Zeitung Heute : Kinder haben nicht das Sagen

Unicef hat die Lebensqualität von jungen Menschen untersucht. Wie geht es ihnen in Deutschland?

Claudia Salzen

Die Pisa-Studie war für die Deutschen schon ein Schock. Im internationalen Bildungsvergleich landete Deutschland weit abgeschlagen hinter Finnland und Japan. Nun hat das UN-Kinderhilfswerk Unicef zum ersten Mal die Lebensumstände von Kindern in 21 Industrieländern verglichen, und wieder ist das Ergebnis ernüchternd: Deutschland erreichte gerade einmal Platz 11.

Die Studie zeigt, dass Kinder selbst in einem wirtschaftlich reichen Land nicht unbedingt gute materielle Lebensbedingungen vorfinden – und umgekehrt. So liegt Tschechien im direkten Vergleich der materiellen Situation von Kindern sogar noch vor Deutschland, Italien oder den USA. Gerade in den reichen Ländern gibt es überdurchschnittlich viele Kinder, die in ihrer Familie zum Beispiel kaum Zugang zu Büchern oder keinen eigenen Schreibtisch zum Lernen haben.

In Deutschland ist der Unicef-Studie zufolge mehr als jedes zehnte Kind von relativer Armut betroffen – solche Familien haben weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Neun Prozent aller Kinder in Deutschland leben in einer Familie, in der weder der Vater noch die Mutter Arbeit haben. Doch der Bericht belässt es nicht dabei, nur die materiellen Lebensumstände zu vergleichen. Weitere Kriterien sind Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen sowie die Lebensweise der Jugendlichen und mögliche Risiken. Außerdem spielt in der Studie auch die Selbsteinschätzung der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Rolle – das ist ungewöhnlich für einen groß angelegten internationalen Vergleich. Der Bericht nehme die Perspektive der Kinder ein, sagt der Familiensoziologe Hans Bertram.

So kam es auch zu überraschenden Ergebnissen: Zwar essen mehr als 80 Prozent der 15-Jährigen regelmäßig gemeinsam mit ihren Eltern. Aber zugleich bemängelte mehr als die Hälfte, dass ihre Eltern kaum Zeit hätten, sich wirklich mit ihnen zu unterhalten. In Ungarn dagegen nehmen sich demnach mehr als 90 Prozent der Eltern regelmäßig Zeit für ein Gespräch.

Als besonders besorgniserregend wertet Unicef das Risikoverhalten deutscher Jugendlicher. Hier kam Deutschland insgesamt nur auf den vorletzten Platz. Im Alter von 11 bis 15 Jahren rauchen 16,4 Prozent mindestens einmal pro Woche – damit ist Deutschland das Schlusslicht im internationalen Vergleich. 17 Prozent der deutschen Jugendlichen gaben an, schon zweimal oder öfter betrunken gewesen zu sein. In Großbritannien war es fast jeder dritte. Andererseits haben deutsche Schüler deutlich weniger Erfahrungen mit Gewalt und Mobbing gemacht als in den meisten anderen Ländern – hier erreichte Deutschland sogar den dritten Platz.

Familiensoziologe Bertram hat eine einfache Erklärung, warum Deutschland im internationalen Vergleich nur das Mittelfeld erreicht hat. Ursache dafür sei die große Differenzierung, die im Vergleich der Bundesländer deutlich wird. Die im nationalen Vergleich führenden Länder Baden-Württemberg und Bayern können in den Bereichen Bildung und Gesundheit durchaus mit der internationalen Spitzengruppe mithalten. Dagegen ist beispielsweise in Bremen die Säuglingssterblichkeit höher als in den meisten übrigen Industrienationen. Hinter solchen Zahlen sieht Bertram auch Schwächen des deutschen Gesundheitssystems.

Andererseits zeigt das Beispiel Sachsen nach den Worten Bertrams, dass es für das Wohlbefinden der Kinder nicht allein auf die wirtschaftliche Situation eines Bundeslandes ankommt. So sei es in Sachsen gelungen, durch ein gutes Gesundheitssystem und ein gutes Abschneiden im Bildungsbereich im nationalen Vergleich den fünften Platz zu erreichen. Zugleich warnte Bertram davor, nur einen Ost-WestGegensatz zu sehen. In den neuen Bundesländern ist die relative Kinderarmut – gemessen am jeweiligen Landesdurchschnitt – sogar niedriger als im Westen. Mindestens ebenso auffällig sei die Differenz zwischen dem Norden und Süden und zwischen den großen Städten und den Flächenstaaten. Kritik an der Unicef-Studie kam vom Schlusslicht Sachsen-Anhalt: Die Kinderbetreuung werde nicht berücksichtigt, außerdem seien die Zahlen zur Säuglingssterblichkeit veraltet. Unicef hat für die Kinderstudie bereits vorhandene Statistiken zusammengetragen.

Berlin landete im nationalen Vergleich nur auf Platz 13 – trotz sehr guter Ergebnisse im Gesundheitsbereich. Besonders schlecht schnitt die Bundeshauptstadt beim Vergleich der materiellen Lage von Kindern ab. Nirgendwo sonst sind Kinder der Studie zufolge so stark armutsgefährdet wie in Berlin und in den anderen beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben