Zeitung Heute : Kinder ausländischer Eltern: Das System lässt ihnen kaum eine Chance

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Im Bildungswesen benachteiligt und weit abgehängt –

in den sechziger Jahren stand dafür das „katholische

Arbeitermädchen vom Land“. Inzwischen hat sich die Lage verändert. Ganz unten stehen in Deutschlands Bildungs-

wesen nicht mehr katholische Frauen aus der Provinz,

sondern Schüler mit Migrationshintergrund.

MIGRANTENSCHÜLER IN DEUTSCHLAND

Im Jahr 2003 betrug der Anteil der fünfzehnjährigen

Schüler mit mindestens einem in Deutschland geborenen Elternteil 20,6 Prozent . In den alten Ländern leben

erheblich mehr dieser Jugendlichen als in Ostdeutschland. An der Spitze stehen die Stadtstaaten Bremen und Hamburg mit rund 35 Prozent, gefolgt von Baden-Württemberg (31,6 Prozent) und Hessen (30,4 Prozent). In Berlin haben 26,1 Prozent der Schüler mindestens ein aus dem Ausland stammendes Elternteil, in Bayern 20,5 Prozent. Erheblich unter diesen Werten liegen die ostdeutschen Länder.

Spitzenreiter ist Brandenburg mit sechs Prozent. Bundesweit kommt der größte Teil der Migrantenschüler aus

den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (23,7 Prozent), gefolgt von der Türkei (19,1) und Polen (12 Prozent).

DIE LEISTUNGSSCHERE

Nirgendwo auf der Welt klaffen die Leistungen zwischen einheimischen Schülern und solchen mit Migrations-

hintergrund so weit auseinander wie in Deutschland.

Im Schnitt haben Schüler mit mindestens einem im

Ausland geborenen Elternteil zum Beispiel in Mathematik einen Lernrück stand von anderthalb Jahren , ergab die jüngste Pisa-Untersuchung 2003.

DESASTRÖS: DIE ZWEITE GENERATION

Während in allen anderen Staaten Schüler der zweiten Generation, also solche, die bereits im Gastland ihrer Eltern geboren wurden, besser als die der gerade erst zugewanderten ersten Generation abschneiden, ist der Abstand

in Deutschland noch größer : Die zweite Generation liegt in Mathematik 90 Punkte, das entspricht zwei Schuljahren, hinter dem einheimischen Schnitt. Nicht in die Pisa-

Statistik geht die dritte Generation ein, also etwa die Enkel jener Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren kamen.

SPRACHE

Etwa die Hälfte der Jugendlichen mit Migrationshintergrund spricht im Alltag vorwiegend deutsch . Etwas weniger als ein Drittel verwendet im Alltag die deutsche Sprache zumindest genau so häufig wie eine andere. Jugendliche mit

Migrationshintergrund schnitten im Pisa-Test besonders schlecht ab, wenn sie im Alltag vorwiegend eine andere als die deutsche Sprache verwenden. Der Abstand zwischen ihnen und dem deutschen Mittelwert beträgt 69 Punkte, das entspricht anderthalb bis zwei Schuljahren .

TÜRKEN UND RUSSEN

50 Prozent der Jugendlichen aus der Türkei, die in Deutschland geboren sind, haben mit 15 Jahren ein mathematisches Kompetenzniveau, das nicht über die erste von sechs Pisa-Stufen hinausgeht. Für die überwiegend erst

zugewanderten Jugendlichen aus der ehemaligen Sowjetunion sieht es etwas besser aus: 30 Prozent erreichen

die Kompetenzstufe I. Im Schnitt erreichen die Schüler mit türkischem Hintergrund in allen Bundesländern nur die zweite von sechs Pisa-Niveaus oder liegen knapp darüber. Im Lesen liegt der Schnitt türkischstämmiger Schüler in fast allen Bundesländern auf Kompetenzstufe I und damit noch unterhalb der mathematischen Kompetenzen.

DIE LÄNDER: SCHLECHTE FÖRDERUNG

Am schwächsten im Lesen schneiden die türkischstämmigen Schüler im Saarland mit im Schnitt nur 370 Pisa-Punkten ab. Ihr Abstand zum OECD-Schnitt entspricht mehr

als drei Schuljahren. In Baden-Württemberg erreichen sie im Schnitt 428 Pisa-Punkte, in Hessen und Rheinland-Pfalz 398 Punkte, das entspricht einem Rückstand gegenüber dem OECD-Mittel von zwei bis zweieinhalb Schuljahren.

DIE RISIKOGRUPPE

In Bremen, Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-

Westfalen zählen mehr als 35 Prozent der Migranten zur Risikogruppe, in Bayern und Baden-Württemberg rund 20 bis 25 Prozent. Diese Schüler werden sehr schlechte

Chancen haben, sich in der Berufswelt zurecht zu finden. Bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil der Personen ohne beruflichen Abschluss im Alter von 25 bis 35 Jahren 15 Prozent, bei Personen mit Migra-

tionshintergrund sind es 41 Prozent (siehe Grafik). akü

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