Kerry Fox : "Die zweiten Ehen laufen auch nicht besser"

Kerry Fox will ihre Kinder in Natur und Freiheit aufwachsen lassen – in London. Über Gerechtigkeit, menschliche Monster und das Romantische in uns allen.

Interview: Gabriela Herpell
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Kerry FoxFoto: pa/ dpa

Mrs. Fox, Blockbuster sind nicht Ihre Sache. Sie arbeiten lieber mit Hans-Christian Schmid, Patrice Chéreau und Michael Winterbottom – alles Independent-Regisseure …

… es heißt ja, dass ein Schauspieler sich stärker durch die Rollen auszeichnet, die er abgelehnt hat, als durch die, die er gespielt hat.

Und welche Rollen haben Sie abgelehnt?

Ein paar echte Volltreffer. Aber ich will Ihnen nicht sagen, welche es waren.

Verraten Sie bitte nur so viel: Waren es gute Filme oder waren es erfolgreiche Filme?

Erfolgreiche Filme! Aber ich bereue nicht, sie nicht gedreht zu haben. Allerdings wäre mein Leben sicher ganz anders verlaufen.

Mit „Intimacy“ sind Sie international bekannt geworden: Eine verheiratete Frau und ein Barkeeper haben jeden Mittwoch stummen Sex, der sehr drastisch gefilmt ist. In Ihrer zweiten Heimat England hat Ihr Ruf ziemlich gelitten.

Die Art und Weise, mit Sexualität umzugehen, ist in England eben etwas angespannter als auf dem Kontinent.

Es hieß sogar: „She’ll never work again.“

Die Boulevard-Presse ist dort unerbittlich. Wenn diese Typen einmal hinter dir her sind, hast du keine Chance mehr.

Waren sie nur hinter Ihnen her? Oder auch hinter Mark Rylance, der mit Ihnen im Film Sex hatte?

Keine Ahnung. Ich habe versucht, so wenig wie möglich darauf zu achten, was geschrieben wurde. Ich weiß nur, dass viele Leute schlecht über den Film geschrieben haben, die ihn gar nicht gesehen haben. Was soll man da machen? Da kann man ja nicht einmal diskutieren.

Sie waren wütend?

Erst war ich so überrascht, dass ich gar nicht darauf gekommen bin, wütend zu sein. Dann war ich enttäuscht. Ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet. In allen anderen Ländern ist er viel besser angekommen.

Haben die Neuseeländer keinen Anstoß an den Sexszenen genommen?

Die Neuseeländer finden alles toll, was jemand macht, der aus ihrem Land stammt. Ich habe sogar einen Brief von Helen Clark bekommen, die damals Premierministerin war. Sie schrieb: „Ich bin so stolz auf Sie!“

Ihr Mann, der Journalist Andrew Linklater, hatte Schwierigkeiten mit den Sexszenen. Er schrieb darüber einen Artikel. Sie beide waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht lange zusammen. War die junge Liebe eher hilfreich oder in Gefahr?

Der Umgang mit „Intimacy“ hat geklärt, wer wir sind, und hat unsere Beziehung definiert. Sie ist ja so geworden, wie ich mir eine Beziehung immer gewünscht habe.

Was waren das für Wünsche?

Ich habe mir einen Mann gewünscht, der mich in meiner Arbeit unterstützt und versteht, was für mich wichtig ist.

Ist Ihnen nie durch den Kopf geschossen: Das kann ich jetzt nicht machen?

Ich konnte nicht mehr zurück. Außerdem war der Film mir wirklich wichtig. Ich wollte, dass es ihn gab. Es hätte sonst etwas gefehlt in der Welt: ein Film, in dem man sich vor allem körperlich artikuliert. Hinzu kommt, dass ich mich zu dieser Zeit unglaublich mutig fühlte.

Sind es die überwundenen Schwierigkeiten, die Mann und Frau zusammenhalten? Oder sind es eher die guten Zeiten?

