KIM FISHER Sängerin : KIM FISHER Sängerin

Foto: ddp

Alle Mädchen haben sich einen Kaufmannsladen vom Weihnachtsmann gewünscht. Die allermeisten haben auch einen bekommen, so wie meine Cousine Ina, das große Mädchen auf dem Bild, das 1973 entstand. Ich, die kleine Blonde, durfte ab und an mitspielen, aber nur als Kundin. Die Herrscherin über kleine Zucker-, Wasch- und Gemüsepäckchen, gefüllt mit pappigem Puffreis, das war sie. Und trotzdem war es, als gehörte der Laden mir. Es machte mir auch nichts, dass das blaue Gemisch aus Holz und Plastik in ihrem Zimmer stand. Ich lernte schnell: Immer und sofort auf etwas Zugriff zu haben, schmälert die Wertigkeit.

Ich hatte mir den Kaufmannsladen so sehr gewünscht, dass ich immer wieder ehrfürchtig und glücklich vor der kleinen Wand mit angebauter Ladentheke stand. Nicht nur an Heiligabend. Wann immer ich „meinen Kaufmannsladen“ sah, wurde es warm und ruhig. Und ich könnte heute noch schwören, dass hier und da leuchtende Sterne aus der Kasse flogen. Es war mein schönstes Geschenk. Auch wenn es gar nicht meins war.

Jahr für Jahr fuhr unsere kleine Familie an Weihnachten nach Frankfurt zu den Großeltern. Alles lief nach Plan: Die Frauen kauften die Lebensmittel, die Männer trugen die Getränkekisten. Am 23. besorgten die Väter den Weihnachtsbaum, der aus Sicht der Mütter immer wieder die hässlichste Krücke der Stadt war. Es wurde gegessen, gelacht, gesungen und Geschenke ausgepackt. Irgendwann feierten meine Mutter und ich alleine. Ab dieser Zeit wurde Weihnachten zur emotionalen Herausforderung. Wir versuchten, neue, eigene kleine Rituale zu schaffen. Wir mussten ein bisschen üben, aber es gelang uns, auch in dieser Zeit, besonders nah zusammenzukrabbeln.

Heute haben alle wieder Partner, und es wird so gefeiert, dass Heiligabend ein festlicher und gleichzeitig entspannter Abend wird. So ist es uns tatsächlich gelungen, zum Beispiel auf Geschenke zu verzichten. Keiner steht alleine in der Küche, weil jeder was mitbringt, und der Rest gemeinsam zubereitet wird. Mal feiern alle zusammen am 24., mal an einem der Feiertage. Dieses Jahr probieren mein Freund und ich uns alleine an einer Ente. Ohne Mutterns Regie. Von ihr und meinem Stiefvater lassen wir uns von Herzen gerne dann am 26. bekochen. Manchmal ist es gut, die gewohnten Bräuche ein wenig den jeweiligen Lebenssituationen anzupassen. Auch zu Weihnachten.

Kim Fisher, 42, hat unter anderem das Buch „Schöne Bescherung“ im Goldmann-Verlag veröffentlicht.

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