Zeitung Heute : Kick it like Saddam

Iraks Fußballtrainer Bernd Stange hat Bagdad verlassen – und will wieder zurück

Robert Ide

Es ist erst ein paar Tage her, da stand Bernd Stange mit seiner Fußballmannschaft auf dem Flughafen in Damaskus. Ein älterer Mann kam auf den Trainer zu, ein groß gewachsener Pakistani mit dunklem Anzug. „Du hast ein weißes Gesicht“, sagte der Mann zu Stange. Pause. „Menschen mit einem weißen Gesicht sind amerikanische Spione.“ Pause. „Wenn wir nicht im Transitbereich wären, würde ich dich erschießen.“ Stille. Der Mann ging weg. Und Bernd Stange hatte Angst.

Eigentlich hat Stange gelernt, nicht auf seine Angst zu hören. Deshalb ließ sich der Thüringer als Trainer der irakischen Nationalmannschaft engagieren – trotz heftiger Kritik von Trainerkollegen und vom Deutschen Fußball-Bund, trotz Kriegsgefahr. Jetzt musste er wieder ausreisen. Im Golf kreuzen Kriegsschiffe, um Bagdad herum hoben Bagger kilometerlange Gräben aus – als Barriere für Panzer. In den Dörfern wurden meterhohe Sandsäcke gestapelt – mit Schießscharten. Am Donnerstag rief die deutsche Botschaft an. Zu seiner Sicherheit müsse Stange seine Sachen im Sheraton-Hotel zusammenpacken und das Land verlassen. Nun sitzt er in der Lobby des Berliner Hilton-Hotels und rührt im Kaffee. Er blickt in die Ferne. „Mit den Gedanken lebe ich in Bagdad.“

Vergangene Woche lief er noch über volle Marktplätze, aß Fisch, trank Tee, ging ins Stadion. Jetzt sitzt er in Deutschland, wartet auf die nächste Talkshow und erzählt von seiner Verbitterung. „Irgendwer hat mein Schwungrad angehalten“, sagt Stange und haut mit der Hand auf den Tisch. „Und ich frage mich: warum, warum?“ Dabei hatte er Trainingspläne ausgearbeitet, Vorträge gehalten, Länderspiele organisiert, neue Spieler ausgesucht und sie zweimal am Tag über den Platz gejagt. „Die kannten das gar nicht, das sind Straßenfußballer.“ Er hat das getan, um sich seine Träume zu erfüllen: Olympia 2004 und die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Als Trainer der DDR-Fußballmannschaft waren ihm solch große Turniere nicht vergönnt.

Je länger Stange redet, desto wütender wird er. Seine Arme rudern umher, seine Augen zucken nach rechts und links. „Ich fühle mich bedroht von Amerika und England“, sagt Stange. „Die lösen einen Dritten Weltkrieg aus, einen Weltkrieg des Terrorismus.“ Stange sagt solche Sätze so dahin. Für ihn ist die Sache ganz einfach. Wenn über seinen Fußballern Bomben abgeworfen werden, dann würden sie sich einen Gürtel umschnallen und sich „irgendwo in die Luft sprengen.“ Und daran wäre dann der Westen schuld. Zum Abschied hat Stange seinem Team einen Brief geschrieben, in dem es hieß: „Ich werde meinen Gott bitten, dass er euch und eure Familien beschützt.“ Und wer ist sein Gott? Stange zögert. „Das Gute im Menschen.“ Er glaubt das wirklich.

Ein Jahr lang war Stange arbeitslos. Er saß in seinem Haus in Jena, schnitt Rosen, mähte Rasen. Er telefonierte mit ostdeutschen Trainerkollegen, mit Joachim Streich, der jetzt Schuhe verkauft, und Lothar Kurbjuweit, der Autohändler ist. „Im neuen Deutschland wurden diese Leute nicht mehr gebraucht“, sagt Bernd Stange. „Auch ein Bernd Stange nicht.“ Also ging er in die Ukraine, wo sich ein paar Neureiche einen Fußballklub als Hobby leisten, er ging nach Australien, wo Zuschauer mit Badehose ins Stadion gehen, er ging nach Oman, „in die Wüste“, wie er sagt. Er kehrte immer wieder zurück. Arbeitslos, nicht gebraucht.

