Zeitung Heute : Keiner gibt Ruhe

Frank Jansen

Nach dem Tod des irakischen Al-Qaida-Führers Sarkawi bekunden viele islamistische Organisationen ihr Beileid und bekennen sich zu ihm. Was sagt das über die Struktur des Terrornetzwerkes aus?


Nun wird getrauert und reichlich gedroht. Nachdem die Amerikaner vor einer Woche im Irak den Top-Terroristen Abu Mussab al Sarkawi getötet haben, häufen sich auf islamistischen Homepages bizarre Beileidsbekundungen und Racheschwüre. Allahs Feinde hätten jetzt „nichts anderes als Feuer“ zu erwarten, schwadroniert ein Autor der Homepage „Sada al Dschihad“ (Echo des heiligen Krieges). Und Sarkawis Nachfolger, Abu Hamsa al Muhadschir, behauptet, „der Feind hat nur noch die Option zu fliehen“. Die Parolen hat das Washingtoner „Site Institute“ zusammengetragen, das Internetseiten von terroristischen Organisationen beobachtet. Wichtiger als die brachiale Rhetorik ist aber das Spektrum der Absender. Es zeigt sich, wer mit Sarkawi sympathisierte. Auch dann noch, als der mit Al Qaida locker verbündete jordanische Terroristenanführer im irakischen Widerstand zunehmend isoliert schien.

So meldet sich jetzt die in letzter Zeit wenig mitteilsame kurdisch-irakische Terrororganisation Ansar as Sunna zu Wort. „Nichts ist besser als das Blut eines Führers, um es als Treibstoff zu nutzen, der den Geist erregt und den Willen stärkt“, verkündet der Chef, Emir Abu Abdullah al Hasan bin Mahmud. Ansar as Sunna, früher Ansar al Islam und auch in Deutschland aktiv, gilt als eine der gefährlichsten Terrororganisationen. Die Botschaft des Emirs bestärkt Sicherheitsexperten in ihrer Vermutung, dass Sarkawi mit Ansar as Sunna bis zuletzt zumindest in Kontakt stand, womöglich auch gemeinsam Anschläge geplant und verübt hat. Nach seiner Flucht aus Afghanistan 2001 hatte Sarkawi bei Ansar al Islam im Nordirak Unterschlupf gefunden.

Aufschlussreich ist auch die überaus emotionale Anteilnahme, die aus Libanon kommt. Im Palästinenserlager Ain al Hilweh im Süden des Landes rief die Terrorgruppe Asbat al Ansar schon am zweiten Tag nach Sarkawis Tod zu einem Trauermarsch auf. Kurz darauf pries ein Scheich in einer Moschee im Lager Sarkawi als „auserwählten Märtyrer“ und deklamierte: „Mehr und mehr Blut wird vergossen und mehr und mehr Körperteile werden verstreut werden.“ Die martialische Drohung ist ernst zu nehmen – westliche Sicherheitsexperten beobachten mit wachsender Sorge, dass Kämpfer aus Ain al Hilweh in den Irak ziehen, um dort am Dschihad gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten teilzunehmen.

Eine weitere Beileidsbotschaft offenbart, dass Sarkawi auch in Marokko Anhänger hatte. Womöglich sogar eine Terrorzelle. Denn der kondolierende Islamist Abu al Subair al Maghrabi nennt sich Emir der marokkanischen Gruppe von Tawhid wa’l Dschihad. So hieß Sarkawis Organisation im Irak, bevor er sie im Oktober 2004 zur Al-Qaida-Filiale „im Zweistromland“ umwidmete.

Auffällig ist auch, wer sich offenbar nicht meldet. Aus Jordanien hat das Site Institute keine Trauerbekundung registriert. Dies könnte die These westlicher Sicherheitskreise stützen, Sarkawi habe in seiner Heimat mit den verheerenden Anschlägen auf Hotels in Amman Ende 2005 fast alle Sympathien verloren.

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