Zeitung Heute : Kick zwischen Hüpfburgen

Das WM-Fieber der 53 000 US-Soldaten in der „Kaiserslautern Military Community“ hat sich abgekühlt. Was nicht nur daran liegt, dass das Turnier für die so hoffnungsfrohen US-Boys schon wieder beendet ist. Ein Stimmungsbericht aus Pulaski Barracks

-

In Zeiten wie diesen schreibt sich allein der Besuch im weltgrößten Stützpunkt der amerikanischen Streitkräfte außerhalb der USA wie ein Spionagereport: Die Pressedame am Telefon spricht in Aussagesätzen. „Um 17.30 Uhr auf dem McDonald’s-Parkplatz. Wir kommen in einem Militärfahrzeug.“ Zwei Stationen mit der Regionalbahn raus aus Kaiserslautern in den Stadtteil Einsiedlerhof. Die Schilder an den Läden dort sind zweisprachig. Die meisten Autos haben US-Kennzeichen, im Restaurant kann man mit Dollar bezahlen.

Wir fahren ins Areal „Pulaski Barracks“, wo zu den wichtigen Spielen des US-Teams Public Viewings für die Familien der Soldaten veranstaltet wird. Am Eingang kontrolliert ein Security Guide mit strengem Blick die Ausweise, ein Kollege durchsucht das Fahrzeug und sichert Spuren mit einem Klebestreifen, den er anschließend in einen Prüfcomputer steckt. Das Gerät meldet Hinweise auf TNT. Der Wachsoldat schüttelt den Kopf, wiederholt den Vorgang – und lässt uns schließlich einfahren. Die Amerikaner sind vorsichtig. Immer wieder werden militärische Einrichtungen der USA das Ziel von Terrorattacken. Besonders beim Gastspiel der Soccer-Nationalelf in Kaiserslautern, der kleinsten WM-Stadt, herrschte höchste Wachsamkeit. Noch genauer als sonst wurden Taschen kontrolliert, Besucher leibesvisitiert

Während der Vorbereitung auf das Match wurde das Team in einem Haus auf der Air Base im nahe gelegenen Ramstein untergebracht. Der Sicherheitsaspekt war dabei jedoch nicht allein ausschlaggebend. „Wir haben die Mannschaft eingeladen, um ihr das Gefühl zu geben, dass sie zu Hause ist“, sagt Oberleutnant Chris Heinz, 25, Pilot bei der Air Force. Bei stattlichen 53 000 Amerikanern in der pfälzischen Region, der Kaiserslautern Military Community, durchaus machbar.

Die Begeisterung der Besucher während der Live-Übertragungen hält sich in überschaubaren Grenzen, viele sehen lieber ihren Kindern zu, wie sie sich in Hüpfburgen amüsieren, oder stehen an einer der Fress- und Cocktailbuden herum. „Die meisten kommen wegen des Happenings hierher. Es sind höchstens 25 Prozent, die bei den WM-Spielen mitfiebern“, sagt der Pilot. Parallel zur WM finden in den USA die Play-offs in der Basketball- und der Eishockeyliga statt. Sportarten, die auch zwölf Jahre nach der Fußball-WM noch immer Priorität genießen – auch bei den Landsleuten fern der Heimat. „Mehr als die Hälfte der Soldaten hier versucht, jedes NBA-Play-off live zu sehen“, sagt Heinz.

Die Ausnahmen bestätigen die Regel: Sergeant Ubaldo Barrios, 24, ist Stammspieler im Team des Ramstein Air Base Soccer Teams. Der gebürtige Guatemalteke sagt: „Das Interesse am Fußball hängt stark von der Herkunft ab.“ GIs mit lateinamerikanischen und europäischen Vorfahren haben oft ein größeres Interesse an Fußball als Kollegen, die seit Generationen rein US-amerikanisch geprägt sind. Einige pilgern an den Wochenenden zum Betzenberg, um die Spiele des 1. FC Kaiserslautern zu verfolgen. Ein Kumpel von IT-Experte Barrios unterhält sogar eine eigene FCK-Homepage: „Die Pfalz erinnert mich an Guatemala. Hier ist der Fußball auch wie Religion.“

Von solcher Unterstützung kann der US-Fußball nur träumen. „Uns Amerikanern gefällt es eben nicht, wenn wir irgendwo nur die Zweitbesten sind. Aber die Begeisterung wächst“, sagt Chris Heinz. Der Pilot hat vor seiner Militärzeit sechs Jahre in München gewohnt. Sein Herz schlägt für den FC Bayern. Wenn die Bundesliga spielt, sitzt er mit 20 Kollegen jeden Samstag vor der Sportschau.

Das Abschneiden der US-Boys sorgt bei den Fußballnachmittagen für maue Stimmung. In einem sind sich die GIs in der Kaiserslautern Military Community aber einig: Nach dem Ausscheiden der USA gegen Ghana drücken sie dem deutschen Team die Daumen. Für die zweite Heimat, sozusagen.Tim Jürgens

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben