Zeitung Heute : Ketchup im Blut

Wer hier arbeitet, ist ein Familienmitglied.Denn McDonald’s ist viel mehr als ein Schnellrestaurant. Jetzt wurde die Kette 50

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„Kein Tag ist wie der andere“, sagt Christine Liebl. Jacqueline Josuns sagt das auch. Alle im Haus benutzen den Satz, um zu erklären, was das Schöne an der Arbeit im Schnellrestaurant ist. Sie tragen ihn bei sich wie die Chipkarten, mit denen sie ihre Türen öffnen. Man könnte den Satz klauen und an anderen Arbeitsplätzen verwenden. Er passt fast überall. Doch sie sind davon überzeugt, dass er ihnen allein gehört. Überhaupt sind sie sehr ü berzeugt. Nicht ohne Grund.

In den USA und Asien, auch in Europa, sind die Gewinne von McDonald’s im letzten Jahr gestiegen. In Deutschland, wo die Zeiten ansonsten flau sind, wurden Rekordumsätze erzielt. Mit über zwei Millionen Gästen pro Tag, jährlich 28 Euro Nettoumsatz pro Bundesbürger ist das Unternehmen Marktführer der Gastronomie. Es beschäftigt 47000 Leute, Stellenabbau gibt es nicht, dafür 1432 Lehrlinge, über die Hälfte mehr als im letzten Jahr. Und an diesem Wochenende feierte es Geburtstag. McDonald’s ist 50 Jahre alt.

In der Glasfassade des Hauptgebäudes von McDonald’s Deutschland in München spiegelt sich der Himmel. Vorm Eingang rauscht ein Brunnen, dessen Fontänen sich kunstvoll zu einem großen M biegen. Drinnen beginnt ein Workshop. Jacqueline Josuns verteilt Kopfhörer, verkabelt sie mit den Dolmetscherinnen – sie müssen ins Russische übersetzen. Eigentlich müsste Jacqueline Josuns nicht in der Fastfood-Branche unterrichten, sie ist Grundschullehrerin. Aber vor der Referendarzeit hat sie bei McDonald’s gejobbt. Sie stand am Grill statt vor einer Klasse, man rief ihr Bestellungen zu, und mit jedem Burger, der fertig war, vollbrachte sie Stück für Stück ihr Werk. Sie ist durch die Kü che gewirbelt, als hätte sie eine Mission zu erfüllen. Das war vor 15 Jahren. Jacqueline Josuns und McDonald’s waren eine Symbiose. „Ich hab Ketchup im Blut“, sagt sie.

Alle im Unternehmen sind sozusagen verwandt. Sie nennen sich McFamily. Betreten sie irgendwo auf der Welt einen McDonald’s, geben sie sich als „einer von uns“ zu erkennen. Sie verzehren sich nach dem x-ten Big Mäc als wär’s ihr erster. „My favourite!“, sagen sie. Oder sie favorisieren Egg McMuffin. Oder Grilled Chicken Caprese. In der Münchner Zentrale lieben viele einfach die ganze Karte.

Nicht das Schicksal verschlägt einen in die McFamiliy. Man kann auch nicht erben. Aber irgendwie kommt man nicht los. Die blonde Österreicherin Christine Liebl, die im Münchner Trainingszentrum Seminare gibt, war vor elf Jahren auf geradem Weg, Nachrichtentechnikerin zu werden. Während des Studiums hat sie bei McDonald’s Geld verdient. Sie war nur Aushilfskraft, aber so fühlte sich ihr Dasein im Restaurant nicht an. Dort war sie unverzichtbarer Teil des Systems, das sich hinter der schnellen Gastronomie verbarg. „Nichts geschah einfach so, weder in der Küche noch am Tresen“, sagt Christine Liebl. „Jede unserer Bewegungen folgte einem ausgeklügelten Plan.“

Nie im Leben hatte sie sich so eingebunden gefühlt. Dass ein Mensch ohne den anderen nicht kann, dass etwas besser läuft, wenn man gemeinsam in die Hände spuckt, waren Erfahrungen, die ihr die Nachrichtentechnik vorenthalten hatte. Sie rackerte. Wurde Schichtleiterin, hat ein Restaurant geführt. Heute trägt sie einen Hosenanzug. Viele Frauen im Hauptgebäude tragen Hosenanzug oder Kostüm. Farben und Schnitte divergieren kaum, keine Kollegin sticht hervor. Sie sehen gleichermaßen erfolgreich aus.

