Kinder : Kleines ABC der Erziehung

Von A wie Abnabelung über K wie Konflikt, L wie Liebe bis Z wie Zappelphilipp. Ein Lexikon in Stichworten.

Verena Friederike Hasel
ABC
A wie Abnabelung, B wie Berühren, C wie Clique...Foto: dpa

ABNABELUNG

Es ist eine Trennung auf Raten, von Beginn an. Kaum ist das Baby auf der Welt, wird die Nabelschnur durchgeschnitten und die körperliche Verbindung zwischen Mutter und Kind ist gekappt. Diese Abnabelung setzt sich stetig fort. Wie sehr Menschen der Wunsch nach Autonomie in die Wiege gelegt ist, ahnt man, wenn man Säuglinge beobachtet. Reicht man ihnen eine Rassel, schütteln sie diese immer wieder, hocherfreut darüber, dass sie durch ihre Bewegung Urheber eines solchen Geräuschs sein können. Doch der beste Entdecker und Eroberer ist derjenige, der eine Heimat hat. Wie der britische Psychiater John Bowlby feststellte, finden sich Kinder mit einer guten und engen Bindung an ihre Bezugsperson am leichtesten alleine zurecht. In einem Experiment ließen sie sich schnell trösten, wenn ihre Mutter den Raum verließ, und spielten weiter, in der Gewissheit, dass die Mutter zurückkehren würde. Bindung bieten, um Loslösung zu ermöglichen – das ist das Grundwiderspruch jeder Erziehung.

BERÜHREN

Am Anfang war der Tastsinn. Er entfaltet sich in der achten Schwangerschaftswoche, wenn der Fötus 2,5 Zentimeter misst. Riechen, Hören und Schmecken entwickeln sich später in der Schwangerschaft, das Sehen sogar erst nach der Geburt. Umso wichtiger, diesen frühesten Sinn des Kindes anzusprechen. Erst durch die Berührung mit der mütterlichen Haut werde das Kind lebendig, schreibt die US-Psychologin Jean Liedloff in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“. Sie rät Müttern und Vätern, ihr Baby möglichst oft am Körper tragen, so dass es an ihren Bewegungen und darüber an ihrem Leben teilhaben kann. Mal spürt es Haut, mal Stoff, es wird gehoben und gedrückt, steht nicht ständig im Mittelpunkt, ist aber trotzdem immer dabei. Tatsächlich haben Experimente mit Affenbabies in den 50er Jahren gezeigt, dass Primatenkinder ohne Körperkontakt nicht überleben können. In den Waisenhäusern von früher starben Kinder, die zwar genährt, aber nicht gestreichelt wurden, oft vor dem dritten Lebensjahr. Um eines Tages begreifen zu können, muss ein Baby zunächst mit den Händen greifen. Ebenso spürt es erst, dass es Mutter und Vater gibt, indem sie es in die Arme nehmen.

CLIQUE

Die Clique ist die Fortsetzung der Familie und zugleich ihr Gegenentwurf, in ihr finden Heranwachsende eine zweite Heimat. Im Kleinkindalter gründen sich Freundschaften zunächst auf das gemeinsame Spiel; der instrumentelle und kurzfristige Charakter überwiegt: Man rollt den Ball hin und her, und ist der Ball weg, ist die Freundschaft beendet. Später entdecken Kinder im Spielgefährten einen Menschen, der nicht nur die eigenen Bedürfnisse befriedigt, sondern auch selbst Wünsche hegt. Rollenübernahme nennen Psychologen diese Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Ohne sie wäre ein Mensch sozial gar nicht handlungsfähig. In der Clique kann man diese Fertigkeit einüben. Insofern sollten sich Eltern, anstatt pikiert zu bemerken, dass Tochter oder Sohn nur noch im Rudel auftreten, stolz sein. Während die Familie ein Ort ist, in den die Kinder einfach hineingeboren wurden, erschaffen sie die Clique selbst, aus eigener Kraft, balancieren sie jeden Tag aufs neue zwischen Konkurrenz und Kompromiss aus. Und ein bisschen dankbar können die Eltern auch sein: Schließlich übernehmen die Freunde den Feinschliff der Persönlichkeit ihrer Kinder.

