Kenia : Der Feind von nebenan

Sie können kaum aufhören zu erzählen: Geschichten von verlorenen Kindern, verbrannten Höfen und Kämpfen mit Nachbarn, die sie einst beim Vornamen gerufen haben. Nach vier Wochen Bürgerkrieg in Kenia sind Hunderttausende auf der Flucht.

Alexander Glodzinski
Kenia
Folgen des Bürgerkriegs: Die Menschen fliehen vor Unruhen und Gewalt. -Foto: AFP

Eldoret/KeniaDie, die noch geblieben sind, sitzen auf gepackten Koffern. Die Teppiche sind zusammengerollt, die Möbel in den Ecken verstaut. Es sind einfache Hütten, aus Holzbalken und rotbrauner Erde. Etwas Benzin nur und ein Stück brennendes Holz, und sie fangen Feuer.

Moses Gitonga, 27, ist vorbereitet. Kleidung und Familienfotos hat er in einer zerrissenen Reisetasche verstaut. Seine hochschwangere Frau und das dreijährige Kind sind gleich nach den Präsidentschaftswahlen abgereist, in Sicherheit. Doch solange sein Haus noch steht, solange er seinen Garten noch bewirtschaften und seine vier Kühe melken kann, will er bleiben, in Eldoret, in dem Ort, in dem er geboren wurde, wo sein Vater einer der Dorfältesten ist.

Seit dem 27. Dezember, dem Tag der Präsidentschaftswahl in Kenia, hat sich das Leben im Rift Valley verändert. In der fruchtbarsten Region des Landes – auch einer der schönsten, geprägt vom Großen Afrikanischen Grabenbruch, einer gewaltigen, bis zu 100 Kilometer breiten Schneise in rotgoldener Erde – wird nun gekämpft bis aufs Blut. Früher haben die Touristen hier die Nationalparks von Nakuru und Naivasha besucht, um hunderttausende Flamingos auffliegen zu sehen. Gestern stand am Himmel über Naivasha nur ein Hubschrauber der Armee und feuerte über Demonstranten hinweg.

In der Nacht ist in Nairobi ein Politiker der Opposition ermordet worden. Sofort sind am Morgen Hunderte auf den Straßen. In Nairobi, Kisumu und Eldoret protestieren Luo und Kalenjin gegen den Mord, Gruppen von bewaffneten Jugendlichen fallen über Angehörige des Kikuyu-Stammes von Präsident Mwai Kibaki her. Mindestens vier Menschen hacken sie mit Macheten in Stücke. In Naikuru und Naivasha gibt es ebenfalls Krawall, dort rächen sich die Kikuyu für die Angriffe und Vertreibungen der vergangenen Wochen. Häuser brennen.

An diesem Tag, an dem in Nairobi der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan zum ersten Mal Opposition und Regierung gemeinsam an den Verhandlungstisch bringt, übersteigt die Zahl der Toten in Kenia die Tausendermarke. Knapp 300 000 Menschen sind auf der Flucht.

Vier Wochen dauern die Unruhen nun. Auslöser war der Wahlsieg von Staatschef Mwai Kibaki vom Kikuyu- Stamm. Oppositionsführer Raila Odinga vom Luo-Stamm wirft ihm Wahlbetrug vor. Seitdem bekriegen die Luo und die Kalenjin, die hinter dem Wahlverlierer stehen, mit Unterstützung vieler anderer Stämme die Kikuyu, die Kibaki jahrelang bevorzugt hatte. Am schlimmsten sind die Kämpfe im Rift Valley. Die Kalenjin bezeichnen diese Region als ihr Eigentum. Sie fühlen sich betrogen von den Kikuyu, die sich mithilfe dieser und früherer Regierungen auf ihren Weideflächen niedergelassen haben. Nun schießen sie mit Giftpfeilen und wüten mit Macheten. Seit vier Wochen kaum ein Tag ohne Plünderungen. Kaum ein Tag ohne Neuankömmlinge auf dem Festgelände von Eldoret. Die weite Rasenfläche vor der Holztribüne ist gefüllt mit Flüchtlingen. Heimatlose in ihrem eigenen Land.

