Zeitung Heute : Kind bleiben

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ost-, Ost-, Ost-Berlin“, ruft ein Dutzend Jugendlicher durch den U-Bahn-Waggon. „West-, West-, West-Berlin“, schallt es aus einer anderen Ecke des Wagens zurück. Die einen haben sich blau-weiße Schals um ihre Schreihälse gewickelt, die anderen auch. Irgendwann rufen alle im Chor: „Ha Ho He, Hertha BSC“.

Am Stadion gibt es rote Nasen zu kaufen, aus Plastik. Die sollen gute Laune machen. Hertha kann gute Laune derzeit gebrauchen. Die meisten Fans gehen achtlos vorbei. „Bitte, kauf eine“, bettelt mich eine Nasenverkäuferin an, „das Geld ist für einen guten Zweck.“ Ich nehme zwei. Meine Begleiterin fragt: „Wann wirst du endlich erwachsen?“

Erwachsen werde ich wohl nicht mehr; erst recht nicht bei Spielen von Hertha BSC. Immer, wenn ich ins Olympiastadion fahre, reise ich zurück in meine Kindheit. Jene schöne Zeit, in der ich durch die Welt hüpfte, zappelte und schrie; jene Zeit, in der Woche für Woche meine Brille in tausend Scherben zerbarst. Als ich endlich meinen Platz auf dem Oberring erreiche und den Profis beim Aufwärmen zusehe, springe ich sofort aufgeregt hin und her. Als ich sehe, wie Stürmer Fredi Bobic am Tor vorbeischießt, rufe ich ins weite Stadionrund: „Du Idiot!“ Niemand antwortet.

Wir haben den falschen Block erwischt. Um uns herum sitzen Studenten mit ihren Kleinkindern. Die Studenten essen mitgebrachte Stullen, die Kinder blicken hypnotisiert aufs Spielfeld. Nur ein Junge ist aufgeregt. Er sitzt bei seinem Vater auf den Schoß und schreit den mindestens 50 Meter entfernten Spielern zu: „Hertha vor, noch ein Tor! Hertha vor, noch ein Tor! Hertha vor, noch ein Tor!“ Gut, dass er keine Brille aufhat, die ihm von der Nase fallen könnte.

Ansonsten herrscht Frieden. Im Stadion ist es seltsam still. Verfangen sich die Gesänge aus der Fankurve in der neuen Dachkonstruktion? Oder sind bei Hertha alle erwachsen geworden? Da rennt Marcelinho plötzlich mit dem Ball übers Feld, einen Abwehrspieler der gegnerischen Mannschaft hat er schon abgehängt, wir springen auf, meine Begleiterin schreit, Marcelinho schießt, wir halten uns fest, der Ball fliegt, Toooooor. Die Kinder hüpfen auf die Stühle, den Studenten fallen Brotkrümel aus dem Mund. Es ist fast so aufregend wie früher. Als Hertha noch in der Zweiten Liga spielte.

Am Ende steht es 1:1. Hertha wurde ein zweites Tor nicht anerkannt, Fredi Bobic hat noch zwei große Torchancen vergeben. Am Ausgang steht eine Frau an einem Verkaufswagen und bestellt einen Stadionpunsch. Mit dem roten Gebräu stellt sie sich an einen Tisch, holt ihr Handy raus und ruft hinein: „Der Bobic ist ein Idiot.“

Auf dem S-Bahnsteig liegen zertrampelte Plastiknasen herum. Im Wagen rufen die Gästefans: „Frikadelle, Frikadelle“. „Boulette, Boulette“, antworten die Berliner. Abstiegskampf ist nichts für Erwachsene.

Hertha spielt am Samstag um 15.30 Uhr gegen Bayern München; Karten unter: 01805/189200. Der „Red Nose Day“ ist für Freitag nächster Woche angesetzt. Dann sollen alle Deutschen rote Plastiknasen aufsetzen, für welchen guten Zweck auch immer.

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