Draußen vorm Haus, beim Brunnen, sitzt Ronald McDonald auf einer Bank. Seine Haare sind rot, die Nase auch, und er hat ein weißes Gesicht, denn er ist ein Clown. Er ist das Maskottchen des Unternehmens. So wie hier aus Plastik sitzt er vor vielen der über 30000 Restaurants in 119 Ländern. Er grinst.

Das erste Schnellrestaurant von Richard und Maurice McDonald gab es 1948 in Kalifornien. 1954 hat Ray Kroc ihnen die Lizenz abgekauft und ein Jahr später in Illinois einen McDonald’s eröffnet. Es sollte der erste von vielen sein. Kroc, der zur See gefahren war, wollte nun mit Fastfood die Welt erobern. Er nahm die USA ein, Kanada, Puerto Rico.

1971 eröffnete in München das erste deutsche Restaurant, weitere folgten in Amsterdam, Tokio, Sydney. „Kein Einzelner von uns ist so gut wie wir alle zusammen“, sagte Ray Kroc.

1975 gab es in Arizona den ersten McDrive, 1980 das 100. Restaurant in der Bundesrepublik. Weil der Big Mäc weltweit mit denselben Zutaten zu haben war, hat die Zeitschrift „The Economist“ 1986 den Big-Mäc-Index erstellt, mit dem fortan die Kaufkraft der Länder verglichen wurde. McDonald’s war das Maß aller Dinge. 1989 machte die Firma in Deutschland eine Milliarde Mark Umsatz. Die Mauer fiel. Fast Food zog gen Plauen im Vogtland, dann nach Osteuropa. 1992 war der letzte Kontinent fällig. Man hielt Einzug in Casablanca, Afrika.

In Deutschland gibt es 1262 Restaurants, seit 1994 kann man dort auch frühstücken. McDonald’s gilt als Symbol für Fastfood schlechthin. „Gebt der Gemeinschaft, in der ihr lebt, etwas von dem zurück, was sie euch gibt“, hat Ray Kroc gesagt.

Er steht in München im Foyer: aus Gips und in Originalgröße. Er war ein kleiner Mann. Sylvia Merretz mit ihren blonden, wuscheligen Haaren ist einen Kopf größer. Sie ist für die Ausbildung des Mittelmanagements im deutschen Unternehmen zuständig. Vor knapp zwei Jahrzehnten, als sich die Schulfreundinnen über Pferde- und Mädchenromane hermachten, hat sie die „McDonald’s Story“ von John F. Love verschlungen. Ray Kroc war die Hauptfigur des Buches. Er ist auch im Leben eine Hauptfigur für sie geworden. „Ich hätte ihn sooo gern kennen gelernt“, sagt sie. Es klingt, als hätte Günther Jauch sie gefragt, wofür sie 125000 Euro ausgeben will.

Wer das Hauptgebäude durchquert, muss an Ray Kroc vorbei. Ohne ihn wäre das hier alles nicht. Beste Qualität, schnellen Service, absolute Sauberkeit hat er gepredigt. „QSS“, sagen sie bei McDonald’s, als handle es sich um eine Formel. Um das Ein und Alles, das hinter der Welteroberung des Unternehmens steckt. Einmal im Jahr ist Ray-Kroc-Tag, dann verlassen Verwaltungsmitarbeiter und alle Chefs ihre schönen, hellen Büros, um im Frittieröldunst der Restaurants zu arbeiten. Der Gips-Ray-Kroc steht in München wie andernorts die Leninstatue. Nur dass er nicht mit dem Finger in die Zukunft zeigt, sondern einen Besen hält. „Er war ein reicher Mann, trotzdem hat er immer mit sauber gemacht“, sagt Sylvia Merretz. „Abends ist er übern Parkplatz gezogen und hat die ausgespuckten Kaugummis vom Asphalt gekratzt.“

Wie den Beginn einer großen Liebe hat sie ihren ersten Arbeitstag in einem Restaurant in Erinnerung: Sie war noch Schülerin, sollte Fischmäcs und Chicken McNuggets machen. „Am Grill war ich nicht gut“, sagt sie, „weil da keine Menschen waren.“ Das Tempo, das koordinierte Miteinander in der Küche hatte sie längst verinnerlicht. Nun war sie bereit, das Ganze wie eine Art Lebensgefühl aufs gesamte Restaurant zu übertragen. Kaum wurde sie an die Kasse versetzt, ist sie schnurstracks zur Restaurantmanagerin aufgestiegen. Dann hat sie in Bonn und Bielefeld Psychologie studiert. In keiner Mensa hat sie sich so unter ihresgleichen gefühlt wie bei McDonald’s. Du bist verrückt, haben die angehenden Psychologen an der Uni gesagt. „Eines Tages lande ich dort“, hat sie geantwortet.

