Zeitung Heute : Keine Notwendigkeit von Verboten im Vorhinein - FSF-Chef Gottberg bleibt gelassen

Seit Mittwoch abend kennen wir die Regeln und Kandidaten der Reality-Soap "Big Brother". Fünf Frauen und fünf Männer für 100 Tage in einem Containerhaus. Im Sinne der jugendschützerischen Betrachtung ist zu hoffen, dass die fünf Frauen den einen, die fünf Männer den anderen der beiden Schlafräume bewohnen. Spannender wäre es wohl, wenn es nicht dabei bliebe. 100 Tage Diskussion im Container wären höchstens für Psychologen als Weiterbildung in Sachen Gruppentherapie interessant. Auf Konfliktpotenzial wurde deshalb geachtet. Jeder gibt sich überzeugt, dass er die Siegerprämie mit nach Hause nehmen wird. Einige der Teilnehmer leben in festen Beziehungen, zum Beispiel Jana, die ihr Geld mit Telefonsex verdient. Die Informatikstudentin Despina ist gerade solo, träumt aber von der großen Liebe. Alexander gibt sich cool.

Die Kandidaten können jederzeit aussteigen. Zeitungen und Fernsehen gibt es nicht, auch kein Telefon, was vor allem für Janas Kunden ein Problem werden könnte. Wie es weitergeht und was davon zu sehen sein wird, wissen wir noch nicht. Dank der hellseherischen Fähigkeiten von Ministerpräsident Kurt Beck wissen wir aber, dass diese Sendung gegen die Menschenwürde verstößt. Trotz der Freiwilligkeit der Teilnehmer sei fraglich, ob sie die persönlichen Folgen des Gruppendrucks und der täglichen Beobachtung durch ein Millionenpublikum realistisch einschätzen können. Sendungen wie "Big Brother" drohen die Trennung zwischen Intimität und Öffentlichkeit aufzuheben. Aus Quotengründen könnte irgendwann, so eine böse Vision, die Armut oder der Veröffentlichungswahn von Menschen ausgenutzt werden, um sie in Experimenten wie im Zoo einem Millionenpublikum vorzuführen. Nichts bleibt geheim, bis in sexuelle Intimitäten hinein. Eine Diskussion um die Verantwortung der Sender gegenüber den Menschen, die sie der Öffentlichkeit preisgeben, ist wichtig. Ethische Grenzen müssen notfalls gesetzlich gezogen werden. Aber muss man im Vorhinein schon Verbote fordern? Ist die Fürsorgepflicht des Staates plötzlich so groß, dass man Menschen vor selbstbestimmten Entscheidungen bewahren muss, obwohl sie sich sonst mit Unterschriften etwa unter dubiose Kreditverträge um Kopf und Kragen bringen können?

Die erste Sendung wirkte eher unspektakulär. Die Kandidaten sind mehr oder weniger sympathisch, aber man hatte den Eindruck, als wüssten sie, was sie tun. Nun muss man abwarten, ob es zu harten Konflikten kommt und wie sie ausgetragen werden. Der Sender ist gut beraten, wenn er im täglichen Zusammenschnitt Respekt gegenüber den Menschen entwickelt, die aus exhibitionistischen Motiven voyeuristische Neigungen des Publikums bedienen. Wenn die Konflikte aus den Fugen geraten oder wenn die Kandidaten rücksichtslos vorgeführt werden, muss notfalls über Verbote nachgedacht werden. Bisher besteht dazu noch kein Anlass. Zudem hat die Forderung von Verboten der Sendung zu einem Hauch von Sensation und Tabubruch verholfen. Diskussion heißt, dass auch der andere Recht haben kann. Vielleicht liegt Herr Beck mit seiner Prognose richtig, vielleicht beweist die Gruppe aber auch, dass man, anders als in der Politik, Konflikte menschlich, kooperativ und mit moralischer Kompetenz lösen kann.

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