Zeitung Heute : Kinder der Nacht

Der Tagesspiegel

Gerade mal fünf Jahre altund schon ein erwachsenes Problem. Der Kinderkanal von ARDund ZDF muss sein tägliches Problem um 19 Uhr beenden, damit der Kulturkanal Arte seine Sendungen beginnen kann. „KiKa muss genau zu der Zeit aufhören, zu der seine Klientel den Fernseher mehrheitlich einschaltet,“ sagte MDR-Intendant Udo Reiter am Donnerstag in Berlin. Das sei ein strategischer Nachteil, der den kommerziellen Konkurrenten voll zugute komme. Laut Reiter dominieren Super RTL und RTL 2 die Primetime der Kinder. Vom kommenden Jahr an plant der Kinderkanal deswegen eine Ausweitung des Programms bis 21 Uhr, wie Reiter und ZDF-Intendant Dieter Stolte ankündigten. Erst einmal im Probebetrieb und nur über Satellit und im digitalen Kabel. Die analoge Verbreitung in den Kabelnetzen ist nicht in Sicht, da die Kanalteilung zwischen Kinderkanal und Arte nicht aufgehoben wird. In einem zweiten Schritt, von 2005 an, soll das Kinderprogramm gar bis 22 Uhr senden. Auch dieses Programmsoll zunächst über Satellit und im digitalen Kabel angeboten werden.

Was nach 19 Uhr im Kinderkanal laufen wird? Sehr wahrscheinlich Wiederholungen aus dem Nachmittags-Programm wie die Krimiserie „Die Pfefferkö rner“ und die Future-Soap „The Tribe“. Kinderkanal-Chef Frank Beckmann erinnerte zudem daran, dass gerade ältere Kinder „Big Brother“ eingeschaltet hätten ... Zukunftsmusik. Erst einmal muss die KiKa-Ausweitung aus dem Bestand geleistet und mit den gegebenen Bordmitteln finanziert werden: Von jedem Gebührenzahler bekommt der Kinderkanal momentan 16 Cent im Monat, ARDund ZDF steuern für die nächste Gebührenperiode ab 2005 eine Erhöhung an. ZDF- Chef Stolte nannte weitere Ansatzpunkte für das Programm nach 19 Uhr: „Erstens ein Unterhaltungsangebot in Englisch, zweitens Programme zu Naturwissenschaft und Technik.“ Klar ist, dass der Kinderkanal insbesondere zwei Zielgruppen bedienen will – ältere Kinder und Jungen. Denn seine großen Quotenerfolge feiert das Programm für die Drei- bis 13-Jährigen anderswo: „Wir sind Marktführer bei den Vorschulkindern und Marktführer bei den Mä dchen“, sagte Beckmann. Jungens sehen offenbar lieber die „Pokémons“ und die „Digimons“ bei RTL 2 wirbeln. Sendungen, mit denen die „öffentlich-rechtliche Alternative eines „gewalt- und werbefreien Kinderkanals“ laut Reiter auch künftig nicht punkten will.

Anders als besorgte Eltern und Pädagogen vielleicht annehmen, hat sich seit dem Sendestart des Kinderkanals am 1. Januar 1997 und mit der verstärkten Konkurrenz der kommerziellen Anbieter die Fernsehnutzung der Kinder nur geringfügig erhöht: Von täglich 95 Minuten auf 98 Minuten im Jahr 2001. Joachim Huber

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