Zeitung Heute : Keine Zeile Small-Talk

Der Tagesspiegel

„Ich erinnere mich noch an den Anruf eines Kollegen aus der Sendeleitung. Er sagte, wir hätten am liebsten die Schwarzblende gezogen, weil es fast unmöglich war, nach diesem Film noch andere Sendungen laufen zu lassen“. Mit „ diesem Film“ bezeichnet Hans-Dieter Grabe seine wohl markanteste Arbeit, die seit ihrer Erstausstrahlung im Jahr 1970 noch immer starke Emotionen auslöst. Quälend nüchtern wird die Arbeit eines Arztes protokolliert, der auf dem in Vietnam vor Anker liegenden Lazarettschiff „Helgoland“ Kinder versorgt. Grabes Film „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ zeigt auch schockierende Bilder, er schildert das Grauen zu einer Zeit, als der Krieg in Südostasien auf der internationalen Agenda eine Nebenrolle spielt: Vermeldet werden eben „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“. Auf der Suche nach der Geschichte hinter der Geschichte hat Grabe später das Schicksal eines dieser Kinder, Do Sanh, in einer vierteiligen Beobachtung über 28 Jahre verfolgt. Mit dieser Beharrlichkeit schuf er seit seiner Anstellung als ZDF-Auslandsredakteur im Jahr 1962 über 50 lange Dokumentarfilme.

Unverwechselbar sind seine Filme durch ihre Reduktion auf das Wesentliche. Als Fragensteller ist der Filmemacher selbst im Bild fast nie zu sehen: „Mein Gesicht ist unwichtig.“ Und im Gegensatz zu dem Schnittvirtuosen Eberhard Fechner assoziiert man mit Grabes effektarmen Arbeiten auch weniger die „große Kunst“. Als er 1970 „Mendel Szainfelds zweite Reise nach Deutschland“ begleitete, entwickelte Grabe erstmals seine Form der seelischen Nahaufnahme. Ob Schriftsteller (Lev Kopelev), Revoluzzer (Fritz Teufel), Atombombenopfer oder die Mutter eines behinderten Kindes („Jens und seine Eltern“): Grabes offenes Geheimnis besteht darin, nie kameraerfahrene Selbstdarsteller zu porträtieren. Filmen ist für ihn eine menschliche Erkundung. Die Form kommt einzig aus dem Inhalt. Ihre Qualität schöpfen Grabes Filme aus der Intensität des Sprechens: Keine Zeile Small-Talk. Der Zuschauer kann unmittelbar miterleben, dass Sprechen ein mitunter beschwerlicher Prozess ist und dass die Protagonisten dabei „nichts innerlich ablesen“ (Grabe). Aber selbst wenn er die Tagebücher eines „Amtskommissars“ zu spärlicher Bebilderung ablesen lässt („Er nannte sich Hohenstein“), so gelingt es dem Dokumentaristen, den selbstbetrügerischen Dünkel eines Nazi-Mitläufers zu sezieren. Drei Grimme- Preise und die weitgehende Unbekanntheit beim breiten Publikum sind der Lohn für sein Lebenswerk. Zum Anlass seines 65.Geburtstages am 6. März zeigen 3sat, der ZDF-Dokukanal und in zwei langen Nächten das ZDF–neben Bodo Witzkes Grabe-Porträt „Ich muss nicht Angst vor Bomben haben“–noch einmal die wichtigsten Filme des Dresdners. Manfred Riepe

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