Kenia : Höhle des Zackenbarschs

Manche vergleichen sie mit Guantanamo: die Haftanstalt Shimo la Tewa in Mombasa. Gewalt, Willkür, sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung. Auch 75 somalische Piraten warten hier in Kenia auf ihren Prozess.

Roland Brockmann[Mombasa]

Der Vorhof zur Hölle wirkt wie das Paradies. Blumen blühen in sauber angelegten Beeten, der Betonboden ist gefegt, und an den Wänden der Werkstatttrakte leuchten farbige Wandbilder mit freundlichen Strandszenen. Nur der einzeln aufragende Wachturm erinnert daran, dass die Menschen hier nicht freiwillig sind.

Mombasa. Die Stadt, zu der gerade der am Montag aus Seeräuberhand freigekommene deutsche Frachter „Hansa Stavanger“ unterwegs ist – eskortiert von Kriegsschiffen. In der kenianischen Hafenstadt soll die Besatzung des Schiffs, nach vier Monaten in der Gewalt somalischer Piraten, versorgt und dann in die Heimat ausgeflogen werden. Hier in Mombasa wird aber auch Piraten der Prozess gemacht, jenen, die früher andere Schiffe kaperten und entführten und die festgenommen worden sind. Sie sind Gefangene im Hochsicherheitsgefängnis Shimo la Tewa.

Die im Gefängnishof angetretenen Häftlinge tragen Sträflingskleidung. Mit einem Stock dirigiert ein Wärter sie zu einem Halbkreis. Es sind Hunderte. Mit Plastikfässern werden kleine Fußballtore markiert, zwei Mannschaften stellen sich auf. Einige der Akteure haben Sportschuhe und Stutzen, andere sind barfuß, tragen aber selbstgebastelte Knieschützer. Pünktlich zum Anstoß flattert ein Schwarm Vögel über die Gefängnismauern Richtung Meer, das nur ein paar Hundert Meter entfernt an den feinen Sandstrand brandet. Dort, wo sich jetzt die Touristen in ihren Liegestühlen ausstrecken. Unter echten Palmen und in Freiheit.

Menschenrechtsorganisationen veranstalten an diesem Tag ein Fußballturnier für die Gefangenen. Auch die Gefängnisdirektorin Wanini Keriri ist gekommen und hat unter einem eigens aufgebauten Sonnensegel Platz genommen. Die schlanke Frau mit hennagefärbtem kurzem Haar gilt vielen als Reformerin des kenianischen Strafvollzugs; anderen vor allem als perfekte PR-Fachfrau. Aber kann man denn nicht gerade erleben, wie liberal es hier in Shimo la Tewa zugeht?

Laut Amnesty International gleichen „die Haftbedingungen in kenianischen Gefängnissen grausamer und erniedrigender Bestrafung“. Schuld daran sei vor allem die Überbelegung: In 90 kenianischen Strafvollzugsanstalten mit rund 12 000 Plätzen sitzen fast 50 000 Gefangene ein. Die Zellen der noch aus Kolonialzeiten stammenden Anstalt Shimo la Tewa sind mit 3500 Insassen dreifach belegt.

Rund 75 von ihnen gelten als somalische Piraten. Manche wurden bereits verurteilt, andere warten noch auf ihren Prozess. Fast alle bestreiten den Vorwurf der Piraterie. So oder so sitzen sie jetzt aber nur deshalb in einem kenianischen Gefängnis, weil die Länder, deren Kriegsschiffe die mutmaßlichen Seeräuber am Horn von Afrika aufgegriffen haben, sie nicht vor heimische Gerichte gestellt sehen wollen.

Und so hocken auch die neun Somalier, die im März von der Fregatte „Rheinland-Pfalz“ festgesetzt wurden, noch immer in Shimo la Tewa, was auf deutsch soviel wie „Höhle des Zackenbarschs“ heißt. Die Angeklagten haben zwar einen Anwalt, aber Journalisten verwehrt die Direktorin jeglichen Zugang hinter die frisch renovierte Fassade des Hofs. Ihr Vorgesetzter verweist mit freundlichen Worten auf noch höhere Stellen in Nairobi. Und deutsche Diplomaten in Kenia wollen in diesem Fall erst gar nicht vermitteln. Botschafter Walter Lindner sagte, dass die Haftbedingungen zwar nicht den deutschen Standards entsprächen – aber dennoch menschenwürdig seien.

Für den 44-jährigen Hassan Greeves indes schließen die Mauern von Shimo la Tewa jede Menschlichkeit aus. Dahinter herrsche Willkür und Gewalt. Jeder, der heil wieder herauskomme, könne von Glück reden. Der Kenianer Greeves engagiert sich für Bürgerrechte, die auch für die somalischen Gefangenen gelten müssten. Er protestiert auf einer kleinen Demonstration ein paar Kilometer entfernt, in Bombolulu, gegen die Willkür der kenianischen Justiz. Auf Greeves’ T-Shirt steht: „No Guantanamo in Kenya.“

Die Botschaft ist klar: Kenia soll nicht zum rechtsfreien Abladeplatz somalischer Seeräuber in einem internationalen Konflikt werden. Egal, ob es sich dabei um „arme Fischer handelt“ oder um „brutale Verbrecher, deren Inhaftierung in Shimo la Tewa das Land Kenia zu einem potenziellen Racheziel somalischer Islamisten macht“, wie Betty Sharon meint, eine junge Aktivistin von „Coast Women in Development“.

