Zeitung Heute : Keine Sanierung mit der Abbruchbirne

Der Tagesspiegel

VON STEFFI BEY

Lichtenberg / Marzahn. Abriss statt Leerstand – diese seit Jahren in Berlin geführte Diskussion erhält neuen Nährboden. Grund ist der Geschäftsbericht der städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Wie berichtet, betragen h die Schulden dieser 17 Unternehmen gegenüber den Kreditinstituten rund zehn Milliarden Euro. Vor allem hohe Sanierungskosten, Altschulden und Leerstand sind für die dramatische Situation verantwortlich. Während sich Abgeordnete verschiedener Parteien jetzt für „mehr Mut zum Abriss ganzer Wohnblöcke“ aussprechen, reagieren die Wohnungsbaugesellschaften zurückhaltend. Sie lehnen einen großangelegten Abriss von Plattenwohnungen aus städtebaulicher und finanzieller Sicht ab.

„Wir sanieren doch nicht unseren Bestand, um ihn dann irgendwann abzureißen“, macht Angelika Reute, Sprecherin der HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft mbH in Lichtenberg/Hohenschönhausen deutlich. So seien derzeit immerhin 83,8 Prozent der insgesamt 48000 Wohnungen komplett saniert. Entgegen dem Berliner Trend habe sich der Leerstand in diesen Quartieren gegenüber dem Vorjahr verringert und liegt zurzeit bei 4,2 Prozent. Für ein Umdenken hin zum großangelegten Abriss „ sehe das Unternehmen keinen Grund. Im Gegenteil, es werde weiter saniert, so dass sich im nächsten Jahr alle zur Gesellschaft gehörenden Wohnungen in einem modernen Zustand befinden.

Damit der Leerstand noch weiter zurück geht, will das Unternehmen neue Mieter unter anderem durch verschiedene Aktionen nach Hohenschönhausen und Lichtenberg locken. So werden kostengünstige Umzüge vermittelt und durchgeführt sowie Rabatte bei einem Küchen- und Stromanbieter gewährt. Schon seit längerem plant die HOWOGE, das Wohnhochhaus an der Möllendorffstraße abzutragen. „Das hat aber rein städtebauliche Ursachen“, betont Angelika Reute. Geplant sei eine Neuordnung des Bereiches nahe dem Lichtenberger Rathaus. Sieben neue Gebäude, ein Geschäftshaus und fünf Stadtvillen sollen dort entstehen.

Auch für die Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf (WoGeHe) erhält die Abrissdiskussion jetzt keinen Aufschwung, wie es Geschäftsführer Rudolf Kujath formuliert. Natürlich werde daran gearbeitet, den durchschnittlichen Leerstand von immerhin 14,9 Prozent zu senken. Er betont aber, dass die Quote in einzelnen sanierten Stadtteilen viel niedriger sei, am Branitzer Platz beispielsweise bei gerade mal 2,03 Prozent.

„Die Lösung“, sagt Kujath, „kann nur mehr Individualität bedeuten.“ Deshalb sollen künftig noch mehr variable Grundrisse in der Platte angeboten werden. Außerdem will das Unternehmen auf „städtebaulich attraktiven Rückbau“ setzen. Pläne für die Umgestaltung von zwei erdrückenden Elfgeschossern im Norden Hellersdorfs liegen bereits vor. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Situation plant die WoGeHe den Verkauf von weiteren 4000 Wohnungen. In den letzten Jahren wurden bislang rund 18000 Quartiere an Genossenschaften, Privatpersonen und auch an einen Amerikanischen Immobilienfonds veräußert.

Die Wohnungsbaugesellschaft Marzahn (WBG) hält dagegen ein Umdenken in Abrissfragen für erforderlich: Spricht sich aber gleichzeitig gegen ein flächendeckendes Vernichten von Plattenbauten aus. Das könne nach Ansicht des kaufmännischen Geschäftsführers Wolfgang Dobberke, niemand bezahlen. Das Ergebnis einer kürzlich vorgelegten Studie, nach der bis zum Jahre 2010 rund 7000 Wohnungen in Marzahn-Hellersdorf überflüssig werden, macht aber neue Konzepte erforderlich. Die WBG wolle sich deshalb dem Rückbau von Quartieren widmen. Dobberke könnte sich unter anderem vorstellen, Elfgeschosser auf drei Geschosse abzutragen. Außerdem sei es möglich, vereinzelt ganze Häuserblöcke zu entfernen. Er denkt dabei besonders an die in Marzahn verbreiteten bis zu 300 Meter langen „Wohnschlangen.“

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