Zeitung Heute : „Kind und Mutter zur Psychotherapie“

-

Die Zahl der Schulschwänzer steigt. Was muss geschehen, damit Schüler regelmäßig und ohne Angst zur Schule gehen, Herr Remschmidt?

Herr Remschmidt, warum schwänzen immer mehr Schüler den Unterricht?

Erstens gibt es Erkrankungen wie zum Beispiel Schulphobien. Man spricht dann auch von Trennungsangst, denn die Kinder fürchten, dass ihrer Mutter etwas passiert, während sie in der Schule sind. Zweitens gibt es Kinder und Jugendliche, die gehen morgens aus dem Haus und kommen mittags pünktlich wieder – die gehen aber nicht in die Schule, sondern ins Kaufhaus oder in den Park, um Haschisch zu rauchen. Das ist die dissoziale Seite der Schulverweigerung mit einer gewissen Tendenz zur Kriminalität. Eine dritte Gruppe sind Kinder, die Angst haben, in der Schule oder auf dem Weg dorthin geschlagen zu werden. Und es gibt viertens Kinder, die deshalb nicht oder nicht gern zur Schule gehen, weil sie Leistungsstörungen haben und als dumm hingestellt werden.

Was kann man tun, um zu helfen?

Man muss in jedem Einzelfall die Ursachen zu klären versuchen, um dann entsprechend intervenieren zu können. Bei der Schulphobie ist die Methode der Wahl eine Psychotherapie – und zwar des Kindes und der Mutter, denn die Beziehung muss bearbeitet werden. Handelt es sich um dissoziale Schulverweigerung, ist eine Behandlung häufig kompliziert, weil die Kinder und Jugendlichen keine Einsicht haben in die Natur der Störung. Da ist manchmal eine stationäre Behandlung unumgänglich. Bei Leistungsstörungen kommt es darauf an, die Symptomatik so weit abzumildern, dass der Schüler in der Schule mithalten kann.

Wie gefährlich ist Schulschwänzen?

Das ist ein riesiges Problem. Ein Kind, das zwei Jahre nicht zu Schule geht, kann das Versäumte kaum nachholen.

Woran können Eltern merken, dass etwas nicht stimmt?

Ich hoffe, dass Lehrer die Eltern informieren, wenn ein Kind mehrfach die Schule nicht besucht und unentschuldigt fehlt.

Helmut Remschmidt ist Präsident der internationalen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar