Zeitung Heute : Kekse im Akkord statt sorglos in die Sonne

Barbara Bierach

Ferienjobs für Schüler sind irgendwie aus der Mode, zumindest bei vielen Eltern. „Das arme Kind soll sich erholen, nicht arbeiten!“ findet so manch besorgte Mama, die lieber selber das nötige Ferien-Taschengeld spendet, als den schulgestressten Sprössling im Sommer auch noch mit Arbeit zu belasten.

Da ist natürlich was dran, kein Mensch kann unentwegt aktiv sein, Faulenzen ist ein Menschenrecht. Andererseits gibts auch Geschichten wie diese: Die 16-Jährige Tochter einer Freundin ist clever und begabt, im Gymnasium kommt sie so gut mit, wie man eben mitkommt, wenn man intelligent ist, aber stinkefaul. Das gute Kind entwickelte nun eines Tages die wenig glorreiche Idee, die Schule verlassen zu wollen, um zu arbeiten. „Ich bin sowieso eher praktisch veranlagt“, meinte der Teenager, „ich will nicht noch drei Jahre in die Schule gehen und dann auch noch ewig auf die Uni. Ich will Geld verdienen und möglichst schnell hier ausziehen!“

Glücklicherweise verwandelte sich damals der Frühling gerade in einen heißen Sommer, was Mutter die Chance gab, sich mit Tochter zunächst auf einen Ferienjob zu einigen. Motto: „Wenn du Arbeiten so klasse findest, dann mach das doch einfach mal!“ Ausnahmsweise half Mami nicht beim Bewältigen des Alltags, Kind musste sich selber einen Job suchen. So spät im Jahr waren die netten Saisonpositionen natürlich längst vergeben und Töchterlein heuerte mangels Alternative für vier Wochen in einer Keksfabrik an. Aber nicht irgendwo staubfrei im Büro zum Kaffeekochen, nein am Band, Kekse verpacken im Akkord. Schichtbeginn war im Morgengrauen und sie verdiente eher Mitleid als einen erwähnenswerten Stundenlohn.

Da dackelte sie also hin, einen ganzen Monat lang, warf sich in den weißen Kittel und das Haarhäubchen und langweilte sich acht Stunden lang mit der niemals endenden Reihe von Keksen. Aufgeben hätte schließlich bedeutet, der Alten eine Niederlage einzugestehen. Niemals! Dann noch lieber den ganzen Tag süßlichen Backgeruch und nachts Träume vom Krümelmonster.

Nicht gerade ein Job für einen aufgeweckten Kopf, dennoch hatte das Mädel vor Ort ein paar schwerwiegende Eingebungen. Erstens: Sechs mal 45 Minuten Schule am Tag bei voller Alimentierung durch die Eltern sind tausendmal besser als acht mal 60 Minuten Maloche für einen Hungerlohn. Zweitens: Den einzigen netten Job in der Keksfabrik weit und breit haben die Ingenieure und Techniker, die immer dann ran müssen, wenn irgendwo eine Maschine klemmt. Daraus folgt: Wenn man was Vernünftiges gelernt hat, ist das Leben deutlich netter.

Vier Wochen später verkündete dasselbe Mädchen, die Schule sei gar nicht so übel und im Übrigen wolle sie nach dem Abi auf jeden Fall einen Beruf, den man auch mit lackierten Fingernägel und auf hohen Absätzen ausüben kann. Juristin wolle sie werden, oder vielleicht doch BWL studieren, mal sehen. Ob das was wird, ist eine ganz andere Frage, fest steht jedenfalls: ein Ferienjob zur rechten Zeit ist eine echte Investition in die Zukunft. Kluge Mütter wissen das.

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