Zeitung Heute : Kim Yong Il in Moskau: Die unglaubliche Reise in einem verrückten Zug

Elke Windisch

Hastig packt die alte Frau zuerst saure Gurken und ein paar Knoblauchzehen ein, dann rafft sie die Röcke und verschwindet hinter einer Säule. Gewöhnlich gibt es von der Miliz für fliegende Händler nur eine "chinesische" Verwarnung - im Moskauer Rotwelsch das Synonym für Verbote, die beide Seiten nicht ernst nehmen. Am Freitag dagegen setzte es für illegalen Straßenhandel koreanische Strafbefehle: Schon mittags, gut zwölf Stunden vor der Ankunft des nordkoreanischen Staatschefs Kim Yong Il, schufen die Ordnungshüter auf und um den Jaroslawler Bahnhof klare Verhältnisse. Autobesitzer starrten auf den blanken Asphalt und rieben sich die Augen - Ordnungskräfte hatten ihre Rostlauben abschleppen lassen und konnten keine Auskunft geben über den neuen Standplatz.

Abends um sieben - Kims Zug wurde für 21 Uhr 40 erwartet - wurden auf dem Bahnhof bis zu neun Stunden Verspätung für Fernzüge angekündigt. Vorortzüge, die sonst im Abstand von zwanzig Minuten verkehren, wurden für drei Stunden gleich ganz gestrichen. Pendler und Datschenbesitzer starrten fluchend auf die erloschenen Anzeigetafeln.

Im Staatsfernsehen zeigten Betroffene vor laufender Kamera dennoch Verständnis. Offenbar hatten sie dafür Bares bekommen: Einer der Interviewten hatte sich zuvor bei der Konkurrenz despektierlich über "Stalins Disneyland" geäußert.

Allein in Moskau mussten am Freitag weit über 100 000 Reisende Zeit, Geld und Nerven auf dem Altar des proletarischen Internationalismus opfern, in ganz Russland knapp eine halbe Million. Auf dem Rückweg, nach einem Abstecher nach St. Petersburg, kommen noch mal mindestens 500 000 dazu. Der "geliebte Führer", so Kims offizieller Titel, hat nicht nur panische Angst vor Anschlägen, sondern auch vorm Fliegen.

Schon am 27. Juli passierte er die russisch-chinesische Grenze mit einem Gefolge von 140 Beamten, Ärzten, Köchen und persönlichen Betreuern. In einem Panzerzug aus 21 Wagen, gebaut vom imperialistischen Klassenfeind in Japan und auf den Computerbildschirmen der russischen Eisenbahner als Zug 101 markiert. Rot, was absolute Priorität bedeutet. Die lange Fahrt werde ihm helfen, die russische Seele besser zu verstehen, fand Putin, der seinen Gast mit "Genosse Präsident" anredete. Kim selbst hatte in seinem einzigen Interview während der Reise, das er, sicher ist sicher, der staatlichen Nachrichtenagentur Itar-Tass gab, geäußert, er sei "gern inmitten des Volkes, um zu erfahren, wie die Werktätigen leben und arbeiten".

Es ist zu bezweifeln, dass er wirklich viel sah vom Volk. Der Besuch war bis zum letzten Moment streng geheim. Sogar die Regierung der Region Fernost erfuhr davon erst, als Kim noch ganze 40 Kilometer von der Grenze entfernt war.

Fernsehteams warteten entlang der Strecke meist vergeblich. Der Panzerzug, der sich bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 57 Stundenkilometern über die maroden Gleise gen Westen quälte, hielt in den neun Reisetagen dreimal: In Ussurijsk, wo zunächst eine ältere Frau Kim einen Blumenstrauß überreichte. Es waren rote Rosen, wie jene, mit denen sie schon den Großen Steuermann und Vater des geliebten Führers beglückt hatte, Kim Il Sung, dessen Namen Russen so aussprechen, dass er wie "Kim Irrsinn" klingt. Danach stieg Putins Generalgouverneur für den Fernen Osten zu, um den Gast bis nach Moskau zu geleiten.

Zweiter Halt war Nowosibirsk. Dort gingen für eine halbe Stunde Nachkommen eines sowjetischen Offiziers an Bord, der Kims Gottvater im Koreakrieg das Leben gerettet und dabei einen Arm verloren hatte. Sohn Kim schüttete über sie das Füllhorn seiner Gnade und einen Sack Geschenke aus.

Leider zeigten sich die so Geehrten wenig gesprächig, und daher kursieren nun mit jedem Tag schrillere Gerüchte über den Pomp an Bord. Zunächst hieß es, alle Wagen seien mit purpurrotem Samt ausgeschlagen, dann wurde daraus Edelholz, am Freitag sogar pures Gold.

Dem Zug fahren in geringem Abstand zwei russische Loks voraus, aus Sicherheitsgründen. In Omsk, wo der Tross ein drittes Mal hielt, wurde das Gefährt denn auch tatsächlich beschossen. Zuerst war von einer Fotomontage die Rede, dann wurde jedoch ein Video gezeigt, auf dem russische Sicherheitsbeamte Spuren der MG-Garbe überpinselten.

"Eiserne Seidenstraße" hatte die Londoner "Times" am Vortag eine Reportage über Kims Russland-Reise getitelt. Womöglich in Anspielung auf die eisernen Absperrungen auf dem Bahnhofsvorplatz in Moskau. Weil die fatal an einen Laufkäfig für die Raubtierdressur im Zirkus erinnerten, wurden die Spitzen der Gitter mit Kugeln verziert, die am Vortag golden angepinselt worden waren. Die hinteren sammelte die Miliz allerdings schon wieder ein, als Kim noch nicht einmal die Staatskarosse erreicht hatte. "Wozu darum herum reden", sagte ein Offizier seufzend. Für den russischen Nationalcharakter, fand er, sei nun mal alles, was glänzt, eine satanische Versuchung.

Kim nahm es ebenso wenig zur Kenntnis wie das Lenin-Denkmal auf dem Bahnhofsvorplatz. Dabei war der Führer des Weltproletariats, dem Kims Vater 1985 beim letzten Moskau-Besuch rote Nelken zu Füßen gelegt hatte, am Vormittag gleich dreimal gewaschen worden: Erst mit dem Gartenschlauch, dann mit Bürste und schließlich mit Seifenlauge. Danach befragt, schob die Oberbefehlshaberin des Besengeschwaders das Kopftuch fester und schob alle Verantwortung dem Genossen Zufall in die Schuhe. Mit Kim habe das nichts zu tun.

Dennoch: Noch bevor er Putin traf, besuchte Kim das Lenin-Mausoleum, gesichert von Scharfschützen, die den Roten Platz bereits Stunden zuvor abgeriegelt hatten. Dazu marschierte sogar der schon von Jelzin abgeschaffte Posten Nummer eins im Stechschritt wieder auf, allerdings nur für dreieinhalb Minuten, aus Rücksicht auf den Zustand der Mumie.

Zu Lenins Urenkeln dagegen hält Kim Distanz: KP-Chef Gennadij Sjuganow und der kommunistische Dumapräsident Gennadij Selesnjow gelten als Renegaten. Begegnungen mit ihnen hatte sich das koreanische Protokoll ausdrücklich verbeten.

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