DISZIPLIN

Die Frage nach Disziplin berührt eine der Kernfragen im Umgang mit Kindern – soll man Töpfer oder Gärtner sein, soll man sie formen oder wachsen lassen? Derzeit erlebt der Töpfer eine Renaissance, er fordert Disziplin, Gehorsam und Unterordnung und will das Leben des Nachwuchses in eine feste Form gießen. Vielleicht rührt das von einer allgemeinen Verunsicherung her, in der Disziplin Ordnung verspricht: Man setzt das Kind auf eine Spur, möglichst weit entfernt von Drogen und Arbeitslosigkeit, und dort bleibt es dann, ist die Hoffnung. Doch stellt man so die besten Weichen? Autorität und Regeln sind gut. Zahlt man dem Kind Klavierstunden, soll es auch üben, aber oft hält Disziplin nicht das, was sie verspricht. Wie der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer herausfand, bleibt das, was man mit Vergnügen lernt, besser im Gedächtnis als Dinge, die man sich unter Druck einprägt. Auch sonst hilft Disziplin nicht unbedingt, schließlich besteht die einzige Gewissheit des Lebens darin, dass es mit ziemlicher Sicherheit unvorhersehbar verlaufen wird. Vorgefertigte Wege können auch ins Leere führen, um sich neue zu bahnen, braucht es einen starken eigenen Willen. Was im Extremfall passieren kann, wenn man den nicht ausgebildet hat, zeigt das Gehorsamsexperiment des US–Psychologen Stanley Milgram: Auf Anweisung hin war die Mehrzahl seiner Versuchspersonen bereit, einem anderen lebensgefährliche Stromstöße zu versetzen. Sie zeigten Disziplin und gehorchten – und vergaßen darüber die Menschlichkeit.

ESSEN

28 Stück Würfelzucker in Wasser aufgelöst würde keiner trinken. Doch genau so viel Zucker enthält umgerechnet ein Liter Cola und manches Getränk, das speziell für Kinder sein soll, hat noch mehr. 15 Prozent der Kinder in Deutschland sind zu dick, 20 Prozent leiden außerdem an einer Essstörung wie Anorexie und Bulimie. Warum geht bei der Ernährung so viel schief? Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, es ist auch orale Befriedigung und Trost. Was dem Baby die mütterliche Brust ist, ist für Kleinkinder später der Schnuller und für Erwachsene die Süßigkeiten. Dass Menschen Kummer ab und zu mit Nahrung kompensieren, ist normal. Wer seinem Kind aber immer die Flasche gibt, um es zu beruhigen, gewöhnt es daran, seinen Gefühlshaushalt über Nahrung zu steuern. Wer ihm sagt, es bekomme eine Belohnung, wenn es den Teller leer gegessen habe, macht den Esstisch zum Schauplatz für Machtkämpfe. Magersüchtig werden dem argentinischen Psychiater Salvador Minuchin zufolge gerade überbehütete und angepasste Kinder. Ihre Verweigerung zu essen ist der Versuch, Kontrolle zu gewinnen, zumindest über den eigenen Körper. Essbrechsüchtige Kinder sind dagegen meist impulsiv, in ihren Familien gibt es offene und heftige Konflikte.

