Zeitung Heute : „Keiner geht verloren“

Durch frühzeitigen kulturellen Austausch finden verschiedene Nationalitäten in Berlin zu gegenseitiger Wertschätzung

Stipendien für Schüler mit Migrationshintergrund gibt es zwar für Gymnasiasten, doch für Haupt- und Realschüler sind sie rar. Hier können Stiftungen helfen. Foto: Promo UWC
Stipendien für Schüler mit Migrationshintergrund gibt es zwar für Gymnasiasten, doch für Haupt- und Realschüler sind sie rar. Hier...

Noch ist sie eine Vision: die soziale Stadt, in der das Miteinander ohne Ausgrenzung möglich ist. Und obwohl viele Kommunen mit engagiertem Quartiersmanagement versuchen, für größere Ausgeglichenheit und höhere Solidarität zu sorgen, sind doch in jeder Stadt nach wie vor Problembezirke auszumachen. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, die in diesen Vierteln aufwachsen, werden oft ihrer Chancen beraubt. Denn auch Schulen sind nicht in der Lage, soziale Benachteiligungen oder mangelnde Integration auszugleichen. Um diesen Kindern aus dem Teufelskreis ihres Milieus zu helfen, werden vielerorts Stiftungen tätig.

Sie leisten an den Schnittstellen zwischen Familien, Schulen, Kitas, Jugendzentren oder über Stipendienprogramme nachhaltige Integrationsarbeit mit der Zielvorstellung „Keiner geht verloren“. Ein Beispiel dafür ist die Lern- und Entwicklungsplattform „Ein Quadratkilometer Bildung“ der gleichnamigen Stiftung, die mit Modellprojekten in den Berliner Bezirken Neukölln und Moabit, sowie an drei weiteren Standorten in Deutschland vertreten ist. „Das Herzstück unserer Arbeit ist die pädagogische Werkstatt, die in einem Ladenlokal im Reuter–Kiez beheimatet ist“, erzählt Projektleiter Sascha Wenzel. „Die Stiftung finanziert Fortbildungen, Workshops und Beratungsangebote für Lehrer und begleitet auch die Leitungsgruppe der Gemeinschaftsschule Neukölln.“ So haben etwa Lehrerinnen in der pädagogischen Werkstatt ein spezielles Lerntagebuch für die Klassen 1 bis 5 entwickelt, das auf die Projekte ihrer Klassen und auf die Kinder im Kiez maßgeschneidert ist.

„Es geht es darum, Fragen aus der Perspektive der Kinder zu beantworten“, so Wenzel. „Macht es Sinn, dass in altershomogenen Gruppen gelernt wird, oder dass es im Schulsystem immer wieder zu Brüchen kommt, etwa nach der sechsten Klasse?“ Gerade Kinder aus Migrantenfamilien leiden unter den Brüchen. Für sie sei es besonders wichtig, möglichst viel Kontinuität zu schaffen und Gemeinsamkeiten an Schulen zu stärken. Ebenso sei es wichtig, die Eltern zu erreichen. „Sie haben ein großes Interesse an der Bildung ihrer Kinder, aber selbst schlechte Erfahrungen gemacht oder können ihnen nicht helfen“, so Wenzel. Dafür betreibt die Stiftung ein Sprachbildungsmodul mit Eltern. So werden Kita und Schule zum Treffpunkt für Familien im Quartier.

Ganz ähnlich arbeitet auch die Stiftung Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin. „Familien sind in unserer Arbeit zentral und wir haben uns gefragt, wo wir sie zusätzlich stärken und stützen können“, sagt Cornelia Piekarski, pädagogische Geschäftsführerin der Stiftung. Wie es der Zufall wollte, wurde der Stiftung im Gründungsjahr 2005 die Trägerschaft der Kita Gensinger Straße in Lichtenberg angeboten. „Wir haben sie natürlich gerne übernommen“, so Piekarski. Motivation war dabei nicht nur dringend benötigte Betreuungsplätze mit einem guten pädagogischen Konzept zu schaffen, sondern in einem Viertel, wo rund 50 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben und immer mehr Menschen von staatlichen Transferleistungen abhängig sind, auch ein Familienzentrum als Begegnungs- und Beratungsstätte einzurichten. „Die Kita ist ein guter Anlaufpunkt geworden“, sagt Piekarski. „Aber bei weitem kein Selbstläufer.“ Da sind die Kiezmütter, die zwischen Deutsch und der Muttersprache vermitteln und als Familienberaterinnen ausgebildet sind, besonders wertvoll, ebenso wie die internationale Kochgruppe. Denn der kulturelle Austausch unter den verschiedenen Nationalitäten und die gegenseitige Wertschätzung wirken integrativ. Neben der Sprachförderung in der Kita stärkt das die Kinder. „Die Idee ist, sie früh zu erreichen“, so Piekarski. „Das macht es für sie später in der Schule auch einfacher.“ So wirkt die frühe Förderung präventiv und integrativ zugleich.

Etwas anders funktionieren die Stipendien für Schüler mit Migrationshintergrund, die von der START-Stiftung finanziert werden. Sie richten sich an Jugendliche, die einen höheren Schulabschluss anstreben, und ermöglichen ihnen, durch finanzielle und ideelle Unterstützung sich auf die Schule zu konzentrieren. Dabei ist die ideelle Unterstützung in Form von Seminaren und Workshops zu Rhetorik, Persönlichkeitsbildung oder Medienkompetenz für viele wichtiger als die 100 Bildungsgeld im Monat oder das Laptop mit Internetanschluss.

„Die Jugendlichen fühlen sich durch die Bildungsangebote gestärkt und gewinnen an Selbstbewusstsein“, erzählt Mostapha Boukllouâ, Geschäftsführer der Stiftung. Aber für das Stipendium zählen nicht nur gute schulische Leistungen, sondern auch soziales Engagement. „Wir suchen jemanden, der bereit ist zu gestalten“, sagt Boukllouâ. „Ob im Verein, zuhause oder gesellschaftlich.“ Und das zahlt sich aus, denn in den zehn Jahren seit es START gibt, haben 97 Prozent der jährlich 200 Stipendiaten Abitur gemacht – im Durchschnitt mit der Note 1,6. Gut 50 Prozent erhalten später auch Leistungen von Studienförderwerken. Darüber hinaus wirken diese Jugendlichen als Vorbilder in ihren Familien und Gemeinden und bereichern die deutsche Gesellschaft.

Integration durch Interkulturalität ist auch das Leitmotiv der Kreuzberger Kinderstiftung, die jährlich rund 65 Jugendlichen aus Berlin und den neuen Bundesländern Auslandsaufenthalte finanziert, egal ob Migranten oder nicht. „Die Mädchen sind in diesem Alter couragierter als die Jungs“, sagt Stifter Peter Ackermann und betont, wie wichtig ein Schüleraustausch für Kinder aus bildungsfernen Schichten ist. „Für Gymnasiasten gibt es schon seit Jahren Auslandsstipendien, aber eben nicht für Haupt- oder Realschüler“, so Ackermann. „Dabei ist die Erfahrung sehr prägend und kann sogar einen Richtungswechsel hervorrufen.“ Aber auch vor Ort in Kreuzberg realisiert die Stiftung Projekte, die soziale Kompetenzen fördern. Dabei machen sich die Kinder unterschiedlicher Nationalitäten keine Gedanken darüber, ob sie integriert sind oder nicht. Sie haben einfach Spaß – Integration pur.

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