Zeitung Heute : Keine sichere Bank

Jeder sechste Deutsche hat Angst, im Alter zu verarmen. Sind diese Sorgen gerechtfertigt?

Henrik Mortsiefer Rainer Woratschka

Wie groß sind die Sorgen der Deutschen bezüglich ihrer Rente?

Jeder sechste Bundesbürger hat Angst, im Alter zu verarmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der Postbank. Nur 21 Prozent der heutigen Nichtrentner glauben, „im Alter keine finanziellen Sorgen haben zu müssen“. Besonders Berufstätige unter 30, Frauen und Ostdeutsche sind pessimistisch. „Nie war im Verlauf unserer seit 2003 durchgeführten Studien die Sorge der Menschen um ihre Altersversorgung so groß wie gegenwärtig“, sagte Postbank-Vorstand Wolfgang Klein zu der Umfrage, die das Allensbacher Institut für Demoskopie unter 2077 Bundesbürgern durchgeführt hat.

Obwohl die Deutschen ahnen, dass ihre gesetzliche Rente nicht reicht, sorgt die Mehrheit zu wenig privat vor. So beabsichtigen 51 Prozent nicht, ihre Vorsorge zu verstärken. Aber: „Das Gefühl, mehr für die eigene Alterssicherung tun zu müssen, war unter den berufstätigen Deutschen noch nie so groß wie heute“, sagte Klein. Drastisch gestiegen sei das „Defizitgefühl“ vor allem bei Frauen. Paradox: Obwohl das Vertrauen in die Stabilität des Rentensystems „erodiert“ (fast 90 Prozent haben kein oder wenig Vertrauen), halten 70 Prozent eine staatliche Rente weiter für die ideale Form der Alterssicherung. „Das Vertrauen in den Staat schwindet, aber man möchte sich eigentlich auf ihn verlassen können“, sagte Jochen Hansen vom Institut für Demoskopie.

Welche Altersvorsorge favorisieren die Deutschen ?

Nach der staatlichen Rente halten 62 Prozent der Befragten das eigene Haus oder die eigene Wohnung für die ideale Form der Alterssicherung, gefolgt von einer privat oder über den Arbeitgeber abgeschlossenen Riester-Rente (49 Prozent). Die wachsende Beliebtheit der Riester-Rente belege, dass die Menschen verstanden hätten, dass staatlich geförderte private Vorsorge sinnvoll und finanziell lohnend sei. Das war bei der Befragung vor einem Jahr noch anders. Einen gesetzlichen Zwang zu verstärkter Eigenvorsorge lehnt die Mehrheit aber ab. Und: „Die Riester-Rente allein reicht nicht aus, um zusätzlich privat für die Rente vorzusorgen“, warnt Postbank-Vorstand Klein. Jeder müsse sich ein Berufsleben lang mit dem Thema Alterssicherung beschäftigen. „Das ist nicht sexy, aber genauso wichtig, wie zum Zahnarzt zu gehen.“ Tatsächlich investierten die Deutschen mit 198 Euro monatlich weniger als im Vorjahr für ihre Rente. Um mehr fürs Alter sparen zu können, würden die Befragten am ehesten Einschränkungen bei Restaurantbesuchen, Autokauf oder Urlaub hinnehmen. Sollte das Geld im Alter dennoch nicht reichen, würden 68 Prozent einen Nebenjob annehmen, 36 Prozent über die gesetzliche Altersgrenze hinaus arbeiten und 17 Prozent auswandern.

Wie gerechtfertigt sind die Ängste der Bundesbürger?

Ängste sind dann problematisch, wenn sie lähmen. Beim Thema Rente ist, wie sich herumgesprochen haben sollte, das Gegenteil nötig: aktive Zusatzvorsorge. Sicher an der gesetzlichen Rente ist nämlich vor allem, dass sie – im Verhältnis zu den Einkommen – schrumpfen wird. Das liegt daran, dass Deutschland ein Demografieproblem hat und die gesetzliche Rentenversicherung kein Sparstrumpf ist, sondern ein Umlagesystem. Die Folge: Immer weniger Junge müssen die Rente von immer mehr Alten bezahlen. Heute kommen auf einen 65-Jährigen noch knapp vier Erwerbstätige, in 50 Jahren werden es nur noch zwei sein. Das macht Angst. Doch hat es demografische Verschiebungen immer gegeben. Im Jahr 1950 betrug das Verhältnis von Jung zu Alt noch sieben zu eins. Und die Rentenlaufzeit stieg allein seit 1970 um satte sechs Jahre. Zerbrochen ist das System nicht daran, der Produktivitätsfortschritt hat sogar weitere Rentensteigerungen ermöglicht.

Was die Sache nicht verharmlosen soll. Vor allem die Arbeitslosigkeit, also der Rückgang der Beitragszahler, macht der Rentenversicherung inzwischen schwer zu schaffen. Und das Demografieproblem kommt erst noch. Allerdings greifen dann auch Reformen wie die „Rente mit 67“. Wie, das zeigen Hochrechnungen für die Beitragssätze: 1989 hatten Experten für 2030 noch einen nötigen Satz von 40 Prozent vorausgesagt, inzwischen prognostizieren sie nur noch 22 Prozent.

Dass die Rentenversicherung für Jüngere ein Draufzahlgeschäft ist, weisen die Versicherer beharrlich zurück. Männer, die 2030 in Rente gehen, könnten 2,6 Prozent Rendite erwarten, Frauen 3,1 Prozent. 2040 steigt sie sogar noch geringfügig. Auf diese Rendite hat es übrigens keinerlei Einfluss, ob man sich mit 67 oder mit 65 (und den entsprechenden Abschlägen) in den Ruhestand verabschiedet.

Bei Brüchen im Lebenslauf und längerer Arbeitslosigkeit freilich hilft die Renditeerwartung nicht viel. Und der Appell an die zusätzliche Vorsorge nützt gerade denen herzlich wenig, die besonders von Altersarmut bedroht sind – weil sie schon jetzt nichts zum Zurücklegen haben. Aber auch die Horrorszenarien mancher Wirtschaftsinstitute zum Niedergang der gesetzlichen Rente sind mit Vorsicht zu betrachten. Schließlich verdienen dieselben Institute und ihre Experten oft auch kräftig an der Vermarktung von Produkten der zusätzlichen Altersvorsorge.

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