Kollegen den ausladenen Spruch „Dies ist ein Nichtraucher-Büro“ gehängt haben. Wann immer ich ihn lese, möchte ich mir aus Protest am liebsten sofort eine anstecken. Mir ist ein bisschen bange, dass ich auch einer von diesen unerträglich militanten Abstinenzlern werde. Stephan Wiehler

Fortsetzung am Montag kommender Woche

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