Kenia : Wer ist Raila Odinga?

Er ist ein steinreicher Unternehmer - im Herzen aber Sozialist. Seinen Sohn hat er Fidel genannt und den Armen will er Gerechtigkeit bringen

Dagmar Dehmer

WOFÜR STEHT RAILA ODINGA?



Raila Odinga kommt aus einer der „Gründungsfamilien“ Kenias. Sein Vater Jaramogi Ajuma Oginga Odinga, der 1994 starb, war der erste Vizepräsident Kenias nach der Unabhängigkeit 1963. Dann überwarf er sich mit dem Gründungspräsidenten Jomo Kenyatta und war fortan in der Opposition. Nach einem Putschversuch gegen Kenyattas Nachfolger Daniel arap Moi 1982, an dem Raila Odinga an führender Stelle beteiligt gewesen sein soll, stand Oginga Odinga jahrelang unter Hausarrest, während sein Sohn im Gefängnis saß. Oginga Odinga war zunächst ein Luo-Häuptlling. Politisch war er dem Sozialismus nahe. Deshalb steht bis heute in Kisumu, der drittgrößten Stadt Kenias ein Krankenhaus, das die damalige Sowjetunion für Vater Odinga gebaut hatte. Dieser politischen Sympathie ist es wohl zu verdanken, dass Raila Odinga sein Studium in der DDR absolvierte.

Raila selbst sympathisierte auch mit dem Sozialismus. Sein ältester Sohn heißt nicht zufällig Fidel. Allerdings ist Raila Odinga auch ein erfolgreicher Unternehmer, der mit seiner Ingenieursfirma steinreich geworden ist. Heute sagt er über sich selbst, er sei ein Sozialdemokrat. So hat er im Wahlkampf versprochen, mehr für die Armen in Kenia zu tun. Nahezu die Hälfte der Bevölkerung gilt nach Definition der UN als arm, weil sie von einem Dollar am Tag leben muss. Raila Odingas Wahlkreis liegt im größten Slum Afrikas, in Kibera. Dort hat er eine Sekundarschule gegründet, die er finanziert. Zudem vergibt er Stipendien für begabte junge Leute, die sich das Schulgeld nicht leisten können. Das gibt ihm trotz seiner extravaganten Auftritte – im Wahlkampf fuhr er mit einem roten Geländewagen der Marke Hummer durch die Gegend, wenn er nicht einem Hubschrauber entstieg – Glaubwürdigkeit. An der üblichen Kleptokratie kenianischer Minister beteiligt er sich nicht. Er begnügt sich mit dem höchsten Abgeordnetengehalt Afrikas – kenianische Abgeordnete verdienen im Monat rund 2000 Euro mehr als deutsche Bundestagsabgeordnete.

WIE SEHEN IHN DIE MENSCHEN IN KENIA?

Für seine Wähler in den Slums von Nairobi oder die Armen in Kisumu ist Odinga eine Lichtgestalt. Für die Angehörigen seiner Ethnie, die Luo, ist er ein Held. Raila Odinga hat ein beachtliches Talent, Menschen für sich zu begeistern. Er ist ein mitreißender Redner und saß für seine Überzeugungen im Gefängnis. Mwai Kibaki hat es vor allem diesen Talenten seines späteren Gegenspielers zu verdanken, dass er es 2002 geschafft hat, Präsident zu werden.

Allerdings hat Raila Odinga auch viele Feinde in Kenia. Er gilt als „Parteienzerstörer“, weil er seit der Einführung der MehrparteienDemokratie Anfang der 90er Jahre bei insgesamt sieben Parteigründungen mehr oder weniger beteiligt war. Die erste, Ford-K, hatte noch sein Vater Oginga Odinga gegründet. Als es Raila nach dem Tod seines Vaters nicht gelang, den Parteivorsitz zu übernehmen, schloss er sich einer neuen Partei an. Und Raila Odinga hat sich nie gescheut, mit dem „Feind“ gemeinsame Sache zu machen, wenn er davon profitierte. 2002, kurz bevor Daniel arap Moi abtreten musste, machte er Raila Odinga, den er 2001 zum Energieminister berufen hatte, zum Generalsekretär der früheren Einheitspartei Kanu. Doch dann entschied sich Moi nicht für Raila Odinga als neuen KanuChef und Präsidentschaftskandidaten. Odinga verließ die Partei mit Mwai Kibaki und organisierte ein Oppositionsbündnis, das als Narc (Regenbogenkoalition) einen grandiosen Wahlsieg einfuhr.