Früh am Morgen hängt leichter Nebel über einem Meer aus weißen Planen. Die Nächte sind kühl auf 2300 Meter Höhe. Zwischen Zelten und Feuerstellen spielen Kinder Fußball, sie haben eine Plastiktüte mit Gras ausgestopft. Der Geruch von Küchenfeuern beißt in der Nase. Moses Gitonga ist von seiner Hütte aus hierher gewandert, er besucht Freunde. Sie haben alles verloren. Große schwarze Ziffern nummerieren die Zelte. Aber bei 3000 ist Schluss, dahinter sitzen die Familien auf dem nackten Boden, ohne Dach über dem Kopf. Nach Angaben des Roten Kreuzes leben in dem Lager nun 13 551 Menschen, 50 000 sind in der Region obdachlos geworden. Caritas International hat gestern zu Spenden aufgerufen. Benötigt würden mindestens 1,8 Millionen Euro, um die Flüchtlinge in den kommenden drei Monaten zu versorgen.

Moses’ Freunde können kaum aufhören zu erzählen. Geschichten von verbrannten Höfen, verlorenen Kindern, von Flucht und Kämpfen mit Nachbarn, die sie beim Vornamen gerufen haben.

In einem der Zelte lebt Naomi Muigai, 22. Neben dem Eingang liegt eine Rolle Wellblech: der einzige Gegenstand von Wert, den sie von ihrem Hof hat retten können. An diesem Tag will sie noch einmal zurück, die Trümmer durchsuchen.

20 Jahre lang hat Naomi in Kiambaa gelebt, zusammen mit 25 Familienmitgliedern in mehreren Hütten. Nun sind sie verbrannt, die Pfade menschenleer. Zehn Ziegen, vierzig Hühner und zwölf Schafe hatte die Familie – alle gestohlen. Möbel und Kleidung sind den Flammen zum Opfer gefallen. Naomi geht von Haus zu Haus, langsam, auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Schließlich findet sie ein Metallsieb und wickelt es in eine Plastiktüte; ihr Blick geht nervös in die Umgebung. Zu grausam ist die Erinnerung an das Inferno in der Kirche, dem sie gerade so entkommen konnte.

Die verkohlten Trümmer der Kirche liegen in Sichtweite ihres Hofes. Gelbe Plastikbänder sperren das Gelände – den Tatort – ab. Hunderte Dorfbewohner hatten zu Beginn der Unruhen dort Schutz gesucht, als aufgebrachte Männer, jung und alt, mit Speeren, Pfeil und Bogen, Macheten und Benzinbomben bewaffnet durch die Gegend zogen. In Kiambaa nahm die Gewalt barbarische Ausmaße an. Die Marodeure steckten die Kirche an. Dutzende von Naomis Freunden und Verwandten sind bei lebendigem Leib verbrannt; Naomi ist durch die Hintertür entkommen. Ihre Schwester Ruth liegt jetzt im Moi-Krankenhaus, zehn Kilometer entfernt. Mit schweren Brandverletzungen an Beinen und Händen hat sie sich dorthin geschleppt. Halb ohnmächtig ist sie vor der Notaufnahme zusammengebrochen, ihre dreijährige Tochter Macy hat sie den ganzen Weg getragen.

Wer Eldoret Richtung Osten verlässt, ist bald im Land der Kalenjin. Der Weg führt vorbei an weitem, fruchtbarem Land. Schafe überqueren gemächlich die Straße. Kühe weiden am Wegrand. Die Nandi Hills sind die Heimat der Kalenjin, einem Volk von Viehhirten und Kriegern, die erst nach der Vertreibung der Kolonialherren begonnen haben, sich auch in den Städten niederzulassen.

Die Straße führt auch zum „Global Sports Camp“ von Patrick Sang, dem Hürdenläufer; in Barcelona hat er 1992 die olympische Silbermedaille gewonnen. Heute ist er Trainer. In der kühlen Höhenluft arbeitet er mit den besten Athleten des Landes: mit Kurz- und Langstreckenläufern wie Eliud Kipchoge und Emmanuel Mutai, die sich eigentlich auf die Olympischen Spiele in Peking vorbereiten müssten – nur dass ihre Trainingsstrecke nun im Rückzugsgebiet marodierender Jugendlicher liegt. Tagelang haben die Sportler das Gelände nicht verlassen können. Aber viel schlimmer sei, sagt Patrick Sang, dass die Gewalt „die Magie der Region“ vertreibe.

