Zeitung Heute : Kicken Waschen Siegen

50 dreckige Trikotsätze schleudern jede Woche durch ihre Waschmaschinen. Von den speziellen Problemen des Kinderfußballs.

Foto: Andreas Teichmann Text: Bernd Müllender

Ein Ascheplatz in der Aufsteigerstadt Aachen. Es nieselt und windet. Beim Nachmittagstraining der F-Jugend des VfL 1905 e.V. wieseln Kinder hinter dem Ball her. „Ihr spielt ja wie die Bambini“, ruft die resolute Trainerin. Sie will die Achtjährigen bei ihrer Ehre packen – Bambini sind nämlich erst sechs oder sieben. „Einmal stoppen, abspielen, freilaufen.“ Die rotwangigen Junioren nicken. Und erliegen umgehend wieder der Magie der rollenden Kugel: Alle rennen wild drauflos. Immerhin, nach einer Stunde ist es besser: „Prima so“, sagt Trainerin Kathi Zipprath. Am Zaun warten die Mütter auf ihre dreckverschmierten Kleinhelden.

Fußball an der Basis. Zipprath, 41, ist fast jeden Tag auf dem Platz: Bambinis, zwei Mädchen-, zwei Jungengruppen. „Manchmal ist es schon viel und schwer. Aber was man gibt, kriegt man dreifach zurück.“ Ähnlich formuliert auch ihre Mutter Sigrid Staat. Die 63-Jährige leitet die Jugendabteilung – das bedeutet: „Alles organisieren, planen, den Verein repräsentieren und auch Wäsche waschen, manchmal 50 Trikotsätze in der Woche.“

Mutter und Tochter bitten nach nebenan ins Vereinsheim. Pokale in Reih und Glied, Zeitungsartikel im Wechselrahmen, Wimpel, ein weiter Tresen. Man glaubt das Bier zu riechen; jetzt rattert die Kaffeemaschine. „In vielen Vereinen können Kinder nur trainieren und sitzen beim Spiel frustriert auf der Bank. Weil nur die Besten spielen. Das geht doch nicht! Kinder sollen Spaß haben und spielen“, sagt die gelernte Schneiderin Sigrid Staat. Beim VfL laufen alle auf, auch Kinder mit motorischen Schwierigkeiten, auch ein herzkrankes Kind. Mitmachen können alle ab drei Jahren. Unter zwei Bedingungen: Sie müssen sich eine Stunde von der Mutter trennen können und dürfen keine Windeln mehr tragen.

Sportliche Erfolge sehen dann bisweilen so aus: „Vor ein paar Jahren“, erzählt Kathi, „haben unsere Ältesten, die C-Jugend, eine Klatsche nach der anderen gekriegt. Da haben die gesagt, wir versuchen wenigstens, weniger als hundert Tore reinzukriegen in der Saison.“ Stolz ergänzt sie: „So einen Humor hatten die.“ Und geschafft haben sie es auch. Aber der VfL 05 ist nicht automatisch ein Hort geborener Loser: „Die jetzige F-Jugend hat bis auf die Spiele gegen Alemannia alles gewonnen.“

Sigrid weiß: „Natürlich gehen die Kinder manchmal gefrustet vom Platz. Aber verlieren muss man auch lernen.“ Vor zehn Jahren haben die beiden die VfL-Jugend neu aufgebaut. „Ich kann gut mit Kindern“, sagt die Mutter, „und wollte das gern versuchen, wir haben passende Co-Trainer gesucht und dann kamen schon die Kinder.“ Es gibt Regeln im kleinen Paradies: „Soziales Verhalten ist sehr wichtig. Ohne Disziplin geht nichts. Ich kann härter sein als andere. Das wissen die Kinder. Aber sonst bin ich ihr bester Kumpel.“

Alle duzen sich hier. Ungewöhnlich, wenn Achtjährige zur stattlichen Frau Staat Sigrid sagen.

Beide sind mindestens 20 Stunden die Woche hier beschäftigt. „Wir haben uns noch nie gestritten“, sagt die Tochter. „Ich muss sie manchmal bremsen“, ergänzt die Mutter.

Die gelernte Konditorin Kathi, beim Printen-Giganten Lambertz beschäftigt, war als Kind selbst Straßenkickerin, „das einzige Mädchen, das mitspielen durfte“. Heute sagt sie: „Ich liebe die Begeisterung, mit der die Kinder dabei sind.“ Als die F2 neulich „ihr erstes Tor der Saison geschossen hat, bei einer richtig hohen Niederlage, da haben sie den kleinen Torschützen jubelnd vom Platz getragen. Und die Gegner haben so was von blöd geguckt.“

Oder da war jener fünfjähriger Bambino, „so ein ganz Kleiner“, der sich nach seinem ersten Spiel bitterlich bei ihr beklagte: „Das ist so gemein, Kathi. Ich werde die ganze Zeit von meinem Gegner verfolgt!“

Auf dem Platz hat Kathi auch manches über Männer und Frauen gelernt. „Mir als Frau gegenüber verhalten sich gegnerische Trainer viel freundlicher als sie zu anderen Männern sind. Da fehlt denen wohl der Konkurrenzkampf.“

Muss man als Frau besser sein in der Männerwelt Fußball? Sigrid sagt: „Man muss sich beweisen und deutlich machen, dass man was vom Metier versteht. Männer sind oft automatisch Respektspersonen.“ Vielleicht aber, fügt sie nachdenklich hinzu, „glauben wir Frauen auch nur, dass die Männer so skeptisch sind“.

Jetzt die Weltmeisterschaft: „Danach erwarte ich einen Haufen neuer Kinder. So eine WM ist immer ein Selbstläufer“, sagt Sigrid Staat, „wie ein Magnet.“ Also noch mehr Training als für derzeit 140 Nachwuchskicker, mehr Termine und Dreckwäsche, mehr Taktikschulung im Nieselregen, gemeinerweise verfolgte Minis und jubelnde Verlierer.

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