FERNSEHER

Er ist wie ein Familienmitglied und oft redet er von allen am meisten. Während deutsche Eltern am Tag im Schnitt nur 25 Minuten mit ihren Kindern reden, bespricht der Fernseher mehr als die Hälfte der Drei-bis Dreizehnjährigen 144 Minuten am Tag. Ob Gewalt im Fernsehen Kindern schadet, darüber wird immer wieder mit unterschiedlichen Ergebnissen diskutiert. Etwas anderes, Grundsätzliches steht aber fest. Reicher und glücklicher macht das Fernsehen eine Kindheit nicht. Wie US-amerikanische Wissenschaftler herausfanden, ist der Wortschatz von Kleinkindern, die fernsehen, zehn Prozent kleiner als der von Kindern, die noch nie vor einem TV-Gerät gesessen haben. Das gilt selbst dann, wenn sie Sendungen gesehen haben, die sie in ihrer geistigen Entwicklung fördern sollen. Deshalb sind in Frankreich ab November Fernsehprogramme für Kinder unter 3 Jahren verboten. In einer Untersuchung der Uni Leicester führten schon 14 Tage Fernsehentzug dazu, dass die Kinder besser schliefen und ausgeglichener waren. Wann immer man den Fernseher ausstellt, gewinnt das Kind mehr Zeit, in der es draußen spielen, malen, singen kann, anstatt dem Leben nur zuzuschauen.

GESCHWISTER

Wer einmal beobachtet hat, wie Kinder, die Bruder oder Schwester haben, ihre Kuscheltiere behandeln, versteht, wie sehr sie das Thema Konkurrenz beschäftigt. Mühsam versuchen die Kinder ihre Zuneigung auszubalancieren. Einschlafen können sie erst, wenn Teddy und Puppe beide in gleicher Entfernung bei ihnen liegen, damit sich auch ja keiner der beiden benachteiligt fühlt. Zu kurz zu kommen, das ist die ständige Angst von Geschwisterkindern. Ein Entthronungsdrama hat der österreichische Psychiater Alfred Adler die Geburt eines Bruders oder einer Schwester genannt; von nun an wird man die elterliche Zuneigung nie wieder ungeteilt genießen können. So unliebsam uns die damit verbundenen Gefühle von Neid und Rivalität auch sind: Sie gehören zur menschlichen Grundausstattung. Dass sie zwischen Geschwistern ihr erstes Ventil finden, müssen Eltern aushalten. Es hat auch sein Gutes. „Der zeitweilige Kampf zwischen Geschwistern dient in einer kaum zu überschätzenden Weise der frühzeitigen Integration destruktiver Gefühle“ schreibt der deutsche Psychoanalytiker Horst Petri. Ist das geschehen, können sich Geschwister Vorbilder, Freunde und Vertraute sein. Dass die Kinder einer Familie typischerweise danach streben, verschiedene Rollen einzunehmen, ist so etwas ein kleiner darwinistischer Wettkampf: Überlebensfähig ist nur, wer sein eigenes Revier hat. Hüten sollten sich Erwachsene jedoch vor Zuschreibungen wie „Sie ist eben die Praktische“ oder „Du bist unsere Sportskanone“. Damit wird die Tendenz zur Nischenbildung unnötig befeuert.

HOCHBEGABT

Es schneiden die Englein sich die Flügel ab, lautet die Zeile eines Volksliedes, und das beschreibt recht gut, wie es hochbegabten Kindern ergehen kann. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er will nicht herausfallen aus seiner Gemeinschaft, und so sind besonders intelligente Schüler oft nicht froh um ihren Vorsprung. Experten schätzen, dass bis zu 15 Prozent der hochintelligenten Kinder – mit einem Intelligenzquotienten über 130 – in der Schule auffallend schlecht abschneiden. Sie basteln Papierflieger und könnten eigentlich schon Dreisätze lösen – wenn nur einer auf die Idee käme, ihnen so eine Aufgabe anzubieten. Zwar brauchen Hochbegabte spezielle Förderung, aber manchmal entspringt das Wunderkind dem elterlichen Wunschdenken. Nicht jeder, der in der Schule abgelenkt ist, muss gleich einen Intelligenztest ablegen. Die Langeweile kann auch an schlechtem Unterricht liegen. Heutzutage neigen Mütter und Väter dazu, ihre Kinder zu überschätzen.Wie sehr, zeigte eine Untersuchung der Uni Wien, in der 80 Mütter zum Entwicklungsstand ihrer Kinder befragt wurden. Die meisten waren sich sicher: Natürlich würde ihr Kind den Tennisball fangen können, auch die Antwort auf die Frage, warum man sich im Auto anschnallen müsse, würde ihm leicht fallen. Was sie nicht wussten: In Wahrheit interessierten sich die Forscher vor allem für das mütterliche Urteilsvermögen. Und das erwies sich als mangelhaft. Der Großteil meinte, dass sich ihre Kinder klüger und geschickter anstellen würden als sie es taten.

IDENTITÄT

Einmal bitte vorstellen: Da zieht mit einem Mal ein Fremder im eigenen Haus ein und stellt sich nicht mal vor. Und wenn man ihn fragt, wer er sei und was er denn wolle, zuckt er die Schultern und sagt: „Sag’ ich dir nicht, das musst du selbst rausfinden.“ So ungefähr geht es wohl Kindern, die in die Pubertät kommen; plötzlich sind sie sich selbst ganz fremd. „Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten“, schrieb Hermann Hesse. Klingt einleuchtend, doch was tun, wenn man plötzlich in einem angekommen ist, der tausend Türen hat und man nicht weiß, durch welche es weitergeht? Die Frage nach der eigenen Identität ist bestimmend zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr, und bis man sein eigener Mensch geworden ist, wird man einige reichlich unpassende Identitätshüllen zumindest versuchsweise übergestreift haben. Abnehmen können Eltern ihren Kindern diesen chaotischen Prozess nicht. Stattdessen müssen sie noch als Sparringpartner herhalten. Dazu braucht es Geduld und vielleicht die Erinnerung an Zeiten, in denen man selbst zwischen Versagensängsten und Vorstellungen von Grandiosität schwankte, sich den Aufbruch wünschte und doch nicht wusste wohin.

JUNGEN

Die Jungen sind in der Schule benachteiligt, ergab kürzlich eine Studie, bei gleicher Leistung werden sie schlechter als Mädchen bewertet. Eine Beobachtung, die nicht so recht passt in eine Zeit, die von der Frauenbewegung geprägt ist. Dabei haben gerade Jungen es heute schwer. Sie wachsen in Einrichtungen heran, in denen die Männer meist nur in den kinderfernen Räumen anzutreffen sind: Schulen und Kindergärten haben zwar Leiter und Direktoren, aber in der direkten Umgebung der Kinder vor allem Erzieherinnen und Lehrerinnen.Und die wollen lieber puzzeln als raufen. Fehlt dann zu Hause noch der Vater, kommt es mitunter zu einem Verhalten, das Psychologen als Reaktionsbildung bezeichnen: Jungen, die kein männliches Vorbild hatten, zelebrieren die maskuline Pose besonders, wie eine Antwort auf die weibliche Übermacht in ihrem Leben.

KONFLIKT

„Vertragt euch schön“, sagt man und sieht noch im Gehen, wie sich die Kinder eins mit der Schippe überziehen. Umkehren und dazwischengehen sollte man nicht, lieber hinsetzen und zumindest versuchen, ein Buch zu lesen. Meist trennen Erwachsene Rangeleien zwischen Kindern aus Angst vor Gewalttätigkeit zu schnell. Es hat etwas für sich, wenn sie ihre Streitigkeiten selbst austragen, auch wenn das unter Körpereinsatz geschieht. Gerade bei Zank unter Geschwistern sollte man sich hüten, immer Partei zu ergreifen. „Papa, komm schnell, der Niklas hat mir das Buch weggenommen!“ könnte man versuchsweise mit der Frage: „Und was hast du nun vor?“ beantworten. Überhaupt ist es wichtig, Streit auszuhalten, das größte Leid rührt von unverarbeiteten Konflikten. Und eins darf man nie vergessen: Kindsein ist eigentlich nur ein anderes Wort für Konflikt, denn Kindsein heißt Kleinsein und Großseinwollen, und das macht manchmal wirklich keinen Spaß.

