Zeitung Heute : Kerstin Cameron: Wildwest in Afrika

Christoph Link

Freunde hatten ihr zur Flucht geraten, sie hatten ihr sogar ein Flugzeug besorgt, das sie nach Kenia bringen sollte. Aber Kerstin Cameron winkte ab: "Wenn ich wegrenne, werde ich meine Unschuld nie beweisen können." Also wurde sie verhaftet. Heute vor einem Jahr war das, fast zwei Jahre, nachdem ihr Mann durch eine Kugel im Kopf gestorben war. Nächste Woche soll im tansanischen Arusha das Urteil gegen die 40-jährige Deutsche Kerstin Cameron gesprochen werden. Folgt der Richter nicht der Empfehlung der beiden Prozess-Beisitzer, sondern dem Staatsanwalt, wird es ein Todesurteil.

Zehn Monate hatte Kerstin Cameron, Mutter von vier Kindern, im Frauengefängnis von Arusha auf ihren Prozess gewartet, in einer 1,20 mal zwei Meter großen Einzelzelle. Außenminister Joschka Fischer intervenierte für sie in Daressalam und mahnte per Brief bei der Regierung von Tansania, das als Schwerpunktland für deutsche Entwicklungshilfe gilt, eine "Prozessbeschleunigung" an.

Als vor sechs Wochen der Prozess im Hauptverhandlungssaal des Obersten Gerichts von Arusha begann, war ein Prozess-Beobachter dabei, den die deutsche Botschaft in Daressalam entsandt hatte. Immer wieder kommen weiße Freunde der Angeklagten zur Verhandlung, in gelben T-Shirts mit dem Aufdruck "Arusha unterstützt Kerstin". Jetzt sind 18 Verhandlungstage vorbei, 15 Zeugen der Anklage und sechs der Verteidigung wurden gehört. Die Atmosphäre im Saal ist nahezu entspannt, wenn man bedenkt, was für die Angeklagte auf dem Spiel steht. Es ist die Rede von einem fairen Verfahren, doch die Kontrahenten bleiben bei ihren Positionen: Die Anklage behauptet, Kerstin Cameron habe ihren Mann betrunken gemacht, in eine Falle gelockt und erschossen. Die Verteidigung glaubt an eine Intrige.

Für das Unterstützerkomitee in Arusha ist der Prozess ein Beleg dafür, wie verletzbar Weiße in Tansania geworden sind, in einem Land, wo sie früher als Privilegierte galten. Auf Mord steht in Tansania die Todesstrafe, und seit vier Wochen weiß man, dass dies in Afrika keine leere Drohung ist. In Simbabwe ist Anfang April die wegen Mordes verurteilte Mariette Bosch gehenkt worden - die erste Weiße, die dort am Galgen starb. In Tansania ist die Todesstrafe laut Amnesty International seit fünf Jahren nicht mehr vollstreckt worden, doch Camerons Angehörige sind besorgt: "Die Familie ist nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft mehr als beunruhigt", sagt Kerstin Camerons Bruder, Wolfgang Lösser. Er traut der Gegenseite, allen voran dem Schwager Lachlan Cameron, alles zu: "Der Hass scheint grenzenlos. Es ist jetzt alles möglich."

Vor dem Obersten Gericht von Arusha sind zwei Familien gegeneinander angetreten: Hier die Familie der aus Burbach im Siegerland stammenden Angeklagten, einer vierfachen Mutter, dort die Familie ihres verstorbenen Mannes, des Neuseeländers Cliff Cameron. Kerstin Camerons Vater, Gerald Lösser, ist seiner Tochter seit Beginn des Verfahrens nicht von der Seite gewichen. Er hat ein Vermögen investiert, um für sie die besten Verteidiger zu engagieren, die es in Tansania gibt.

Es ist das Land, das sich die Camerons für ihr Leben ausgesucht haben. Arusha im Norden Tansanias ist eine verschlafene Provinzstadt, die trotzdem internationales Flair hat. Hier sitzen die Safari-Unternehmen, die die Touristen zum Kilimandscharo und in die Serengeti bringen. Es gibt sogar einen internationalen Flughafen für die Bergtouristen, ein Konferenzzentrum, wo kürzlich Bill Clinton zu Gast war, Restaurants, Hotels und eine kleine "White Community", in der jeder jeden kennt.

Hier lebten Kerstin und Cliff Cameron. Sie hatten sich 1990 in Nairobi kennen gelernt, Sie brachte schon zwei Kinder mit in die Ehe, zwei weitere hat sie mit Cliff Cameron. Voller Pioniergeist waren sie nach Arusha gezogen, in ein Haus mit Bediensteten und Garten. Für Mutige ist das Hinterland in Afrika eine Herausforderung, also der richtige Ort für Cliff Cameron. Er hatte Courage, wird als Haudegen beschrieben, ein ausgebildeter Buschpilot, bärenstark, der einen vollen Bierkasten an die Decke schleudern konnte, der Charme besaß, aber im betrunkenen Zustand auch aggressiv werden konnte: Als ihn das Pferd seiner Frau abwarf, soll er es erschossen und ausgeweidet haben. Nach einem Saufgelage schoss er einem Freund die Fingerkuppe ab - Wildwest in Arusha.

Cliff Cameron investierte in eine regionale Fluggesellschaft, in eine Bohnenplantage und eine Goldmine. Er scheiterte. Nach seinem Tod am 4. Juli 1998 - er war 42 Jahre alt - hinterließ er 1,6 Millionen Mark Schulden.

"Lust, sich das Gehirn wegzupusten"

Die Camerons hatten nach einigen Seitensprüngen des Ehemanns getrennt voneinander gelebt, sie hatten aber noch losen Kontakt. Am Abend seines Todes kam Cliff Cameron nach einem Barbesuch in die Wohnung seiner Frau, ins Schlafzimmer. Er war betrunken, und nachdem Kerstin Cameron seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte, schoss er sich vor ihrem Bett eine Kugel durch den Kopf. Dies ist die Version, an der auch die tansanische Polizei zunächst festhielt: Es war Suizid. Cliff habe am Morgen des Todestages zu seiner Sekretärin gesagt, er habe "Lust, sich das Gehirn wegzupusten". Es gab Schmauchspuren der Waffe an seiner Hand. Jahrelang gingen alle Beteiligten von Selbstmord aus, bis die in Neuseeland lebende, wohlhabende Familie des Toten sich einschaltete. Der Vater, Don Cameron, zweifelte die Selbstmordversion an, er alarmierte Ministerfreunde in Auckland, er schickte einen Privatdetektiv nach Arusha und rollte das Verfahren neu auf.

Die Anklage hat als Kronzeugen einen Nachtwächter präsentiert, der Kerstin Cameron mit den Worten "Ich habe meinen Mann erschossen" zitiert. Früher hatte der Mann jedoch das Gegenteil ausgesagt. Die Verteidigung stützt sich auf vier Polizeibefunde, denen zufolge es keine Indizien für einen Selbstmord gibt. Kerstin Cameron wartet auf ihren Freispruch.

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