Zeitung Heute : Kick fürs Immunsystem

...fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man sich vor Gürtelrose schützen kann

Hartmut Wewetzer

Manche Viren sieht man zweimal im Leben. Zu ihnen gehört der Erreger der Windpocken, genannt Varizella-Zoster-Virus. Er zählt zur Gruppe der Herpesviren und piesackt die meisten Menschen zuerst im Kindesalter. Zwar heilen die Windpocken in der Regel ohne Probleme, doch heißt das noch lange nicht, dass auch die Viren selbst aus dem Körper verschwinden. Im Gegenteil!

Die Erreger befallen Nerven im Bereich des Kopfes und des Rückenmarks und überwintern hier Jahrzehnte. Wenn man älter wird, schlagen sie erneut zu und lösen die Gürtelrose (Zoster) aus. Das ist ein bläschenförmiger Hautausschlag, der äußerst schmerzhaft sein kann. Gürtelrose heißt die Krankheit, weil sie oft das gürtelförmige Verbreitungsgebiet eines Hautnervs befällt. Gefürchtet sind vor allem Nervenschmerzen, die bei jedem achten nach Abklingen des Hautausschlags auftreten, noch Monate anhalten und Menschen in den den Tod treiben können.

Mittlerweile wird empfohlen, Kinder gegen die Windpocken zu impfen. Tatsächlich ist die Krankheit nach Einführung der Impfung in den USA drastisch zurückgegangen. Nun hat der US-Pharmahersteller Merck eine Impfung auch gegen die Gürtelrose entwickelt. Sie kann die Gefahr zu erkranken um die Hälfte senken. Fast ebenso wichtig ist, dass die später auftretenden quälenden Nervenschmerzen in zwei von drei Fällen verhindert werden können. Das ist das Ergebnis einer großen Studie, an der 38500 Menschen jenseits des 60. Lebensjahres teilnahmen und die nun im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde.

„Erwachsene sollten diesen Impfstoff willkommen heißen“, kommentierte Donald Gilden von der Universität von Colorado. „Es könnte sein, dass wir die Impfung nötiger haben als die Kinder.“ Auch der deutsche Virusexperte Peter Wutzler von der Uni Jena ist angetan: „Wir haben mit Spannung auf die Ergebnisse gewartet – sie sind überzeugend.“

Während die Windpocken-Impfung vor dem Erreger schützt, ist das bei der Impfung gegen die Gürtelrose nicht mehr der Fall. Sie soll lediglich das Immunsystem wieder fit machen. Der Impfstoff enthält abgeschwächte Viren – allerdings 20 mal mehr von ihnen als der Windpocken-Impfstoff. Trotzdem beobachteten die Ärzte fast keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Jedoch rötet sich die Haut an der Einstichstelle des Impfstoffs bei vielen, außerdem kann sie anschwellen und etwas schmerzen.

Der Hersteller hofft, in den USA eine Zulassung für Februar 2006 zu erlangen. Auch in Europa könnte der Impfstoff nächstes Jahr auf den Markt kommen. Wer dann älter als 60 ist, kann sich überlegen, ob er sein Gürtelrose-Risiko mit dem Impf-Piekser senken will. Dafür bezahlen wird er aber wohl selbst müssen. Der Preis steht noch nicht fest, aber ganz billig dürfte die Impfung nicht sein. Allerdings erkrankt jeder zweite irgendwann in seinem Leben an Gürtelrose. Eine Überlegung ist die Sache also wert.

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