Natürlich wartete er auf ein Angebot aus der Bundesliga. Aber es reichte nur zu einigen Monaten beim VfB Leipzig, der danach abstieg, und zu einer Stelle als Sportdirektor bei Hertha BSC. Auch dieser Schreibtischjob war schnell zu Ende, weil irgendwann rauskam, dass Stange bei der Stasi war. „Ich habe niemandem geschadet“, sagt Stange dazu nur. Und: „Als ich die Verpflichtungserklärung unterschrieben habe, dachte ich, ich tue etwas Gutes.“ Stange bekam nun erst recht kein Angebot mehr. Also saß er wieder zu Hause und sah im Fernsehen die deutsche Nationalmannschaft spielen. Er sah, wie Bundestrainer Berti Vogts nach einem Sieg in Schottland sagte: „Eine deutsche Nationalelf hat noch nie in Glasgow gewonnen.“ Da ist Stange aus seinem Sessel gesprungen und ausgerastet. Denn kurz vor der Wende hatte sein DDR-Team in Glasgow 1:0 gewonnen. „In diesem Moment habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt Deutscher bin oder Aserbaidschaner.“ Irgendwann kam das Angebot aus Bagdad. Es gab wieder was zu tun. Und es gab eine Menge Geld zu verdienen. Da hat Bernd Stange nicht lange nachgedacht.

In den Ruinen von Babylon

Und so brach er auf in das Zweistromland. Die heimischen Medien verspotteten ihn als „Saddams Vasallen“, doch er redete sich jeden Morgen ein, dass Politik und Sport zwei verschiedene Dinge sind. Und so arrangierte er sich mit einer Diktatur. „Ja, der Irak ist eine Diktatur“, flüstert Stange, „aber als Gast des Landes will ich dazu nichts sagen.“ Der Chef des Irakischen Olympischen Komitees ist Saddams Sohn Udai, ein berüchtigter Mörder, dessen Skrupellosigkeit auch in seiner Heimat kein Geheimnis ist. Dass im Irak Sportler gefoltert werden, wenn sie verlieren, davon will Stange nur gehört haben. Aber er fügt schnell an: „Meinen Jungs hat niemand etwas getan.“ Ihm ist nicht entgangen, dass im Fernsehen nur zensierte Nachrichten laufen, dass die Iraker hungern, während der Hussein-Clan in Palästen wohnt. Stange fuhr lieber zu den Ruinen von Babylon. „Wussten Sie, was wir den Irakern alles zu verdanken haben?“, fragt Stange. „Zum Beispiel, dass die Woche sieben Tage hat.“ Und dass der Kreis 360 Grad misst. Und dass es Schrift gibt. Das ist Stanges Bild vom Irak, und er erzählt es gern, am liebsten der ganzen Welt.

Tag für Tag ruft er seinen Assistenztrainer in Bagdad an. „Ich arbeite weiter“, sagt Stange trotzig. Kommende Woche will er zum Deutschen Fußball-Bund fahren und fragen, ob seine Mannschaft in Deutschland spielen darf, wenn der Krieg ausbricht. „Am 5. April müssen wir gegen Vietnam antreten, und wenn wir nicht spielen, sind wir für Olympia disqualifiziert.“ So einfach ist Stanges Welt. Einen Brief an Kanzler Schröder will er auch schreiben und sich für dessen Außenpolitik bedanken. „Ich will ihm sagen, dass er für den Frieden kämpft wie ein Sportler um den Sieg. Vielleicht hilft ihm das ja.“

Bernd Stange glaubt, dass er mit seinem Gott im Reinen ist. Er sagt, dass er zum ersten Mal stolz ist, Deutscher zu sein. Und dass er im Irak weitermacht, egal was passiert. „Am Montag nach dem Krieg bin ich wieder in Bagdad. Um zehn Uhr ist Trainingsbeginn.“

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