Zeitung Heute : „Keiner kann für neun Euro durch Deutschland fahren“ Verband der Busunternehmer setzt auf den Markt

Christiane Leonard, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer e. V. (bdo). Foto: BDO
Christiane Leonard, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer e. V. (bdo). Foto: BDOFoto: www.marco-urban.de

Frau Leonard, zunächst eine persönliche Frage zum Einstieg: Welches Buserlebnis werden Sie nie vergessen?

Wahrscheinlich das, welches die meisten anderen von uns auch haben. Die erste Schulbusfahrt war spannend. Später habe ich in den Schulbussen immer meine Hausaufgaben gemacht.

Ist mit der Marktliberalisierung die Fahrt ins Preisdumping vorgezeichnet?

Nein, ich glaube, das muss man differenzierter sehen. Auf Dauer kann keiner für neun Euro durch ganz Deutschland fahren. Das ist klar. Auch klar ist, dass gerade die Marktanteile über die Preise verteilt werden. Das wird und muss ein Ende haben, denn Komfort, Service, Sicherheit und Umweltfreundlichkeit haben ihren Preis – ebenso wie die gut ausgebildeten Fahrer. Deshalb wird sich das alles einpendeln.

Lässt sich bei den Busnahverkehren und bei Reisebussen auch von einem Boom sprechen?

In der Wirtschaftswissenschaft heißt Boom ja Hochkonjunktur, die bis zur Marktsättigung steigt. So weit sind wir bei den Fernbussen noch nicht. Der ÖPNV ist mit der Novellierung auf eine verlässliche Basis gestellt worden. Die Fahrgastzahlen steigen – 2,721 Milliarden Fahrgäste im Liniennahverkehr mit Bussen im ersten Halbjahr 2013. Busse fahren auf weit über 90 Prozent der ÖPNV-Linien und sind damit die tragende Säule des Nahverkehrs. Der Reisebus bleibt für mehr als acht Prozent der Bevölkerung seit Jahren stabil das Mittel der Wahl. Der Bustourismus erwirtschaftet mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz und sichert mehr als 200 000 Arbeitsplätze. Die neue Gesetzeslage hat dazu geführt, dass jetzt noch mehr Menschen wissen, wie sicher und sauber der Bus ist.

Die Busbranche hat ein großes Problem: Es fehlt an gut ausgebildeten Fahrern, und noch mehr fehlt es an gut ausgebildeten Fahrerinnen. Ist der Beruf zu unattraktiv?

Wir freuen uns über jeden jungen Menschen, der Busfahrer werden will. Der Arbeitsplatz ist sicher und technisch interessant. Unsere Unternehmer zahlen gute Gehälter. Und wer Glück hat, der darf später sogar die Nationalmannschaft fahren.

Mit Greyhound-Bussen kann man in den USA von Küste zu Küste fahren – so etwas gibt es in Europa bisher noch nicht. Ist das eine Frage der Zeit und damit der Marktbereinigungen oder rechnet sich so etwas in Europa einfach nicht?

Als Bundesverband richten wir unseren Blick jetzt auf den jungen deutschen Markt, der noch Spielräume bietet.

Welche großen ausländischen Player drängen auf den deutschen Busmarkt?

Das ist relativ übersichtlich.

Die tägliche Lenkzeit darf neun Stunden nicht überschreiten. Nach einer Lenkdauer von höchstens 4 1/2 Stunden muss der Fahrer eine Fahrtunterbrechung von mindestens 45 Minuten einlegen. Sind diese gesetzlichen Regelungen für Sie – und damit für Ihren Verband – akzeptabel und wettbewerbsfähig?

Nein, der Bus ist kein Lkw. Kein Fahrgast versteht nach einer Rundreise, warum der Busfahrer 15 Minuten vor dem Ziel noch eine Pause einlegen muss, obwohl er insgesamt kurz am Steuer saß.

Eine letzte Frage mit Blick auf die Schlaglöcher auf unseren Straßen: Was halten Sie von einer Maut für Busse?

Gar nichts. Denn der Bus im Fernverkehr deckt über seine Abgaben schon etwa 300 Prozent der Wegekosten, die er verursacht. Wir sind deshalb froh, dass die Verkehrsminister aus Bund und Ländern die Maut ablehnen.

Das Interview führte Reinhart Bünger.

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