Zeitung Heute : Kinder an die Rechner

Zuhause gehört der PC zum Mobiliar, im Klassenzimmer ist er Mangelware: Deutschlands Schulen sind zu schlecht mit Bildschirmtechnik ausgestattet. Das beweist eine ergänzende Pisa-Studie. Sie setzt voraus, dass Computer-Kids besser gerüstet sind für eine technologieintensive Welt

Barbara-Ann Rieck

Die neueste OECD-Ergänzungsstudie lässt keine Zweifel: Deutschlands Schulen sind schlecht mit Computern ausgestattet. „Haben Schüler das Rüstzeug für eine technologieintensive Welt?“, fragte die Untersuchung. Das Ergebnis: Im internationalen Vergleich stehen die Deutschen in diesem Punkt an letzter Stelle. Denn nur 23 Prozent der Jugendlichen nutzen in der Schule mehrmals in der Woche einen Computer. Der OECD-Durchschnitt ist mit 44 Prozent fast doppelt so hoch.

Dazu passt, dass sich an deutschen Schulen mehr Jugendliche einen Computer teilen müssen, als in anderen Ländern: Die Zahl ist doppelt so hoch wie der OECD-Durchschnitt und dreimal so hoch wie in Australien, Korea und den USA. Auch mit dem Internet-Zugang sieht es mäßig aus: Mit 71 Prozent der deutschen Schulcomputer kann man online gehen (OECD-Mittel: 78 Prozent), 45 Prozent sind in ein lokales Netzwerk integriert (OECD-Mittel: 68 Prozent). Dies könne darauf hindeuten, so die Studie, dass Computer in Deutschland (noch) nicht als zentraler Bestandteil des Unterrichts angesehen würden und dass den Schulleitungen das zukunftsträchtige Potenzial der Rechner nicht so bewusst sei wie in anderen Ländern.

Die veröffentlichten Daten wurden im Jahr 2003 im Rahmen der zweiten Pisa-Studie erhoben. 15-jährige Schülerinnen und Schüler aus 32 Ländern wurden damals gefragt, seit wann, wo und wie oft sie Computer benutzen, wie sie daran arbeiten, welche Software sie verwenden und welche Aufgaben sie damit problemlos durchführen können. Die Resultate wurden zu ihren Leistungen im Fach Mathematik in Bezug gesetzt, um den Zusammenhang zwischen Computernutzung und schulischen Leistungen darzustellen. Die Bildungsexperten gingen dabei davon aus, dass Jugendliche sich mit der Anwendung von Informations- und Kommunikationstechniken neue Formen des Lernens erschließen können und dass der gezielte Einsatz von Computern im Unterricht die gesamte Lernumgebung positiv beeinflusst.

Weltweit haben immer mehr 15-Jährige Zugang zu Computern. Das zeigt ein Vergleich der Pisa-Daten aus den Jahren 2000 und 2003. Besonders die Nutzung heimischer Computer hat stark zugenommen. In fast allen OECD-Ländern nehmen Teenager den Computer häufiger zu Hause in Anspruch als in der Schule. Hier liegen die Deutschen sogar acht Prozent über dem OECD-Durchschnitt: 82 Prozent der deutschen Schüler gehen mehrmals in der Woche an ihren häuslichen Computer. Jugendliche, die über keinen Computerzugang verfügen – sozial schwache oder Migrantenkinder – sind im internationalen Vergleich benachteiligt. Große Defizite ließen sich etwa in Griechenland, Mexiko, Polen, der Slowakei und der Türkei nachweisen: Dort hat mindestens einer von vier Schülern zu Hause keinen Computer.

Im internationalen Vergleich sind die Mädchen besonders benachteiligt: In etwa zwei Drittel der teilnehmenden Länder sitzen zu Hause eher die Jungen als die Mädchen am Rechner. Geschlechtsunterschiede spielen auch bei der Art der Nutzung eine Rolle. Jungen trauen sich bei Routineaufgaben und bei der Arbeit mit dem Internet grundsätzlich mehr zu. Vor allem bei komplexen Aufgaben, wenn es etwa darum geht, eine Website zu erstellen, PowerPoint- oder Multimedia-Präsentationen zu gestalten oder zu programmieren, ist der Abstand zwischen Jungen und Mädchen besonders groß: zwischen 15 und 25 Prozentpunkte. Laut OECD-Bericht gehört Deutschland zu den Ländern mit den höchsten geschlechtsspezifischen Unterschieden. Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft bleibt also noch viel zu tun.

Für alle beteiligten Länder gilt: Je versierter die Jugendlichen im Umgang mit Computern sind und je länger sie zu Hause damit arbeiten, desto besser schneiden sie in der Schule ab. Ein direkter Zusammenhang bestehe zu den schulischen Leistungen im Fach Mathematik, besagt die Studie. Für Deutschland zeigt sich, dass Schüler, die weniger als ein Jahr Computererfahrung haben, auf der Pisa-Skala im Schnitt nur 436 Punkte erreichen. Das entspricht der Durchschnittsleistung von Schülern in Griechenland und der Türkei (OECD-Mittel 500 Punkte). Schon bei drei- bis fünfjähriger Praxis verändert sich das Bild erheblich: die Schüler erringen 528 Punkte, was mit dem Durchschnittswert der Schweiz übereinstimmt. Wer seit mehr als fünf Jahren mit dem Computer vertraut ist, hat mit 533 Punkten ein Leistungsniveau, das dem von Altersgenossen in Kanada und Japan gleichkommt.

Auch in akademischen Berufen sind langjährige Computerbenutzer erfolgreicher. Die Frage nach den Ursachen allerdings bleibt vorerst ungeklärt. „Der Pisa-Bericht ist eine Querschnitt-Studie“, sagt Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung Indikatoren und Analysen der OECD-Direktion Bildung. „Wir können nachweisen, dass es einen Zusammenhang zwischen Computernutzung und schulischen Leistungen gibt, aber nicht erklären, worin er besteht.“ Dazu seien Langzeitstudien erforderlich, die einzelne Schüler über einen längeren Zeitraum begleiten.

Die OECD-Bildungsforscher warnen davor, aus den Ergebnissen der Analysen falsche Schlüsse zu ziehen. Auch wenn ein Jugendlicher seinen Computer häufig nutze, gebe es keine Garantie, dass sich seine schulischen Leistungen damit automatisch verbesserten. Im Gegenteil: Die besten Leistungen wurden von denjenigen erbracht, die auf der Pisa-Skala im Mittelfeld liegen. Viel-Nutzer schnitten meist schlechter ab. Und das, obwohl die Hälfte der befragten Schüler angab, nicht nur zu spielen, sondern im Internet nach Informationen zu suchen und Textverarbeitungsprogramme anzuwenden.

Der Pisa-Bericht empfiehlt deshalb, in den Ländern per Studie zu klären, wie effektiv die Schüler mit ihren Computern umgehen. Wenn die Zugangsmöglichkeiten ausreichend seien, müssten die Politiker Strategien entwickeln, die zu einer aktiven und kreativen Computernutzung beitragen. Dies würde auch eine entsprechende Lehrerausbildung und neue Lehrpläne umfassen. Letztlich entscheidet die Qualität der Computer-Nutzung darüber, wie gut Kinder gerüstet sind für eine technologieintensive Welt.

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