Als sie 1998 tatsächlich dort landete, eröffneten in Deutschland jährlich rund 100 Restaurants. Sylvia Merretz sollte Talente finden. Systemgastronomen wurden ausgebildet, das war ein völlig neuer Beruf. 1991 eröffnete in Mü nchen die „Hamburger University“, in der Führungskräfte gemacht werden sollten. Es war ein bisschen wie bei der Armee.

Nachdem der Konzern jahrzehntelang die Welt erobert hatte, ist sein Image in den 90ern tief gesunken. Die US-Bürger wurden immer fetter. Man gab Fastfood die Schuld. Zweifel machten sich breit: Konnten billige Speisen aus Zutaten mit Qualität bestehen? Statistiken wurden berühmt: Amerikanische Schwarzbären, die nahe menschlicher Siedlungen lebten, waren träger und fetter als ihre Artgenossen tief im Wald, weil sie aus Mülltonnen der Fastfood-Restaurants fraßen.

Ernährungstipps kamen in Mode. Lebensmittel ohne Fett, Zucker, Cholesterin machten Karriere. Ronald McDonald, der seit 1966 wie ein Star im US-Fernsehen aufgetreten war, schien plötzlich kein harmloser Clown mehr zu sein. Stellvertretend für die Fastfood-Branche wurde McDonald’s auch in Europa an den Pranger gestellt. Die BSE-Krise tat ihr Übriges.

„Die Welt hat sich verändert. Unsere Gäste haben sich verändert. Wir müssen uns auch verändern“, sagte Jim Cantalupo, der Anfang 2003 in den USA zum neuen Konzernchef ernannt wurde. Er war aus dem Ruhestand geholt worden, um das Unternehmen zu retten. Er bremste die Expansion, setzte auf Verbesserung bestehender Restaurants, änderte die Speisekarten. Sein Plan hieß: „plan to win“. Die Aktienkurse schossen in die Höhe, der Gewinn stieg. Cantalupo erlitt einen Herzanfall. Und starb mit 60 Jahren. Charlie Bell hat den „plan to win“ fortgesetzt. Aber auch er wurde kurz nach seinem Amtsantritt krank und starb im Januar 2005, 44 Jahre war er alt.

Adriaan Hendrikx sagt: „McDonald’s ist Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Ausgewogenheit bedeutet Vielfalt, Abwechslung, und dazu gehört auch Bewusstsein.“ Hendrikx ist seit vier Jahren Chef von McDonald’s Deutschland. Er hat dem Unternehmen hier so etwas wie eine Stimme gegeben. McFamily, die bislang unzugänglich, ja unheimlich war, redet jetzt über sich selbst. Es geht gegen Gerüchte und schlechtes Image, ums Bewusstsein der Leute. Komischerweise sieht Hendrikx dem Mann ziemlich ähnlich, der in Deutschland Bundeskanzler ist. „Es ist schick, uns nicht zu mögen, auch praktisch, denn fast jeder kann mitreden“, sagt er. „Ist Krieg im Irak, muss McDonald’s eben auch für den Antiamerikanismus herhalten.“

Strahlend gibt er seine Jahrespressekonferenz. Stürmt mit Riesenschritten aufs Rednerpult zu, über das er nicht weit hinausschaut. Als er spricht, erscheinen auf der Leinwand hinter ihm Bilder von frischem Gemüse, Obst, Eiern und saftigem Fleisch. Als er fertig ist, kommen Fragen. Es sind nicht unbedingt nette Fragen, manche Journalisten stellen mit einem Mal gleich fünf. Er lächelt ihnen entgegen. Irgendwie benimmt er sich auch wie der Kanzler. Eine Hand steckt in der Hosentasche.

1977 kam Adriaan Hendrikx als Wehrpflichtiger der holländischen Armee in eine Division nach Bremen. Er wurde Kaufmann. McDonald’s kannte er kaum, bevor seine Fastfood-Karriere begann. „Kein Tag ist wie der andere“, sagt er. In Sydney war Managertagung, heute ist er in München, morgen absolviert er in einem Frankfurter Restaurant seinen Ray-Kroc-Tag, dann geht’s nach Berlin. Alle zwei Jahre verabredet man sich weltweit: 17000 McDonald’s-Chefs laufen dann durch Orlando oder Las Vegas.

Bereits in den 80er Jahren hat sich der Konzern strenge Umweltregeln auferlegt. Seit 1985 verbaut er kein Tropenholz mehr, seit 1991 gibt es eine Umweltabteilung, seit 1993 beteiligt er sich in Deutschland am Dualen System. Er benutzt umweltverträ gliche Reinigungsmittel, lässt Brot, Salat, Mineralwasser in Mehrwegbehältern liefern, installiert Wasser sparende Systeme. 70 deutsche Restaurants beziehen Strom aus Wasserkraft.

1987 wurde die deutsche McDonald’s Kinderhilfe gegründet, seit 1998 ist Rita Süssmuth Präsidentin des Aufsichtsrats. 1990 eröffnete in Kiel das erste McDonald’s Kinderhaus für Familien mit schwerkranken Kindern, 13 Kinderhäuser gibt es mittlerweile. Seit Mitte der 90er Jahre liegen in Restaurants Faltblätter aus, die Herkunft und Zusammensetzung der Speisen preisgeben. Auf den Platzdeckchen sind Nährstoffgehalte aufgelistet.

Auch in der Bundesrepublik wiegt jeder Zweite zu viel. Fast 20 Prozent der Leute sind fettleibig. Die Bundesministerin für Verbraucherschutz hat das festgestellt. Ihrem aufgedunsenen Volk hat Renate Künast ein Buch gewidmet, das „Die Dickmacher“ heißt. „Echten Hunger kennen wir nicht mehr, echte Sättigung aber auch nicht. Wir befinden uns im permanenten Zustand der Essbereitschaft“, schreibt sie über uns. Und über McDonald’s: „Fastfood wird heute nicht mehr als Nahrung zum Lebenserhalt produziert, sondern als Freizeitvertreib, als essbares Wohlfühlmittel, präzise auf unsere kleinen Schwächen hindesignt.“

McDonald’s sponsert „Jugend trainiert für Olympia“, lädt zum Fußballspielen ein. 16 Botschafter hat das deutsche Unternehmen nach Athen geschickt. Es hat seine Leute am Olympic Day Run teilnehmen lassen und seit einiger Zeit einen Fitnessexperten engagiert. Der rät allen Gästen, täglich 10000 Schritte zu laufen. Zum Fastfood-Menü bekommen sie einen digitalen Schrittzähler gereicht.

Seit Januar ist in den deutschen McDonald’s Obst auf der Karte. Es gibt Früchtejoghurt, mehr Salate. Junge Frauen nehmen die Salate gern. Der Rest isst, was er immer gegessen hat. Nur 60 Prozent der Hauptmahlzeiten nehmen die Deutschen zu Hause ein, schreibt Renate Künast. Vor ein paar Jahren waren es noch 82 Prozent. Die Ministerin mahnt. Hört das jemand? Von 19 Burgern, die Stiftung Warentest geprüft hat, ist der Cheeseburger von McDonald’s der Sieger geworden.

Ein Clown reist in Kindergärten und erzählt, wie man Müll trennt. Oder wie man seinen Körper fit hält. Er sagt, dass er Ronald heißt, aber nicht, woher er kommt. Es soll kein Werbeauftritt sein. Die Kinder kennen ihn sowieso.

Ihre Eltern kennen Heidi Klum. Das Model steht bei McDonald’s Deutschland unter Vertrag. Es heißt, sie habe tatsächlich in alles gebissen, was sie in den Werbespots angepriesen hat. „Sie passt zu uns, weil sie keine hochnäsige Zicke, sondern ein Mädchen zum Mögen ist“, heißt es. Michael Ballack passt auch. Im Werbespot bestellt er ein Maxi Menü. Er weiß nicht, welches. Grübelt. Grübelt. Nimmt alle. „Ich und unentschieden?“, fragt er in die Kamera. Bei McDonald’s dürfen wir Schwächen haben.

Kürzlich hat ein Münchner McDonald’s bei einer Ernährungskonferenz in der Stadt das Catering übernommen. Man kam zum Ort des Geschehens, baute auf. Zur Mittagspause war plötzlich ein zweiter Caterer da – mit Suppen. Früher, als McDonald’s sich die Welt unterwarf, hätte man sich das wohl nicht getraut. Jetzt aber konnten die 450 Ärzte auf der Konferenz wählen. 400 haben Fastfood gegessen.

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