Ich weiß es nicht. Man muss sich einfach unglaublich anstrengen, um mit jemandem zusammenzubleiben. Um mich herum geben gerade eine Reihe von Paaren auf. Sie haben gekämpft, aber es hat nicht gereicht. Traurig. Vielleicht sind sie eben glücklicher ohneeinander. Ich glaube, man muss sich dafür entscheiden, alles für eine Beziehung zu geben. Und dann kann es immer noch schiefgehen.

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich sagte einmal auf die Frage nach der härtesten Lektion ihres Lebens: zu begreifen, dass die Menschen, die man liebt, einem nicht immer guttun.

Es ist möglicherweise der große Irrtum, dass eine Liebe sich immer gut anfühlen muss.

Früher war der große Irrtum, dass man auf Teufel komm raus zusammenblieb, weil man geheiratet oder Kinder bekommen oder ein Haus gebaut hatte.

Ja, und nun stehen wir da und müssen zusehen, wie wir das hinkriegen. Aber ich nehme um mich herum deutlich wahr, dass die Leute nicht mehr so einfach aufgeben wie in den 80er Jahren, als man sagte: Wenn es nicht mehr schön ist, muss man gehen. Sie geben sich Mühe, und nur wenn es gar nicht mehr geht, trennen sie sich.

Ist das eine Altersfrage? Sie sind 43 und haben zwei Kinder mit Ihrem Mann. Da hat man noch nie so einfach aufgegeben.

Ich glaube doch. Und ich glaube auch, dass sich da etwas Grundsätzliches verändert. Die Leute haben begriffen, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes auch nicht grüner ist. Sie wissen, dass sie eines Tages an demselben Punkt stehen werden – auch wenn sie sich trennen und zum nächsten weiterziehen. Das heißt nicht, dass sie keine Schwierigkeiten damit haben, dass das Gras auf ihrer Seite gelb wird. Das Problem bleibt auch dann bestehen, wenn man weiß, dass das Gras bei allen Menschen zum Gelbwerden neigt.

Warum hat sich diese Haltung verändert?

Weil die Menschen nicht allein sein wollen und wissen, dass die zweiten Ehen nicht besser laufen.

In Ihrem neuen Film geht es auch um das Erkalten des Idealismus. In „Sturm“ spielen Sie Hannah, eine Anwältin am Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag, die einem Kriegsverbrecher aus dem Balkankrieg den Prozess macht.

Wir verabschieden uns mit zunehmendem Alter von unseren Idealen. Manchmal geschieht das schleichend, oft muss man auch mitten durch die Grütze stiefeln, um zu erkennen, wie die Welt tickt. Man erkennt, dass es zur Natur des Menschen gehört, erst mal unrealistisch zu sein. Wir sind alle Romantiker.

Ist das Reife oder Resignation?

Das hängt von der Person ab, die diese Erfahrung macht. Wenn man so eine Rolle spielt, denkt man natürlich darüber nach, wie man diesen Menschen ausfüllen möchte. Bei Hannah fand ich wichtig, dass sie auch mal nicht liebenswert ist. Sie ist einsam, von ihrer Arbeit besessen und denkt nicht darüber nach, dass es auch andere Meinungen geben könnte, weil sie ja für eine gute Sache kämpft.

Gleich zu Anfang berichtet Hannah ihrem Geliebten, dass sie doppelt so hart gearbeitet hat wie ein ihr gleichgestellter Mann, dieser aber einen Job bekommen hat, den sie wollte.

Daran ist ja nun gar nichts neu. Alle Frauen, die ich kenne, müssen besser sein als die Männer. Auch Schauspielerinnen.

Wirklich?

Absolut. Wenn etwa ein Mann über jede Rolle oder über jedes Drehbuch diskutiert, wenn er ständig meckert, finden alle toll, wie er sich einsetzt und kämpft. Wenn eine Frau das tut, ist sie schwierig.

Ein schwieriger Mann ist cool, eine schwierige Frau ist eine Zicke.

Also muss man andere Wege finden, Einfluss zu nehmen. Darin bin ich über die Jahre sehr viel besser geworden. Ich veranlasse beispielsweise, dass Stephen Delay in einem Film mitspielt. Dann kämpft er um jedes Wort, und ich schließe mich seiner Meinung an. Ich sage: „Hört mal zu, was Stephen sagt.“ Wir haben fünf Filme zusammen gemacht. Er ist nie zufrieden.

Das ist ja Manipulation!

Ja, klar. Die haben wir Frauen perfektioniert. Manchmal vergesse ich auch jegliche Art der Diplomatie und verliere einfach die Geduld – vor allem, seit ich Kinder habe. Wenn etwas zu lange diskutiert wird, merke ich plötzlich, wie viel lieber ich diese Zeit für meine Kinder hätte, und dann gehe ich dazwischen und sage: „Schluss!“

Die Gastfreundschaft der Neuseeländer ist legendär. Liegt das daran, dass sie es toll finden, wenn man sie am Ende der Welt besucht?

Ja, alles ist inspirierend für die Neuseeländer. Als ich jung war, fuhren wir 800 Kilometer zu einer Party oder zu einem Konzert. Ich habe mit fünfzehn Jahren schon Autofahren gelernt. In Neuseeland geht man ganz anders mit Entfernungen um als in Europa.

Sie müssen das Gefühl der Freiheit in einer Großstadt wie London schrecklich vermissen.

Absolut. In London sind die Kinder immer unter Aufsicht. Manche Eltern haben sogar Handys, mit denen sie überprüfen können, wo ihre Kinder sind. Das macht mich krank. Wir haben erst kürzlich für die Schule einen Garten angelegt, mit wunderbaren Blumen und Büschen. Wir haben ein kleines Versteck geplant, doch das wurde uns verboten. Die Lehrer meinten, sie müssten die Kinder immerzu sehen können. Aber man muss ihnen doch etwas zutrauen!

Begleiten Sie Ihr Kind zur Schule?

Aber ja. Wenn ich mit meinem Sohn morgens mit dem Fahrrad zur Schule fahre, kann ich mir auch nicht vorstellen, ihn jemals allein fahren zu lassen. Er muss die Camden Road überqueren. Und er träumt die ganze Zeit.

Eines Tages werden Sie ihm das zutrauen.

Möglich. Man hat mir schon gesagt, dass die Kinder eines Tages wahrzunehmen beginnen, was um sie herum geschieht.

Sie drehen sich irgendwann sogar um, weil sie wissen, dass hinter ihnen auch etwas passiert.

Tatsächlich? Zurzeit führe ich mich noch auf wie eine Wahnsinnige, wenn ich hinter ihm herfahre. Ich brülle: „Links, rechts, stopp, bremsen!“

In dem Artikel, den Ihr Mann über „Intimacy“ geschrieben hat, erwähnt er, dass Sie wie eine irre Außerirdische in London Auto fahren.

Ha! Mein Mann hat ja überhaupt keinen Orientierungssinn. Er kann die Kinder kaum in die Schule fahren, ohne sich zu verirren. Jeder, der sich in London einigermaßen auskennt, ist für ihn ein Wesen von einem anderen Stern mit außergewöhnlichen Kenntnissen. Ich dagegen habe einen sehr guten Orientierungssinn, habe quasi Karten und Stadtpläne im Kopf.

Sie sind schon zweimal nach Sarajevo gereist. Vor mehr als zehn Jahren zu den Dreharbeiten von „Welcome to Sarajevo“ und jetzt. Wie war es, dorthin zurückzukehren?

Ich war erschrocken, weil ich viel mehr Veränderung erwartet hatte. Ich hatte gehofft, dass sich die Stadt erholt hätte, dass sie vielleicht sogar erblüht wäre. Doch das ist nicht der Fall.