Odinga ist ein Draufgänger und galt noch im Frühjahr 2007 wegen seines aufbrausenden Temperaments und seines Rufs als Strippenzieher als „unwählbar“. Politische Beobachter schließen auch nicht aus, dass Odinga einmal an der Macht zu einem Demokraten Putin’scher Prägung werden könnte.

WELCHE STRATEGIE VERFOLGT ER?

Raila Odinga wird nicht nachgeben. Weil seine Partei ODM eine Mehrheit im Parlament errungen hat, und er in sechs von acht Provinzen auch bei der Präsidentschaftswahl deutlich vorne lag, ist er überzeugt, dass ihm Kibaki mit seiner hastigen Einschwörung die Wahl „gestohlen hat“. Zumal Kibaki das von ihm selbst 1988 formulierte Prinzip – „Selbst zur Fälschung von Wahlen bedarf es einer gewissen Intelligenz“ – nicht befolgt hat. Der Wahlbetrug war gleichsam live im Fernsehen zu verfolgen. Deshalb weiß Odinga auch eine große Mehrheit der Kenianer hinter sich, wenn er verlangt, dass die Wahl zumindest neu ausgezählt, wenn nicht wiederholt werden muss. Außerdem ist jedem in Kenia klar, dass eine Machtteilung zwischen Kibaki und Odinga schon deshalb nicht in Frage kommt, weil Kibaki den Pakt von 2002 gebrochen hat. Kibaki hatte damals versprochen, die Macht mit Raila als Premierminister zu teilen.

Nach der Verkündung von Kibakis Wahlsieg hat sich Raila Odinga überwiegend klug verhalten. Mehrfach sagte er Protestveranstaltungen wieder ab, weil weitere Menschenleben in Gefahr geraten wären. Zudem hat er, im Gegensatz zum Kibaki-Lager, allen Vermittlern gegenüber Kompromissbereitschaft angedeutet. Gleichzeitig hat er aber auch keinen Zentimeter Boden aufgegeben. Mit den Vorwürfen der Regierung, die Opposition habe nach der Wahl eine von langer Hand geplante „ethnische Säuberung“ gegen die Gikuyu – denen auch Kibaki angehört – zu verantworten, ist Odinga nicht ganz so souverän umgegangen. Stattdessen erhob er den Vorwurf des Völkermords gegen die Regierung, weil diese der Polizei einen Schießbefehl gab. Tatsächlich sind in Kisumu mehr als 60 Menschen Polizeikugeln zum Opfer gefallen.

Odinga ist überzeugt, dass eine Lösung nur in einer Übergangsregierung zur Organisation von Neuwahlen liegen kann. Nachdem internationale Vermittlungsbemühungen an Kibakis Umfeld abgeprallt sind, gibt es immer mehr internationale Beobachter, die Odinga recht geben.

IST MIT IHM EIN NEUANFANG MÖGLICH?

Odinga hat im Wahlkampf einen entschlossenen Kampf gegen Korruption und eine gerechtere Verteilung der Ressourcen versprochen. Binnen 100 Tagen wollte er den Kenianern die Verfassung geben, die sie in den Jahren vor 2002 mit großem Engagement erarbeitet hatten. Diese sogenannte Bomas-Verfassung sieht einen mächtigen Premierminister vor. Außerdem schwebt Odinga eine Dezentralisierung vor, Regionalregierungen sollen Macht erhalten. Bisher sind in Afrika jedoch alle Versuche einer Dezentralisierung gescheitert, sagt Afrikaforscher Gero Erdmann. Fast überall hätten sich die Präsidenten vorbehalten, selbstbewusste Provinzpolitiker wieder abzusetzen, wenn sie unbequem wurden.

Und wie immer in seinem politischen Leben hat sich Raila Odinga auch diesmal mit Politikern umgeben, die eher nicht für den versprochenen Wandel stehen. Zum Beispiel William Ruto oder Musalia Mudavadi, die Odinga bei der Nominierung des ODM-Spitzenkandidaten unterlagen. Beiden wird Korruption vorgeworfen.

Auf der anderen Seite stehen aber auch grundsolide und glaubwürdige Unterstützer Odingas. Da ist beispielsweise Najib Balala. Der 40-Jährige war zwischen 1998 und 2002 ein sehr erfolgreicher und effizienter Bürgermeister in Mombasa. Er war in der ersten Regierung Kibaki für Gleichberechtigung zuständig, gilt als integer und klug. Das gilt auch für Peter Anyang Nyongo. Oder Salim Lone, der frühere Sprecher der Vereinten Nationen im Irak. Er fungiert derzeit als Sprecher der ODM. Auf der Seite Odingas steht auch Charity Ngilu, die bis vor kurzem noch Gesundheitsministerin war und 1997 als erste Frau – damals gegen Odinga – um die Präsidentschaft gekämpft hat.

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