Zeitung Heute : Keine Zeit für Wunder

Die USA sind aufmarschiert und haben einen Ruf zu verlieren. Krieg erscheint unvermeidbar

Malte Lehming[Washington]

Es gibt kein Zurück mehr. Aus amerikanischer Sicht heißt die einzige Alternative: Entweder ein Wunder geschieht – dann müsste Saddam Hussein morgen sein gesamtes Arsenal an Massenvernichtungswaffen offenbaren –, oder wir führen Krieg, wahrscheinlich schon in wenigen Wochen.

Amerika ist das mächtigste Land der Welt. Es hat 150000 Soldaten an den Golf geschickt. Der Präsident hat mehrfach betont, dass ein Krieg unvermeidlich ist, falls der Irak nicht seine Massenvernichtungswaffen zur Zerstörung freigibt. Hinter diese Forderung hat sich einstimmig der UN-Sicherheitsrat gestellt. Jeder Verstoß gegen die Resolution 1441 hat „ernste Konsequenzen“. Der UN-Chefinspekteur und der US-Außenminister haben unabhängig voneinander nachgewiesen, dass Hussein nicht vollständig kooperiert. Kann die letzte verbliebene Supermacht jetzt noch kneifen?

Auch ein Krieg, der ausbleibt, birgt Risiken. Sollte die US-Regierung ihren Worten keine Taten folgen lassen, wäre ihre Glaubwürdigkeit ramponiert. Alle Diktatoren dieser Welt würden triumphieren, besonders die radikalen Islamisten. Denn nichts hat in der Vergangenheit den islamistischen Terrorismus so genährt, wie das Gefühl, eine militärisch überlegene Macht in die Knie zwingen zu können. Im Iran wurde der Schah gestürzt, die Sowjets wurden aus Afghanistan vertrieben, die USA mussten den Libanon und Somalia verlassen, Israel musste seine Truppen aus dem Libanon abziehen. Diese Daten hatten einen drastischen Anstieg des Terrorismus zur Folge, weil sie als Schwäche interpretiert wurden. Für Amerika heißt die Lehre aus der Geschichte: Nicht ein Krieg gegen den Irak treibt Al Qaida den Nachwuchs in die Hände, sondern kein Krieg gegen den Irak.

Amerika im Stich gelassen

Das muss jeder verstehen, der sich den Amerikanern jetzt in den Weg stellt. Entsprechend barsch fallen die Reaktionen aus. Selbst liberale Medien wie die „Washington Post“ bezichtigen Frankreich und Deutschland unverblümt der Komplizenschaft mit Saddam Hussein. Gerhard Schröder und Jacques Chirac „verhalten sich, als würden sie mit dem irakischen Diktator dasselbe Ziel teilen“, heißt es am Dienstag im Leitartikel. Deren diplomatische Initiativen seien in erster Linie gegen die USA gerichtet. Aus diesen Zeilen sprechen auch Unverständnis und Enttäuschung. Waren es doch gerade Frankreich und Deutschland, die nach dem 11. September 2001 eine stärkere Beteiligung der Nato im Kampf gegen den Terrorismus forderten. Ausgerechnet Frankreich und Deutschland forderten vehement eine Einbeziehung der UN. In beiden Punkten habe sich die US-Regierung bewegt. Zum Dank werde sie nun im Stich gelassen.

Es passt in dieses Bild, dass auf der ersten Seite derselben Ausgabe der „Washington Post“ ein Artikel über den westeuropäischen Anti-Amerikanismus platziert wurde. Der habe die gesamte Bevölkerung erfasst. „Der unmittelbare Anlass mag die amerikanische Irak-Politik sein“, heißt es, tatsächlich seien die Vorurteile von einer diffusen Angst vor Amerikas Macht genährt, verbunden mit Ehrgeiz und Neid. Viele anti-amerikanische Europäer hätten am liebsten eine Gastprofessur in Harvard bekommen und einen Artikel in der „New York Times“ veröffentlichen dürfen.

Im „Wall Street Journal“, kommt Khidhir Hamza zu Wort, der ehemalige Direktor des irakischen Nuklearwaffen-Programms, ein Überläufer. Im Zentrum der irakischen Hochrüstung habe Deutschland gestanden. Unentbehrlich sei Deutschland für die irakische Nuklear- und Raketentechnologie gewesen. Diese guten Beziehungen „scheinen sich für den schlimmsten Schlächter dieser Welt“ nun auszuzahlen.

Der Zug rollt. Wenn am Freitag Saddam Hussein durch Hans Blix nicht von allen Vorwürfen freigesprochen wird, wird Großbritannien eine zweite Resolution in den UN-Sicherheitsrat einbringen. Darin soll festgehalten werden, dass der Irak weiter gegen alle Auflagen verstößt. Zur „Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit“ soll dann der Einsatz von Waffengewalt autorisiert werden. Ein Ultimatum für Bagdad gibt es nicht mehr. Falls diese Resolution keine Mehrheit bekommt oder per Veto verhindert wird, ist Washington entschlossen, mit einer „Koalition der Willigen“, zu der mittlerweile 35 Staaten zählen, die Sache ohne neues UN-Mandat in die Hand zu nehmen. Voraussichtlicher Kriegsbeginn: Anfang März.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!