Waren Sie auf das Elend gefasst, als Sie 1996 dort waren?

Damals war der Krieg gerade vorbei, da habe ich damit gerechnet, dass alles kaputt ist. Es war furchtbar damals. Ich war bereits in Ländern gewesen, in denen die Menschen litten, aber das war unvergleichlich. Die Leute wollten uns ihre Geschichten erzählen. Sie brannten richtig darauf. Es waren schlimme Geschichten.

Als Außenstehender denkt man immer, dass man Leute quält, wenn man sie nach solchen Geschichten fragt.

Nein, sie wollten, dass man nachfragte. Sie fanden es seltsam, dass niemand genau wissen wollte, was sich zugetragen hatte. Wobei – es gibt auch die, die nicht drüber sprechen können. Ein junger Mann, der in „Sturm“ einen Zeugen spielt, war sichtlich erschrocken über das, was in ihm hochkam. Er fand es schwierig, mit uns darüber zu sprechen. Für manche Menschen ist es auch richtig, über solche Dinge nicht zu sprechen.

Es ist besser, sie zu verdrängen?

Es gibt eine gesunde Art von Verdrängung. Mein Mann hat die Nachwirkungen der Londoner U-Bahn-Bomben auf Betroffene recherchiert. Traumatisierte Menschen werden ja nach Möglichkeit psychologisch betreut. Doch nun hat man herausgefunden, dass es manchen von ihnen gar nicht guttut, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Verdrängung hat so einen schlechten Ruf, dass man auf eine solche Idee gar nicht kommt. Dabei ist es ganz natürlich, Dinge zu verarbeiten, indem man sie ruhen lässt und sich sehr langsam davon erholt.

Das hätte auch geschehen können, wenn die Anwältin Hannah nicht alles für ihren Prozess ans Licht gezerrt hätte. Doch sie war überzeugt, das Richtige zu tun.

Das ist das Thema des Films: Wozu gibt es den Gerichtshof in Den Haag? Damit Leute ihre Geschichten loswerden können? Oder geht es um die Genugtuung, weil jemand seiner Strafe nicht entgeht? Hilft einem das? Was ist Gerechtigkeit? Hannah ist gar nicht selbst betroffen. Ihr geht es um Gerechtigkeit im großen Ganzen. Man soll für das, was man tut, bezahlen.

Hannah findet eine potenzielle Zeugin für die Kriegsverbrechen eines Mannes, dem sie den Prozess machen möchte. Sie setzt alles daran, diese Zeugin zur Aussage zu bewegen. Die Zeugin selbst ist nicht überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist.

Ja, und ich habe mich oft gefragt, ob ihr damit geholfen wäre, wenn der Angeklagte um Entschuldigung bitten würde. Es geht weniger um Rache als darum, dass jemand anerkennt, wie sehr er andere verletzt hat. Die Frage ist doch: Würde so ein Mann jemals sagen: „Es tut mir leid?“

Wahrscheinlich nicht.

Interessant ist auch, ob es so etwas wie eine Wiedergutmachung überhaupt gibt. Eine Bekannte von mir, die südafrikanische Schriftstellerin Gillian Slovo, traf eines Tages auf den Mann, der ihre Mutter umgebracht hat. Ihre Mutter war Ruth First, eine Anti-Apartheid-Aktivistin. Sie wurde 1982 mit einer Paketbombe in die Luft gejagt. Im Rahmen der Wahrheits- und Versöhnungskommission traf die Tochter auf den Attentäter und interviewte ihn. Für sie war das eine große Erleichterung.

Warum?

Weil sich herausstellte, dass er ein menschliches Monster war.

Es ist erleichternd, wenn der Typ ein Monster ist?

Wahrscheinlich. Es wäre doch seltsam, wenn man ihn okay finden würde, oder nicht?

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