Zeitung Heute : Keiner darf über den Jordan

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Von Andrea Nüsse, Jericho

Amina Yahia erhebt sich mühsam von ihrer geflochtenen Bodenmatte. Sie klopft sich den Staub von ihrem bodenlangen dunklen Mantel und rückt das verschmutzte Kopftuch zurecht. Neben ihr auf dem steinigen Boden liegt eine andere junge Frau und schläft. Zwischen Medikamentenpackungen, Wasserflaschen und Brotresten in durchsichtigen Plastiktüten. Um die Matten herum stehen Gepäckwagen aus Metall, wie sie in Flughäfen und Bahnhöfen benutzt werden. Sie sind bepackt mit riesigen Koffern und verschnürten Pappkartons. In dem Korb für das Handgepäck trocknet geblümte Kinderunterwäsche. „Ich habe sie mit der Hand ausgewaschen. Wer weiß, wie lange wir hier noch sitzen werden“, sagt die 42-jährige Palästinenserin aus Nablus.

Eigentlich ist sie mit ihren Kindern Adel, Yakin und Asma auf dem Weg zur Hochzeit ihres Bruders in der jordanischen Hauptstadt Amman. Doch seit sieben Tagen wohnt und schläft die Familie jetzt unter einem Akazienbaum im Busbahnhof der palästinensischen Stadt Jericho. Sie warten auf einen Platz im Bus, der von hier aus in Richtung der fünf Kilometer entfernten Allenby-Brücke fährt. Dieser Grenzübergang nach Jordanien ist die einzige Verbindung der Palästinenser des Westjordanlands mit der Außenwelt, weil sie nicht nach Israel einreisen dürfen. Und der Flughafen von Amman ist ihre einzige Möglichkeit, ein Flugzeug in andere Teile der Welt zu besteigen. Doch jetzt geht auf der Brücke fast nichts mehr. Mal sind es 300, mal nur 30 Palästinenser am Tag, die das andere Ufer des Jordan erreichen.

Während in Jericho in den letzten Wochen teilweise bis zu 1500 palästinensische Reisende auf Ausreise warteten, herrscht am Grenzübergang selbst gähnende Leere. Ein paar Ausländer werden abgefertigt. Aber der Terminal für die Palästinenser aus dem Westjordanland liegt ausgestorben da. Ein jordanischer Offizier versichert, dass man alle Palästinenser mit offenen Armen begrüße. „Aber es kommen einfach keine Busse an.“ In Wirklichkeit verhält es sich etwas anders.

Angst vor der Massenflucht

Zu Beginn der Sommerferien hatten die Jordanier zunächst ein vierköpfiges Befragungskomitee eingeführt, das jeden einzelnen Reisenden überprüfte. Die langwierige Prozedur führte dazu, dass höchstens 200 Palästinenser täglich abgefertigt wurden. Wer nicht nachweisen konnte, dass er zur medizinischen Behandlung, zum Studium oder nur zur Weiterreise in ein anderes Land nach Jordanien wollte, hatte keine Chance durchzukommen. Jordanien will verhindern, dass Palästinenser in den Ferien nach Amman kommen und sich dann hier niederlassen, um den katastrophalen Lebensbedingungen in den von Israel wiederbesetzten Städten zu entfliehen. Eine palästinensische Massenflucht würde das labile Gleichgewicht im haschemitischen Königreich gefährden, denn ohnehin sind rund 60 bis 70 Prozent seiner Bewohner palästinensischen und nicht jordanischen Ursprungs.

Und der israelische Premierminister Ariel Scharon trägt nicht gerade zur Beruhigung der Jordanier bei: Seit Jahrzehnten vertritt er die These, Jordanien sei der eigentliche Palästinenserstaat. Es gibt Minister in seinem Kabinett, die offen den „Transfer“ von Palästinensern nach Jordanien fordern, um den Konflikt zu beenden. Im vergangenen Sommer hatte Israel wochenlang die Grenze für zurückkehrende Palästinenser gesperrt. In Amman geht daher die Angst um, Israel könne in diesem Jahr gar keine Palästinenser mehr zurückkehren lassen.

Um die Krise am Busbahnhof in Jericho zu entschärfen, hat die jordanische Regierung nun vergangene Woche eine neue Regelung eingeführt: Danach dürfen Palästinenser aus der Westbank einreisen, wenn sie oder ihre Gastfamilie in Jordanien umgerechnet zwischen 3500 und 8000 Euro hinterlegt haben, die Höhe ist von Fall zu Fall verschieden. Reisen die Palästinenser nach einem Monat nicht wieder aus, werden Strafzahlungen von dem hinterlegten Geld abgezogen. Diese Summe ist allerdings für viele Palästinenser und Jordanier unbezahlbar. Aber auch auf israelischer Seite stockt die Abfertigung: Mal kommt ein voller Reisebus zurück, weil die Israelis nur eine kleinere Anzahl Reisender auf einmal abfertigen wollen. Mal wartet der Bus stundenlang vor dem gelben Tor am Ortsausgang Jerichos, der von der israelischen Armee kontrolliert wird.

Amina Yahia weiß nicht, auf wen sie wirklich schimpfen soll. Sie sagt, dass ihre drei Kinder seit Tagen nicht schlafen können, weil hier nachts alle von Mücken zerstochen werden. Zum Beweis zieht sie ihren dicken, blickdichten schwarzen Nylonstrumpf aus. Der feine, weiße Fuß und der Unterschenkel sind von Dutzenden Mückenstichen übersät. Der 14-jährige Sohn Adel zeigt seine braungebrannten Arme mit den Insektenbissen vor. „Wir können nicht ins Hotel in Jericho gehen, weil das zu teuer ist“, sagt sie. Aber zurück in ihren Heimatort Nablus kann die Palästinenserin jetzt auch nicht. Die Stadt liegt unter Ausgangssperre. Außerdem hat die Reise vom 78 Kilometer entfernten Nablus durch vier israelische Checkpoints acht Stunden gedauert. Also wartet sie lieber weiter auf dem Gelände des Busbahnhofs. „Istiraha“ heißt er, „Erholung“.

Familienbesuche unmöglich

Mahmud Salameh, der am Busbahnhof von Jericho arbeitet, beobachtet seit Wochen, was hier vor sich geht. „Israel, Jordanien und der Rest der Welt arbeiten zusammen. Sie wollen uns Palästinensern das Leben so schwer wie möglich machen, damit wir politisch klein beigeben“, sagt er. „Uns wird jede Normalität verweigert, wir können nicht einmal in den Sommerferien zu unseren Familien nach Amman fahren.“

Amina Yahia macht sich keine Gedanken über Politik. Sie muss heute noch einmal nach Jericho hineinfahren, um sechs Wasserflaschen zu kaufen. In dem kleinen Laden im Busbahnhof sind die Preise zu hoch. Doch jetzt rennt sie erst einmal los zum Schwarzen Brett. Gerade hängt ein palästinensischer Polizist die siebte und letzte Passagierliste für heute auf. Amina und ihre Familie sind wieder nicht dabei. Jetzt bleiben nur noch zwei Tage bis zur Hochzeit ihres Bruders. Aber das interessiert die Grenzbeamten nicht. Am Tag zuvor hat Amina hier eine Braut aus Ramallah getroffen. Die Frau musste ihre eigene Hochzeit in Amman absagen, weil sie nicht über die Grenze kam.

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