Zeitung Heute : Kinder anleinen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

In Berlin sind mehr als 100 000 Hunde amtlich registriert. Das entspricht in etwa der Zahl der unter Fünfjährigen, die in der Stadt leben. Tatsächlich soll es hier allerdings weit mehr Hunde als kleine Kinder geben. Das Verhältnis zwischen den beiden Populationen ist also keineswegs ausgeglichen. Hunde genießen in Berlin eindeutig eine Vorrangstellung gegenüber Kindern. Das bemerken wir Väter bei jedem Schritt vor die Tür. Emma war immer schon eine große Hundefreundin, „Wau wau“ war ihre erste sprachlich verständliche Äußerung, noch vor „Mama“ und „Papa“. Doch die Zuneigung hat deutlich nachgelassen, seit freilaufende Hunde unserer Tochter dauernd und überall zu nahe kommen, um sie zu beschnüffeln. Neuerdings taucht das Problem auf, dass sie mit ihren zweieinhalb Jahren großes Interesse an „Kacka“ hat, gleich von wem sie stammt. So wird jeder Spaziergang zu einem zeitraubenden Hindernislauf. Auf Schritt und Tritt entdeckt Emma eine neue widerliche Hinterlassenschaft, die stets eingehend begutachtet werden muss. „Iiih, Kacka. Das ist eklig, oder, Papa?“ – „Ja, das ist ganz eklig, darum gehen wir jetzt auch weiter.“

Ganz ähnlich empfanden das auch die Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses, als sie im letzten Herbst die Einrichtung bezirklicher Ordnungsämter beschlossen haben. Kiezstreifen wurden auf Patrouille geschickt – auch um Hundehalter mit Bußgeldandrohungen zu Sauberkeit und Leinenpflicht anzuhalten.

Geändert hat sich nichts. Die Freiheit der Hunde ist grenzenlos, die Ordnungshüter kassieren lieber bei Müttern ab, die sie mit ihren Kindern auf dem Fahrrad im Park erwischen, als sich mit renitenten Hundebesitzern anzulegen. Wir haben uns darum schweren Herzens dazu entschlossen, Emma künftig bei Spaziergängen anzuleinen, um sie von Hundehaufen fern zu halten. Nur eine passende Leine für Kinder haben wir noch nirgends gefunden. Eine Marktlücke in der Hundehauptstadt Berlin.

Am morgigen Sonntag können Eltern und Kinder die Polizisten der Stadt mal ins Verhör nehmen, warum sie so wenig gegen das unsaubere Verhalten der Hundehalter tun – beim Tag der offenen Tür der Berliner Polizei, von 11 bis 19 Uhr auf dem Polizeigelände an der Charlottenburger Chaussee 67 in Ruhleben.

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