LIEBE

Man kann das, was Kinder brauchen, auf viele Arten beschreiben, man kann es Empathie nennen, Nähe, Wärme oder Bindung. Oder man spricht einfach von Liebe. Ganz bedingungslos wird sie nie sein können. Jeder Mensch hat seine Begrenzungen und blinden Flecken, deshalb wird sich seine Liebe, egal wie groß sie ist, nur in einem bestimmten Rahmen bewegen können. Die Mutter, die selbst kurz gehalten wurde, wird vielleicht einmal neidisch auf die Tochter sein, die es so viel besser hat. Den geschiedenen Mann erinnert das Kind womöglich zu sehr an die Frau, die er lieber vergessen würde. Vielleicht hat der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi deshalb im Umgang mit Kindern eine „erkennende Liebe“ gefordert. Das heißt zweierlei: Zunächst einmal sollte man sich selbst kennen und seiner Prägungen bewusst sein. Und dann darf man Sohn und Tochter nicht bloß als Verlängerung seiner selbst empfinden, sondern als eigenständige Wesen.



MÄDCHEN

Es ist einer dieser Momente, in denen sich die Mutter von heute für ihre Tochter schämt. Trippel, trippel, da kommt das kleine Mädchen angeschwebt, als hätte es keine Füße, mit denen es fest auftreten kann, ist knallpink von den Söckchen bis zur Haarspange, dazu geschmückt wie die Auslage eines Juweliergeschäfts und fragt: „Bin ich schön wie eine Prinzessin?“ Wo soll das hinführen, fragt man sich, wird dieses Kind mal einen Hammer bedienen können oder wissen, warum Wasser den Strom leitet? Kein Grund zur Sorge, kleine Kinder agieren, was ihre Geschlechtszugehörigkeit angeht, frei nach dem Motto: Übertreibung macht die Sache deutlich. Und so reizen kleine Mädchen die Menge an Tüll und Rüschen in ihrem Leben bis zum Anschlag aus. Das Beruhigende ist: Die, die es am schlimmsten treiben, verhalten sich Untersuchungen zufolge in ihrem späteren Leben am wenigsten geschlechtskonform – so als hätten sie sich ihrer Weiblichkeit schon früh ausreichend versichert. Trotzdem – es gibt grundsätzliche Unterschiede zwischen Junge und Mädchen, dazu muss man ihnen nur einmal einen Spielzeugbagger in die Hand drücken. Der Junge wird mit ihm über den Teppich preschen, als sei er ein Rennauto, das Mädchen wird sich eher erkundigen, wie denn da die ganze Familie Platz drin finden solle. Wichtig ist, dass der Vater aktiv an der Erziehung des Mädchens teilnimmt. Sein Engagement unterstützt ihr Streben nach Unabhängigkeit. Und wenn es mit den Puppen überhand nimmt, kann man ihr ja auch einmal zeigen, wie man ein Puppenhaus selber baut.

NEIN

Das Nein war eine Zeitlang aus der Mode gekommen, es gab die antiautoritäre Erziehung, die hatte komplizierte Begriffe wie Selbstregulation und Repressionsfreiheit, aber nichts so Einfaches und Prägnantes wie das Nein. Nun ist das Nein zurück, und solange es kein Verbot ist, dessen alleiniger Sinn darin besteht, Autorität zu beweisen, kann man darum nur froh sein. Eine Mutter, die ihrem Sohn etwas verweigert, zeigt ihm, dass er und sie nicht ein- und derselbe Mensch sind, aller Liebe zum Trotz, und das ist zur rechten Zeit eine wichtige Erfahrung für ihn. Kinder müssen ihre Ichbezogenheit überwinden und Frustrationstoleranz lernen. Häufig ist es vor allem die Angst vor einem Konflikt, die ein Verbot verwässert, doch man sollte sich merken: Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein ist ein Nein – auch wenn es von Schreien, Quengeln, Klagen überlagert wird. Wenn Sie konsequent bleiben, zeigen Sie Ihrem Kind, dass Verlass auf Sie ist. Und übrigens: Natürlich hat auch das Kind jedes Recht auf ein Nein, zum Beispiel wenn es mal wieder zum Küssen herumgereicht wird.

