Zeitung Heute : Keine Traute zum Träumen

Der Tagesspiegel

Von Claudia Keller

Er kann essen so viel er will, ohne dick zu werden. Gute Voraussetzungen für Leroy Pieper. Denn sein Hobby ist Kochen. Angefangen hat das bei einem Urlaub in Italien. Da durfte der damals 12-Jährige in der Küche der kleinen Pension schnippeln, Gewürze mischen und Pastateig kneten. Jetzt ist Leroy 16 und hat eine Lehrstelle im „Margaux“, dem Sterne-Restaurant in der Wilhelmstraße ergattert. Er strahlt übers ganze Gesicht. Aber nur wenn niemand dabei ist. Denn unter seinen Klassenkameraden in der Heinz-BrandtOberschule in Weißensee ist Leroy eine Ausnahme, und das ist ihm unangenehm. Zum Beispiel, wenn er mit Björn Eberle zusammensitzt, der Bürokaufmann werden will und sehr gehofft hatte, eine Lehrstelle bei der Bewag zu bekommen. Hat aber nicht geklappt. Oder wenn er mit Marcel Grünwald spricht, der aufgehört hat, von einem Lieblingsjob zu träumen, als er die zwanzigste Absage bekommen hat. Er wollte eigentlich mal KFZ-Mechaniker werden. Dann Schlosser, dann Installateur, Tischler, Bürokaufmann... und jetzt ist es ihm egal. „Hauptsache ich kriege irgendwas“.

Die Mehrheit der Zehntklässler in der Weißenseer Hauptschule hat sich das Träumen abgeschminkt. Viele ihrer Kumpels sitzen auch auf der Straße. „Traumjob? Nee, hab ich nicht“, sagen die meisten.

„Zu viele Schüler werden Gebäudereiniger“, sagt Karla Werkentin, die Schulleiterin. „Zu viele lehnen sich aus Frust apathisch zurück nach dem Motto: Wenn nichts mehr geht, dann bleibt immer noch die Stütze. Davon lässt sich auch leben“. Werkentin sagt auch, dass Hauptschüler heute kaum noch eine Chance hätten, eine Lehrstelle als KFZ-Mechaniker, Installateur oder Bürokauffrau zu bekommen. Das sind aber die Berufe, die nach wie vor bei vielen 16-, 17-Jährigen im Trend liegen. „Es gibt keine Stellenausschreibung mehr, bei der nicht EDV-Kenntnisse gefragt sind“, sagt Werkentin. Aber die vermittelt eine normale Hauptschule nicht. Deshalb hat die Schulleiterin Mitarbeiter einer Weißenseer Hausverwaltung in die Schule geholt. Sie setzen sich mit den Schülern an die Computer. Dann bekommt jeder Schüler eine Aufgabe in der Hausverwaltung, für die er verantwortlich ist.

„Schule darf heute nicht mehr nur aus Schülern und Lehrern bestehen. Es müssen Dritte dazu kommen.“ Davon ist auch Hildburg Kagerer überzeugt. Deshalb holt auch sie Berufstätige in die Schule, vom Architekten über den Bankangestellten bis zum Tischler. Sie will ihren Schülern eine Palette an unterschiedlichen Lebensentwürfen bieten und zeigen, dass auch Knicke in Biografien normal sind. Und dass es nicht tragisch ist, wenn man mit 15 noch nicht gleich den Job fürs Leben findet. Das macht Mut zum Träumen. Einige Schülerinnen haben Gesangskarrieren begonnen und sind Bildhauer geworden. „Das hätten die sich in einer normalen Hauptschule nie getraut“, sagt Kagerer.

Ihre Schüler gehören zu einer Minderheit. Sybille von Obernitz von der Industrie- und Handelskammer begegnen nämlich kaum noch Schüler, die einen Traumjob im Kopf haben. Das liegt ihrer Meinung nach daran, dass die wenigsten wissen, was sich hinter einer Berufsbezeichnung verbirgt. Ohne Kenntnisse keine Träume?

Das sieht Paul Rapp, Berufsberater beim Arbeitsamt Nord anders. Viele Haupt- und Realschüler träumen sehr wohl, sagt er. Die Jungs wollen Verkäufer, Maler, Tischler oder Elektroinstallateur werden, die Mädchen sehen sich als Frisörinnen oder Kosmetikerinnen. Viele wachen erst auf, wenn die ersten Absagen im Briefkasten stecken und sie merken, dass ihre Qualifikation nicht reicht. Oder viele merken erst, wenn sie die Lehre begonnen haben, dass Berufsalltag und Träume sich nicht decken. Die Zahl derer, die ihre Lehre abbrechen, steigt.

Am ehesten leisten es sich noch Gymnasiasten, von einem Beruf zu träumen. Dominic Krohne und Jacqueline Gall vom Lessing-Gymnasium zum Beispiel. Sie wollen einen Job, der „Sinn macht und wo wir was verändern können“. Als Politiker zum Beispiel. Jacqueline zieht es auch in die Wirtschaft. Denn: „Geld zu haben, ist nicht das Wichtigste. Aber „ein gewisser Luxus, das wäre schön.“

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