Zeitung Heute : Keine Zeit zum Verstecken

Malte Lehming[Washington]

Die irakische Stadt Falludscha ist von amerikanischen Soldaten eingenommen, der Terrorist Sarkawi ist aber entkommen. Wenn die Truppen ihm nachjagten, wäre das ein sinnvoller, erfolgversprechender Plan?

Er hätte es sich einfach machen können. Dann wäre es so gekommen: Erst gewinnt George W. Bush die Wahlen, dann überlässt er den Irak den Irakern. Die Truppen zieht er ab. Soll das Land doch im Chaos versinken. Ein Bürgerkrieg droht. Na und? Amerika ist weit weg. Betroffen wären die Europäer.

Doch er hat das Gegenteil gemacht. Eine Großoffensive gegen die Rebellen im sunnitischen Teil des Irak begann. In deren Zentrum steht die Stadt Falludscha. Das Ziel ist, allen Teilen der Bevölkerung die Teilnahme an den für Januar geplanten Wahlen zu ermöglichen. Mehrere Dutzend US-Soldaten sind bei der Offensive bisher gestorben. Sie ließen ihr Leben für ein Ideal – den Beginn der Demokratie in einem arabisch-muslimischen Land.

Falludscha ist offenbar weitgehend unter amerikanischer Kontrolle. Die Eroberung der Stadt verlief angeblich schneller und effizienter, als angenommen worden war. Mehr als tausend Rebellen sollen getötet worden sein. Viele weitere indes haben die Stadt vor der Invasion verlassen. Sie gründen nun in anderen Städten des sunnitischen Herzlandes ihre Widerstandsnester. Am prekärsten ist die Lage in Mossul, der drittgrößten irakischen Stadt. Angespannt ist sie auch in Ramadi, Samarra und Tal Afar. Ein Feuer wird ausgetreten. Werden gleichzeitig zehn neue entfacht?

Der Eindruck mag entstehen, täuscht aber. Aus US-Sicht ist es ein gravierender Unterschied, ob die Rebellen ganze Städte als Rückzugsmöglichkeit haben oder vagabundieren müssen. Strategisch sind die Aufständischen seit dem Fall von Falludscha in der Defensive. Das verringert noch nicht automatisch ihre Terrorkapazitäten. Die sind weiterhin groß. Bis zu den Wahlen werden sie alles versuchen, um eine Neuordnung des Landes zu verhindern. Doch das Terrain, auf dem sie ungestört planen, sich versammeln und ihre Bomben basteln können, wird sukzessive kleiner.

Ein militärischer ist natürlich kein politischer Sieg. Nach wie vor sind die Sunniten, die etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung stellen, die Verlierer der Wende. Einst kontrollierten sie das Land, nun droht ihnen eine Minderheitenexistenz. Der Sturm auf Falludscha hat ihren Frust eher verstärkt. Weiterhin drohen sie mit einem Kollektivboykott der Wahlen. Diese Drohung darf nicht wahr werden. Aber Panzer stimmen Herzen nicht um. Unter Sunniten um Vertrauen zu werben, sie mit Geld, Macht und Posten zu umgarnen: Das bleibt für die USA die wichtigste Aufgabe.

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