Zeitung Heute : „Keine schweigsamen Esel mehr“

Der Tagesspiegel

17 Jahre lang morderierte Alida Gundlach die „NDR Talk Show“. Mit der Sendung Nummer 221, die heute abend um 22 Uhr auf N3 läuft, gibt sie ihren Ausstand. Sechs ehemalige Ko-Moderatoren erinnern sich an die Zeit mit ihr.

Michael Jürgs (September 1992 bis Dezember 1993)

Alida, sei froh: Keine gackernden Luderhühner mehr, bei denen du so tun musst, als würdest du dich für sie interessieren. Keine Macho-Gockel mehr, die sich vor dir aufplustern und ihre Goldkettchen mit den Viagrapillen zeigen. Keine dummen Gänse mehr und keine blöden Hunde und keine schweigsamen Esel. Stell dir mal vor, du hättest all die singenden und plappernden Eintagsfliegen aus deinen siebzehn Jahren Talkshow eingesammelt und in einem riesigen Weckglas transportiert und sie den Tieren auf deiner Finca auf Mallorca – nein, vergiss es, es hätte ihnen nicht geschmeckt. Wie angenehm die Vorstellung, dass in Zukunft Gänse nur schnattern, wenn es was zu melden gibt. Wie angenehm, wenn Hühner nur auf der Stange sitzen und echte Schweine im Dreck wühlen. Sei also froh, Alida.

Wolf Schneider (Februar 1979 bis Juli 1992)

Sie haben Spaß gemacht, unsere gemeinsamen Jahre bei der „NDR Talk Show“. Alida und ich haben uns fühlbar ergänzt - und wie oft sind wir einander unauffällig beigesprungen! Alida war ein Kumpel, und sie war ein As.

Axel Bulthaupt (Dezember 1994 bis Februar 1995)

Schade, schade und nochmals: schade! Liebe Alida, hast du dir das wirklich gut überlegt? Die Talkshow ohne dich; das ist wie Panna cotta ohne Sahne, wie Putencurry ohne Curry. Nun gut, du magst nicht mehr regelmäßig auf der Mattscheibe herumturnen. Das heißt: nicht gut, denn ohne dich haben wir nicht einmal mehr die Qual der Wahl. Die Wahl ist futsch, es bleibt der Rest. Und der Rest ist – allzu oft nur gackernd – Schweigen. Schade, schade, schade!

Hermann Schreiber (Februar 1979 bis August 1993)

Einmal, im Mai 1985, saß sie plötzlich auf meinem Schoß und klammerte sich fest, mitten in der Sendung. Da waren etwa 20 ziemlich gewaltbereite Typen in die Hamburger Fischmarkthalle, wo wir sendeten, gestürmt und wollten die Show in eine Demo für die St. Pauli Hafenstraße umfunktionieren. Damals hat Udo Lindenberg die Ruhe wiederhergestellt. Sonst war es meistens Alida, die geschlichtet hat – zum Beispiel, wenn Wolf Schneider oder ich uns wieder mal festgezurrt hatten im Disput mit einem Gast (oder auch miteinander).

Ich habe Alida gelegentlich „unsere jugendliche Naive“ genannt. Das wird ihr natürlich nicht gerecht. Es ist weniger Naivität, es ist ihr unbesiegbarer Optimismus, der sie strahlen lässt – vor der Kamera wie im Leben. Alida ist ein ungemein positiver Mensch. Sie hat uns in den frühen Jahren der „NDR Talk Show“ geholfen, auf dem Teppich zu bleiben. Und auch mal zu lachen. Das ist eine schöne Erinnerung.

Kuno Haberbusch (Winter 1993)

Es war im Winter ’93. Kaltes Schmuddelwetter. Ich als Autor bei „Panorama“. Beschäftigt mit der tödlichen Fahndungspanne in Bad Kleinen und dem Hamburger Strahlenskandal. Alles spannend und real, aber irgendwie trist und bedrückend. Journalistischer Alltag eben. Dann der Anruf aus der Glitzerwelt – vom Nachbarhaus auf dem NDR-Gelände. Das Angebot, mal die „NDR Talk Show“ zu moderieren. Kulturschock. Plötzlich das Leichte und Seichte. Dazu noch Alida Gundlach. Was ich von ihr zu wissen glaubte, passte idealtypisch in diese – andere – Welt: oberflächlich, ohne Tiefgang, wichtigtuerisch.

Angebot angenommen, Glitzerwelt kennengelernt. Und Alida. Nach einigen Stunden erste unerwünschte Nebenwirkungen. Mein Weltbild hielt der Realität nicht stand. Der Talker-Job: anstrengend. Und Alida: Tiefgang, Sensibilität, Kompetenz. Dazu noch kollegial, teamorientiert und allürenfrei. Ich habe viel gelernt – damals im Winter ’93. Über Alida Gundlach. Und über Klischees.

Klar, wir blieben in zwei – journalistischen – Welten. Ich habe ihr auch nie gesagt, wie sehr ich von ihrer Person und ihrer Persönlichkeit überrascht war. Ich habe es aber vielen anderen erzählt. Die auch Vorurteile und Klischees hatten und haben. Heute geht sie – als Talkmasterin. Schade. Aber Alida ist sehr viel mehr. Und das bleibt.

Marie-Luise Steinbauer-Leitner (Juni 1982 bis Februar 1991)

Die Alida kam ja leider immer nach mir. In die Schaubude und auch in die „NDR Talk Show“. Dabei haben wir uns immer wahnsinnig gemocht und wollten eigentlich immer eine Sendung zusammen machen – so was wie Hermann und Tietjen später tatsächlich gemacht haben. Aber man hat uns nicht gelassen. Dass sie sich jetzt von der Talkshow verabschiedet, kann ich gut verstehen. Denn man braucht ja auch mal Zeit fürs Privatleben. Außerdem ist es immer besser man geht selbst, bevor man gegangen wird. Und man weiß ja nie, ob irgendwann jemand kommt und behauptet, man hätte eine Altersgrenze überschritten. Alida ist ein friedlicher Mensch, sie intrigiert nicht, ist ehrlich und anständig. Das ist selten in der Zunft. Gerne wäre ich bei Alidas Abschiedssendung dabei, aber mein Arzt hat mir wegen einer Fußoperation leider die Zugfahrt verboten.

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