Zeitung Heute : „Keine Nervbacken dabei“

Manuel Andrack ist Assistent von Harald Schmidt, mag den 1. FC Köln und die Nationalmannschaft und hat außerdem schon jede Menge WM-Erfahrung. Die Nacht vor dem Finale 1990 verbrachte Andrack dezent alkoholisiert auf einer Isomatte vor dem Olympiastadion in Rom. Für die WM 2006 hat Andrack allerdings deprimierende Nachrichten: Holland wird Weltmeister.

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Manuel Andrack, Sie sind WM-Veteran. Zur WM 1990 trampten Sie nach Italien. Ihre erste WM?

Nein, bewusst habe ich die WM 1982 in Spanien mitbekommen. Aber am eindrucksvollsten war natürlich Italien 1990. Ich bin mit meinen Kumpels mit dem Zug runtergefahren und habe mir auf dem Schwarzmarkt ein Ticket für 200 000 Lire gekauft, das waren umgerechnet 200 Mark. Aus dem Kontingent der Tschechoslowakei. Quasi von der Vespa aus weggekauft.

Damals kickten noch eigenwillige Charaktere mit. Lothar Matthäus, Andi Brehme fallen uns da ein …

Um Gottes willen! Also alle, die einem immer auf den Sack gegangen sind. Nein, das ist eine sehr angenehme Entwicklung, dass da diesmal nicht so eine Nervbacke dabei ist. „Eigenwillige Charaktere“ ist doch bloß ein Euphemismus für „Nervensäge“.

Heute gehen alle Spieler schon um neun ins Bett und essen Nougataufstrich aufs Brot.

Ist doch super. Die konzentrieren sich wenigstens auf das Wesentliche. Und das ist nun mal das Sportliche. Ich will doch keine Spieler sehen, die sich nachts die Hucke vollsaufen und morgens todmüde zum Training schleichen. Die sind auch eigentlich vorbei, diese Geschichten.

Ihr Tipp für die WM?

Deutschland wird Finalist. Scheitert im Endspiel an Holland.

Woher die Zuversicht?

Der Mannschaft traue ich nicht so viel zu, aber dem Publikum. Ist ja immerhin ein Heimspiel. Das Team ist keinen Deut schlechter als das, das 2002 Vizeweltmeister geworden ist. Warum sollte das nicht wieder gelingen? Ich habe das Turnier mal vorab durchgespielt, und da ist Deutschland ziemlich geschmeidig ins Finale gekommen. Achtelfinale Schweden ausgeschaltet, Viertelfinale, Elfenbeinküste usw. Das ist ja sowieso mein Tipp, dass Argentinien in der Vorrunde rausfliegt.

Wieso?

Na, die sind mit Holland, Elfenbeinküste und Serbien-Montenegro in einer Gruppe und können froh sein, wenn sie da einen Punkt holen.

Deutschland mal beiseite gelassen, gibt es ein Land, dem Sie den Titel besonders gönnen würden?

Nein. Da bin ich überzeugter Nationalchauvinist. Natürlich darf nur Deutschland den Titel holen.

Früher war das ja so: Deutschland kickte miserabel, kam aber trotzdem ins Finale. Das nannte man dann ein wenig beschönigend deutsche Tugenden.

Klar, wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass diese Tugenden den Erfolg bringen. Sind ja oft genug runtergebetet worden, diese ganzen Sätze: „Es gibt keine Kleinen mehr.“ Oder auch: „Die anderen haben aufgeholt.“ Man muss sich nur mal das Champions-League-Finale anschauen: Da standen in Arsenals Startelf mit Jens Lehmann ein einziger Deutscher und immerhin zwei Spieler von der Elfenbeinküste. Das zeigt doch, dass die Chancen der Ivorer bei der WM nicht unbedingt geringer sind als die von Deutschland.

Das bedeutet?

Die Weltmeisterschaften werden halt ein bisschen unspannender. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diesmal ein Team kommt, das uns alle so überraschen wird. Selbst wenn die Ukraine oder die Elfenbeinküste ins Halbfinale kommen sollte: Ist das dann tatsächlich eine große Überraschung? Ich finde nicht. Man hat den ukrainischen Stürmer Schewtschenko nun schon öfter in der Champions League wirbeln sehen. Überhaupt kennt man all die Jungs, die bei einer WM herumturnen, ja schon. Bei Kroatien tauchen dann ein paar Herren mit „-vic“ und „-vac“ im Namen auf, und die kennt man dann auch aus der englischen Liga oder der Bundesliga.

Also warten wir vergeblich auf den Shooting-Star, den jetzt noch keiner kennt und der hinterher als Wunderkind durch die Gazetten gejagt wird?

So was wird es nicht mehr geben. Wer war denn der Star bei der WM 2002? Das waren Kahn und Ronaldo. Und die kannte jeder auch schon vorher. Es gibt diese WMs nicht mehr, bei denen ein neuer Star geboren wird, die von einem Spieler geprägt werden. Da gab es 1958 die „Pelé-WM“, das WM-Turnier 1986 wurde fast ausschließlich durch Diego Maradona bestimmt. Das ist heute nicht mehr möglich. Eine Entwicklung, die übrigens schon 1990 abzusehen war. War in Italien Matthäus der große Star? Finde ich nicht.

Vielleicht wird ja Lukas Podolski die Entdeckung des Turniers. Als leidenschaftlichen Kölner muss Sie dessen Weggang doch schmerzen. Solch ein Jahrhunderttalent hat man selten.

Das war ja absehbar, außerdem ist ja wohl ein ganz schönes Sümmchen herausgekommen, das jetzt wieder traditionell schlecht angelegt werden kann. Aber was soll es, Podolski hat ja schon letzte Saison keine Lust mehr gehabt, für uns zu kicken. Den mussten wir gehen lassen.

Und nun startet Podolski durch.

Offiziell spielt er bis zum Beginn der kommenden Saison unter Kölner Label. Und damit setzt er ganz konsequent die Reihe der Kölner Weltmeister fort.

Die Kölner Weltmeister? Sie sprechen in Rätseln.

In jedem deutschen WM-Team war mindestens ein Akteur aus Köln. Und das ist ein Kunststück, das außer uns Kölnern keinem Klub gelungen ist. Im Jahr 1954 war noch nicht die Zeit der Bayern und bei der WM 1990 schon nicht mehr die Zeit der Lauterer.

Das Gespräch führte Ozan Sakar

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