Patrick Sang ist Kalenjin, ja, aber er gehört nicht zu den Aggressoren in diesem Konflikt. Er und seine kenianischen Wunderläufer stehen für ein friedliches Eldoret. Sang ist ein Versöhner. Er findet, er als Kalenjin profitiere ebenfalls von den Reformen der Kibaki-Regierung, wie die gesamte wachsende Mittelschicht, ungeachtet der Stammeszugehörigkeit. „Gewalt und Vertreibungen sind die Folge von Vorurteilen“, sagt Sang. Jede Seite glaubte fest an die Schuld der anderen. So würden Vermutungen schnell zu Gerüchten und Gerüchte zu Tatsachen. Die Kikuyu sehen sich als Opfer einer ethnischen Säuberung, die Kalenjin als Opfer einer politischen Intrige. Die Wahrheit ist in Kenia kaum mehr zu erkennen.

Der Fall des Lucas Sang ist ein Beispiel. Der ehemalige Spitzenläufer ist nicht verwandt mit Patrick Sang, aber auch er galt als Idol unter den jungen Kalenjin, als lokale Führungspersönlichkeit. Am Tag nach Kibakis heimlicher Vereidigung war Lucas Sang tot. An einer Blockade aus dem Auto gezogen und brutal ermordet: von Kikuyu, sagen seine Läuferkollegen.

Die Kikuyu von Kimomo jedoch, jenem Vorort von Eldoret, wo die Leiche von Lucas Sang gefunden wurde, erzählen eine andere Geschichte. Eine Gruppe älterer Frauen steht an der Straße, eine von ihnen hebt den Arm. Wenige Schlaglöcher weiter sei es passiert, sagt sie. Der Lucas Sang, der habe hier Häuser angesteckt. Natürlich wollte er fliehen, aber dann blieb er beim Sprung über einen Zaun hängen und fiel. Man habe ihn mit Machetenschlägen getötet. Jeder im Dorf habe gewusst, dass Lucas Sang Jugendliche dafür bezahlte, unter den Kikuyu Angst zu verbreiten, zu brandschatzen und zu plündern. 200 Schilling gab es dafür. In den Taschen des Toten haben sie Beweise gefunden: eine Pistole und 50 000 kenianische Schilling.

All dem zu entkommen, ist schwer. Die Fluchtwege aus dem krisengeschüttelten Land sind versperrt. Wer Eldoret Richtung Süden verlässt, kommt irgendwann in Nairobi an – wenn er Glück hat. Wegelagerer haben Bäume auf die Fahrbahn gerollt, als Wegsperre. Ausgebrannte Autos liegen am Straßenrand. Zerrissene Gestalten mit geröteten Augen springen hier aus den Büschen, drohen mit großen Steinen und fragen nach Wegzoll und Stammeszugehörigkeit.

An dieser Straße liegt auch Burnt Forest, ein Ort, der seinen Namen der Brandrodung weißer Farmer verdankt; er könnte heute kaum passender sein.

Burnt Forest ist eine geteilte Stadt – Kenia im Kleinen. Der Weg zur Moschee bildet eine imaginäre Grenze. Im Norden wohnen die Kalenjin. Im Süden warten die Kikuyu, sie wagen sich nicht auf die andere Seite. Die einen wollen Gerechtigkeit, die anderen Sicherheit. Die Gräben sind tief, und werden jeden Tag tiefer, trotz der Vermittlungsversuche von Kofi Annan. Zum Auftakt der Gespräche in Nairobi hat er gestern in einer vom Fernsehen übertragenen Rede vor den schweren Konsequenzen gewarnt, die die wochenlangen Gewaltexzesse für das Land hätten. Felder lägen brach, der soziale Zusammenhalt sei gefährdet. Annan sagte auch, die Unruhen könnten innerhalb von vier Wochen eingedämmt werden. Alles andere ließe sich in einem Jahr regeln. Ob das reicht?

„Die Kikuyu sollen dorthin zurückkehren, wo sie herkommen“, sagt Peter Chepsiror, Pastor in der nördlichen Hälfte von Burnt Forest. Schon seit 15 Jahren gebe es nur noch wenige Eheschließungen zwischen Kalenjin und Kikuyu, sagt er. In Zukunft sei dies wohl unmöglich. Wer will schon heiraten und dann getrennt leben.

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