Zeitung Heute : Keine Rendite ohne Risiko

Der Markt für Finanzprodukte soll in einen einheitlichen Rechtsrahmen eingepasst und verständlicher werden.

Herbert Haas, Vorstandsvorsitzender der Talanx AG, greift zum Börsenstart seines Unternehmens Anfang Oktober auf dem Parkett der Börse in Frankfurt in Main zur „Börsenglocke“, mit der der Börsengang eingeläutet wird. Foto: dpa
Herbert Haas, Vorstandsvorsitzender der Talanx AG, greift zum Börsenstart seines Unternehmens Anfang Oktober auf dem Parkett der...Foto: dpa

Private Placement, Outperformance, Cashflow, Bottom Up – alles klar? Oder haben Sie etwa nichts verstanden? Wenn nicht, keine Sorge. Denn dann dürfte es Ihnen wie den meisten Kunden gehen. „Informationen über Finanzprodukte sind oft unverständlich", erklärt Oliver Haug vom H & H Communication Lab in Ulm. „Kunden müssen viele Barrieren überwinden, um die Texte wirklich zu verstehen.“ Im Zweifel hilft daher nur eines: nachfragen.

Zusammen mit der Universität Hohenheim in Stuttgart untersuchte Haug 2011 unter anderem Jahresberichte von Fondsgesellschaften und Produktinformationsblätter von Banken. Das Ergebnis: Verbraucher mit einem durchschnittlichen Bildungsgrad konnten viele der untersuchten Dokumente nicht verstehen. „Die Papiere wiesen mitunter den Schwierigkeitsgrad einer Doktorarbeit auf“, erklärt Haug. Ihr Ziel, den durchschnittlichen Kunden zu informieren, verfehlten sie damit. Die Branche hat das Problem inzwischen erkannt. So hat die Deutsche Kreditwirtschaft gemeinsam mit Verbraucherschützern, Anlegervertretern, dem Bundesverbraucher- und dem Finanzministerium sowie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht eine Arbeitsgruppe gegründet. „Das Ziel ist, bis zum kommenden Jahr Hilfestellungen für die sprachliche Gestaltung von Produktinformationsblättern zu erarbeiten, um ihr Verständnis zu erleichtern“, erklärt Dietrich Lange von der Deutschen Kreditwirtschaft (DK). Fremdwörter und Bandwurmsätze sollen bald Vergangenheit sein.

Dies ist nicht die einzige Änderung, die Börsengeschäfte durchsichtiger machen soll. Spätestens ab Mitte kommenden Jahres gelten für Fonds neue Regeln. Auslöser ist die so genannte AIFM-Richtlinie, mit der die Europäische Union „die Verwaltung alternativer Investmentfonds“ vorschreibt. Die Umsetzung durch das Bundesfinanzministerium liegt im Entwurf vor. Zukünftig sollen alle Fonds unter ein Dach gepresst werden, das des Kapitalanlagengesetzbuches (KAGB). Damit gäbe es für so unterschiedliche Produkte wie Hedgefonds, offene Immobilienfonds, geschlossene Fonds oder Private Equity-Fonds einen einheitlichen Rechtsrahmen. Für Fondsanbieter wie für private Anleger hätte das erhebliche Konsequenzen. Auf die Emittenten von Fonds kommt 2013 organisatorische und administrative Mehrarbeit zu. Die Gesellschaften müssen laut KAGB künftig über ein Risikomanagement verfügen, über ein Interessenkonflikt- und Liquiditätsmanagement sowie ein Meldewesen. Außerdem müssen sie zwei geeignete Geschäftsleiter haben, einen Aufsichtsrat und ausreichendes Mindestkapital. Lediglich Verwalter kleiner Spezialfonds sind davon teilweise befreit. Geschlossene Fonds sollen nach dem Entwurf aus Berlin nur noch in bestimmte Vermögensgegenstände investieren dürfen – in Immobilien, Schiffe, Flugzeuge oder Windkraftanlagen beispielsweise. Container-, Lokomotiven- oder Wald-Fonds wird es demnach bald nicht mehr geben. Geschlossene Fonds, die noch erlaubt sind, werden eine Risikostreuung vornehmen müssen, in dem sie das Geld ihrer Anleger in mehrere Objekte stecken. Ist ein Fonds nur in einem Objekt investiert, besitzt er nur ein Hotel oder ein Tankschiff, dürfen nur noch so genannte „qualifizierte“ Anleger mit mindestens 50 000 Euro diesen Fonds zeichnen. Damit wäre Kleinanlegern, die sich bisher mit Beträgen von 5000 oder 10 000 Euro an Einkaufszentren oder einem Passagierjet beteiligen können, der Zugang versperrt. Damit nicht genug.

Ein geschlossener Fonds, an dem Privatanleger beteiligt sind, darf laut Gesetzesentwurf nicht mehr als 30 Prozent Fremdkapital einsetzen. Außerdem muss jährlich der Wert des Fonds ermittelt und den Anlegern mitgeteilt werden. Offenen Immobilienfonds droht sogar das Aus. Wenn es nach Finanzminister Wolfgang Schäuble geht, dürfen künftig keine neuen Produkte dieser Assetklasse mehr aufgelegt werden.

Vermögensverwalter und Anlageberater empfehlen Privatleuten geschlossene Fonds als Beimischung zum Portfolio. „Allerdings höchstens 20 Prozent“, sagt Mihail Topalov von der Ratingagentur TKL in Hamburg. Er rät, auf die Rendite- Risiko-Relation zu achten und sich die den Fonds ausgebende Gesellschaft „genau anzuschauen“. Diese müsse eine solide Expertise besitzen. Topalov hält deswegen erfahrene Nischenplayer für gut. Als Beispiele nennt er die Emissionshäuser Wattner – einen Experten für Solaranlagen – und Immac, den Marktführer für Alten- und Pflegeheimfonds. Letzteres sei außerdem eine Branche, die vom demografischen Wandel enorm profitieren werde.

Neben Alten- und Pflegeimmobilien sind geschlossene Hotelfonds ein kleines Segment, das nach Überzeugung von Daniel Sohler, Analyst der Berliner Scope Group, „durchaus Sinn machen kann“. Man müsse sich aber etwas in der Branche auskennen und die Pachtverträge und den Pächter begutachten: „Dieser sollte auf jeden Fall schon länger am Markt präsent sei“. (mit dpa)

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