Die Frauenrechtsorganisation gehört zu den Veranstaltern des Fußballturniers. Während die Gefangenen um von Unicef gestiftete Trikots kicken, sitzt Betty Sharon neben Wanini Keriri. Die beiden kennen sich – und verstehen sich. Betty Sharon glaubt, dass die Gefängnisdirektorin die Zustände in Shimo la Tewa tatsächlich reformiert. Doch wie es hier an anderen Tagen als diesem zugeht, kann auch sie nicht sagen.

Das weiß Hussein Mohamed (Name von der Redaktion geändert), fast 20 Jahre lang heroinabhängig, inzwischen clean und Mitglied bei „Citizens Against Child and Drug Abuse“. Im Anschluss an das Turnier hält er eine kleine Rede im Hof von Shimo la Tewa, wo er selbst achtmal einsaß, zuletzt 2008. Meist wegen Beschaffungskriminalität. Viele der Wärter kennt er noch. Heute geben sie sich die Hand, heute trägt der schmächtige Ex-Junkie Sakko und Krawatte und macht den Gefangenen Mut. Am Ende seiner Rede dankt er gar „Mama Keriri“ für ihr Engagement.

Später, unter vier Augen, sagt Hussein: „Die Zellen sind völlig überfüllt. Zwischen 120 und 140 Gefangene schlafen jeweils auf dem Boden eines Raums ohne Fenster, nur durch schmale Lüftungsschlitze kommt ein wenig Frischluft. Rund um die Uhr brennt Licht.“ Das Trinkwasser stamme aus einfachen Brunnen, sagt er, und sei wegen der Küstennähe versalzen.

Und Edwin Okoth, 25, ein anderer ehemaliger Häftling, erzählt: „Manchmal öffnete sich nachts unsere Zellentür, und Wärter führten einen Gefangenen raus.“

Was geschah mit dem Gefangenen? „Ich habe es nicht mit eigenen Augen gesehen“, sagt Okoth, „aber jedem von uns war klar, worum es ging: Ein Gefangener stellte sich einem der Langzeithäftlinge sexuell zur Verfügung.“ Sex sei wie eine Währung in Shimo la Tewa. Man könne sich damit Vorteile erkaufen. Oder Drogen. Marihuana würde überall geraucht, aber auch Heroin sei im Umlauf. Die Wärter würden das organisieren.

Nach einigen Tagen im Hauptgebäude landete Okoth in einem Anbau, in dem Mörder, Vergewaltiger und Räuber untergebracht sind. Der Anbau sei noch schlimmer als das Haupthaus. Nachts konnte er auf einer Decke über dem nackten Betonboden nur in Seitenlage liegen, so dicht belegt sei die Zelle gewesen. Tagsüber schuftete er auf den Maisfeldern der Anstalt – ohne Bezahlung. „Nach der Feldarbeit wuschen wir uns in einer dreckigen Grube.“

Es sitzen auch Deutsche in Shimo la Tewa ein; zurzeit sind es drei. Sichtlich gezeichnet wurde 2007 ein deutscher Tauchlehrer entlassen. Drei Jahre hatte der – unter Mordverdacht stehend – in Shimo la Tewa verbracht. Er besaß immerhin eine Matratze, Freunde durften ihn mit sauberem Trinkwasser versorgen.

Unterstützung von außen fand auch Andrew Mwangura, der zwei Nächte in Shimo la Tewa verbrachte. Der Gründer des kenianischen Seefahrer-Hilfsprogramms gilt als geachteter Vermittler zwischen Piraten und Reedern. Anfang Oktober 2008 wurde er verhaftet. Der Vorwurf: „Bedenkliche Äußerungen zu Auslandsmedien, die die Sicherheit des Landes berühren.“ Die Anklage wurde später, unter anderem auf Druck der Medien, fallen gelassen.

Andrew Mwangura ist ein sehr zurückhaltender Mensch. Er kann aber auch deutlich werden. Von der Piraterie würden viele Parteien profitieren, sagt er: somalische Warlords, aber auch westliche Sicherheitsunternehmen – und nun auch Leute in Kenia. „Durch das Abkommen zwischen den USA, der EU und Kenia, in dem das Land sich zur Aufnahme der aufgegriffenen Somalier bereit erklärt, erhält Kenia Geld für die Modernisierung der Justiz und der Gefängnisse. Aber wer kontrolliert, ob das Geld wirklich dafür eingesetzt wird?“

Tatsächlich hat das Justizsystem unter dem amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki Fortschritte gemacht. In Kenia gab es Fälle, bei denen Menschen 18 Jahre ohne Prozess hinter Gittern saßen. Nach dem Ende der Ära des Diktators Daniel A. Moi 2002 wurde fast die Hälfte der High-Court-Richter wegen Korruption aus dem Amt gejagt. Doch noch immer gibt es kein Gesetz, das Angeklagten freien Rechtsbeistand gewährt. Und Korruption bleibt ein wesentliches Merkmal des Systems. Das bestreitet nicht einmal die Regierung selbst.

Zurück im Hof von Shimo la Tewa: Nach der letzten Rede vor den Gewinnern des Fußballturniers klatschen alle Beifall. Sträflinge wie Besucher. Tore öffnen sich, Tore schließen sich. Wanini Keriri begleitet die Besucher scherzend bis zum Haupttor. Über die Situation in den Zellen will sie sich nicht äußern. Lächelnd erklärt sie trotzdem, dass Kenias Gefängnisse bald mit denen Europas vergleichbar wären.

Das kann selbst Wanini Keriri nicht ernst meinen.

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