Zeitung Heute : Kinder, Kinder

Harald Martenstein

Die französische Justizministerin Rachida Dati ist fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes – Kaiserschnitt, Vater unbekannt – an den Arbeitsplatz zurückgekehrt, als Vollzeitkraft. Dem Kind muss das nicht zwangsläufig schaden. Kleine Kinder sind, anders als moderne Führungskräfte, nicht sehr flexibel, gewiss. Kinder brauchen eine feste Bezugsperson, das stimmt schon. Diese feste Bezugsperson muss allerdings nicht unbedingt die Mutter oder der Vater sein. Auch der Adel hat früher seinen Nachwuchs vom Personal großziehen lassen. Rachida Dati, die als sehr anstrengende Chefin gilt, tut gut daran, die Kinderfrau zumindest nicht allzu häufig zu wechseln.

Mit der Selbstverwirklichung ist es wie mit gutem Essen, Fitnesstraining und Börsenspekulieren, wenn man nicht maßhält, ist es nicht mehr schön. Egal, was aus dem Baby wird – einer Person schadet dieses Arrangement ganz bestimmt, und das ist die Ministerin Dati selber. Es gibt kaum ein Interview mit älteren Erfolgsmännern, in dem diese nicht bedauern, sich nicht ausführlich genug um ihre inzwischen erwachsenen Kinder gekümmert zu haben. Ich glaube nicht, dass sie ihr Bedauern alle heucheln. Kinder bereichern das Leben, von Kindern hat man wirklich etwas. Man sollte sie aber, um die menschliche Grunderfahrung des Kinderhabens zu machen, nicht nach der Anschaffung, wie eine schöne Vase, in die Ecke stellen. Viele ältere Männer nehmen, nach der verpassten ersten Chance, mit einer jungen Partnerin einen zweiten Anlauf zum Vatersein. Jetzt aber richtig, zum Genießen. Für Frauen ist das immer noch schwierig, obwohl es in Italien und anderswo neuerdings Spezialkliniken zur Erfüllung von Last-Minute-Gebärwünschen gibt.

Jahrtausendelang haben die Menschen Arbeit als unangenehme Notwendigkeit angesehen, als unfreie Zeit. Nach der Arbeit fing das Leben an. Seit einigen Jahren werden uns, den Männern wie den Frauen, Berufstätigkeit und Karriere als der wichtigste, nein, fast der einzige Weg zur Selbstverwirklichung und zu einem erfüllten, lebenswerten Leben verkauft. Bei einer Ministerin oder einem Topmanager ist das nachvollziehbar, interessante Jobs, super Bezahlung. Oder Künstler! Oder Artisten! Schafhirten! Redakteure! Die meisten leben anders. Wenn sie schlecht bezahlt an der Supermarktkasse sitzen, oder, dank einer Karriere, etwas besser bezahlt in langweiligen Konferenzen, wenn sie Bilanzen erstellen, Kaffee kochen und Regale putzen, wenn ihr Chef sie anschnauzt, während ihr Kind irgendwo betreut wird, dürfen sie sich immerhin sagen: „Ich verwirkliche mich. Ich lebe richtig. Ich bin emanzipiert.“ Arbeit macht frei, sagten die Nazis. Inzwischen glauben das alle.

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