OMA UND OPA

Wer den Verlust der Großfamilie beklagt, dem ist oft nicht klar, dass die heutige Familie gegenüber der in vergangenen Jahrhunderten meist eine Generation dazu gewonnen hat. Nach einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums hatten noch nie so viele Kinder wie heute über Jahre hinweg Kontakt mit ihren Großeltern. Diese Beziehung ist eine besondere: Sie fänden die Omarolle schöner als die Mutterrolle, sagten drei Viertel aller Großmütter in einer Studie, und tatsächlich sind Omas dort weich wie Watte, wo sie als Mütter noch keinen Widerspruch duldeten. Oft finden Großeltern, der totalen Verantwortung enthoben, gegenüber ihren Enkeln zu einer späten Zärtlichkeit. Für Kinder wiederum geben die Großeltern der Familiengeschichte ein Gesicht und sind eine Brücke in die Vergangenheit. Außerdem relativieren sie die Elternposition: Wer erlebt, wie die eigenen allmächtig geglaubten Eltern von den Großeltern gemaßregelt werden, begreift, wie viele verschiedene Rollen ein Mensch in seinem Leben haben kann.

PATCHWORK

Damit man sich unter einer Patchworkdecke wohlfühlt und nicht friert, müssen die Flicken gut ineinander gepasst sein. Ähnlich ist es mit der Patchworkfamilie. Für sie gibt es noch weniger als für andere Familien eine DIN-Norm, und das ist ihr Reiz ebenso wie ihre Gefahr. Mehr als jede andere Familie wird hier alles zur Verhandlungsmasse, von der Frage, wie man den Stiefelternteil nennt, bis zu der Entscheidung, wo man Weihnachten feiert. Ihre Gefahr sind lose Fäden und Löcher, durch welche die Bedürfnisse der Familienmitglieder hindurchfallen. Und das kann nicht nur den Kindern passieren, auch die Erwachsene leiden in einer Patchworkfamilie. Das Paar hat von Anfang an nicht liebesfrei, sondern gleich den Härtetest im Alltag, und gerade hinzukommende Frauen übernehmen, wie Studien ergeben haben, zu sehr die Mutterrolle, zum Ärger der Kinder und schließlich auch zur eigenen Enttäuschung. Trotzdem – man sollte an der neuen Liebe festhalten. Den größten Gefallen, den man Kindern tun kann, ist selbst glücklich zu sein.

ROLLENUNSICHERHEIT

„Autorität, Vorbild, Respektsperson gesucht, die gleichzeitig auch Vertrauter, Spielgefährte, am besten so etwas wie ein guter Freund ist, mit Interesse an Kochen und Lego gleichermaßen.“ Auf so eine Arbeitsplatzbeschreibungen würde sich kein vernünftiger Mensch melden, doch genau das ist es, was man heutzutage von Eltern erwartet, und das ist schlichtweg zu viel. „Man liest allenthalben, dass Kinder auch Grenzen brauchen, aber nirgendwo steht, wie schwierig es ist, dieser erzieherischen Aufgabe auch nachzukommen, wenn man gleichzeitig der beste Spielkamerad des Kindes ist“, schreibt die deutsche Psychoanalytikerin Stephanie Castendyk. „Das Ergebnis dieser Verwirrung ist ein dauerndes Schwanken zwischen Erziehung und Spiel, zwischen der elterlichen Rolle und der des Kumpels", heißt es weiter. Am besten also, Eltern sorgen für ein weites Netz an Spielgefährten und tun dann das, wofür sie vorgesehen sind: Mutter und Vater sein.

SPORT

Womöglich sind sie schon 6000 Kilometer nach Amerika geflogen, doch ihr täglicher Bewegungsradius beträgt gerade mal vier Kilometer. Während sich Kinder in den siebziger Jahren im Alltag noch bis zu 20 Kilometer von ihrem Zuhause entfernten, kommen die Kinder heute nur ein Fünftel so weit. Statt ab auf die Baumhütte geht es rein ins Wohnzimmer, jedes Kind wird seine eigene Insel, weil draußen ja Gefahren lauern könnten. Drinnen aber auch: In den siebziger Jahren waren Kinder am Tag drei bis vier Stunden aktiv, heute eine knappe Stunde. Auf der Couch kann man eben nicht so viel klettern wie im Wald, und die Schule räumt dem Fach Sport einen verschwindend geringen Platz ein. Durchschnittlich jede vierte Sportstunde fällt hierzulande aus. Schwerer wiegt womöglich noch der Verlust an Alltagsaktivität, wie Wissenschaftler der Sporthochschule in Köln herausgefunden haben. In den Großstädten müssen Eltern ihre Kinder meist erst eine halbe Stunde mit dem Auto kutschieren, damit sie dann eine Stunde Sport machen können. Dabei ist Sport unverzichtbar, wenn Kinder gesund aufwachsen sollen: In einer Studie sahen die übergewichtigen Kinder doppelt so viel fern wie die normalgewichtigen, die eher Sport trieben.

TRENNUNG

Eine Scheidung der Eltern ist traumatisch für die Kinder – die Fortsetzung der Ehe kann das aber auch sein. Dass Trennungskinder eher depressiv sind und ihre eigenen Beziehungen später häufiger scheitern, das ist bekannt. Allerdings haben neuere Untersuchungen gezeigt, dass Trennungskinder häufig schon verhaltensauffällig waren, bevor ihre Eltern auseinander gingen. Besonders belastend scheint also immerwährender Streit zwischen Vater und Mutter zu sein. Hört der auf, kann die Trennung auch eine Erleichterung sein, zumal dieser Schritt den Kindern auch eine Erkenntnis bringt: Wenn es nicht mehr geht, kann man gehen und sein Glück woanders suchen. Unverzichtbar ist, dass Mutter und Vater beide Kontakt zu dem Kind halten, egal wo es hauptsächlich wohnt. Studien zufolge geht es ihm beim gleichgeschlechtlichen Elternteil meist besser, hier ist die Gefahr geringer, dass es zum Partnerersatz wird. Was Eltern, die sich trennen, nicht vergessen dürfen: Vor allem kleine Kinder sind egozentrisch, das heißt sie können sich kaum vorstellen, dass Dinge geschehen, an denen sie keinen Anteil haben. Dementsprechend halten sie sich auch für verantwortlich, wenn ein Elternteil fortgeht. Den Kindern dieses Gefühl von Schuld zu nehmen, ihnen stattdessen das Gefühl zu geben, dass es beide lieben darf, ist die größte Aufgabe von Mutter und Vater nach der Scheidung.



URLAUB VOM ELTERNSEIN

Die Tochter schläft in ihrem Bett, behütet von der Nachbarin, Mann und Frau sitzen im Restaurant, Kerzenschein und Gläserklirren, sie schauen sich an und reden – über den Durchfall, den die Tochter hat. Ganz falsch. Wenn man das Kind zu Hause lässt, sollte man es auch wirklich ganz zu Hause lassen, auch in Gedanken, und die Zeit zu zweit genießen. Die Ehe sei vor allem ein langes Gespräch, hat Friedrich Nietzsche geschrieben, und das kann nicht gelingen, wenn es unablässig von Kindergeschrei unterbrochen wird. Seien Sie ein Paar und bleiben Sie es, auch wenn das nicht leicht ist. Untersuchungen zufolge nehmen die Streitigkeiten nach der Geburt eines Kindes zu und die Zärtlichkeit schwindet, vor allem Frauen sind unzufrieden. Trotz Eifersucht tut es auch den Kindern gut, wenn sie ihre Eltern als zueinander gehörig erleben, Psychologen sprechen von der Triangulierung: Der Vater löst das Kind aus der Symbiose mit der Mutter und es entsteht eine Dreiergemeinschaft, aus der das Kind irgendwann heraustreten kann.

VERANTWORTUNG

Das Baby schreit. Für die meisten Eltern ist das nicht nur eine Wortmeldung, weil das Baby eben noch keine Subjekt-Prädikat-Konstruktionen bilden kann, sondern ein Vorwurf. Bestimmt haben sie etwas falsch gemacht, bestimmt sind sie Versager, und ihr Baby wird das auch einmal sein, wenn sie jetzt nicht sofort richtig reagieren und – Stopp. Keine Horrorszenarien. In der Kleinfamilie von heute droht ständige emotionale Überhitzung. Das Gefühl der Verantwortung ist groß, auf beiden Seiten. Auf den Eltern lastet der Anspruch, ihren Kindern bitteschön alle Bedürfnisse zu erfüllen, ohne die Tanten, Onkel und Geschwister, die früher einsprangen. Und die Kinder drückt umgekehrt auch eine Verpflichtung. Früher hatten sie für die ältere Generation eine wirtschaftliche Funktion, heute sollen sie Lebenssinn stiften. Damit konzentriert sich eine große Erwartung auf sie, und ihre Kindheit findet oft wie unter einer Lupe statt. Abhilfe schafft eine Öffnung der engen Reihen, eine Erweiterung der kleinen Gemeinschaft. Denn Erziehung muss sich nicht auf die Eltern beschränken – sie findet überall dort statt, wo Menschen einander wichtig sind .

WUTANFÄLLE

Kleine Kinder haben viel Grund zur Wut. Schließlich müssen sie sich ständig zur Wehr setzen, zum Beispiel gegen die Schwerkraft, wenn sie das erste Mal laufen wollen. Später werden sie dann andauernd frustriert, haben laufen gelernt, wollen es vorführen, am besten gleich hier, jetzt, auf der vierspurigen Straße und dürfen nicht, ohne zu verstehen warum. Gerade Großstädte behindern kindliche Bedürfnisse, doch selbst im Wald würde es diese Wutanfälle geben. Sie zeigen an, dass das Kind sich nicht mehr verschmolzen mit seiner Bezugsperson fühlt, sondern seine eigene Identität entdeckt, ein Ich, mit eigenem Willen. Und wie es mit allen Dingen ist, die ein Kind gerade entdeckt hat, probiert es diesen Willen begeistert aus, ob es passt oder nicht. Aufstehen? Nein. Schlafen? Auch nein. Das ist für Eltern sehr strapaziös, und deshalb haben auch sie auch ein Recht auf Wut, sollten diese ihrem Kind aber natürlich nur in Maßen zeigen. Sind Jungen und Mädchen dagegen dauerhaft aggressiv, ist das ein wirkliches Problem, vor allem der Erziehung. Studien haben gezeigt, dass Eltern aggressiver Kinder meist wenig über deren Alltag wissen, sie hart bestrafen und Unstimmigkeiten als Paar haben.

ZAPPELPHILIPP

Jede Epoche hat die psychischen Beschwerden, die sie verdient. Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Frauen Sigmund Freud zufolge hysterisch, ein Ausdruck der repressiven Sexualmoral. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts leidet die Gesellschaft an hyperaktiven Kindern. Was sollen sie auch sonst werden – wir zappen uns durchs Leben, das Tempo zieht an, die Orientierungsmarken werden schwächer. Wenn Kinder sich nicht konzentrieren können und schnell abgelenkt sind, präsentieren sie uns die Rechnung für diesen Lebensstil. Als wollten wir unseren Anteil an dieser Entwicklung nicht wahrhaben, sind die Symptome der Hyperaktivität – auch ADHS genannt – in den vergangenen Jahren vor allem biologischen Ursachen zugeschrieben und mit Psychopharmaka wie Ritalin gedeckelt worden. Allein in Deutschland haben schon 100 000 Kinder Ritalin genommen. Dass das ein Irrweg sein kann, darauf weisen nun vermehrt Psychologen hin. Sie plädieren dafür, dass man die Lebensumstände der Kinder ändert und ihnen so viel Halt gibt, dass sie nicht mehr unruhig sein müssen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar