Zeitung Heute : Kinder, Küche, Kirche

Warum die Stadt Cloppenburg keine Nachwuchssorgen hat

Matthias Oloew[Cloppenburg]

Sie haben sich lange nicht gesehen, die beiden Frauen, die sich da in der Fußgängerzone treffen. Die Freude ist groß und eine der ersten Fragen, die sie sich gegenseitig stellen, lautet natürlich: „Und, wie viele Kinder hast du?“ So ist das in der niedersächsischen Kreisstadt Cloppenburg. Die Frage ist nicht: „Hast du Kinder?“ – sondern: „Wie viele hast du?“

Cloppenburg ist die Stadt mit den meisten Kindern in Deutschland. Statistisch kommen hier 1,92 Kinder auf jede Frau. Im Bundesdurchschnitt sind es nur 1,37. Etwa 32000 Einwohner hat die Stadt, der dazugehörende Landkreis zählt etwa 150000 Seelen. Die Bevölkerung hat in diesem Landstrich stets zugenommen, es sind immer mehr Babys geboren worden als Alte gestorben sind. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sind katholisch, die absolute Mehrheit der CDU ist seit dem Zweiten Weltkrieg ungefährdet – bei jeder Wahl. In manchen Nachbargemeinden Cloppenburgs besteht die gesamte Opposition aus einem Ratsherrn der SPD.

Für Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, ist die Rechnung katholisch plus ländlich gleich viele Kinder im Fall Cloppenburg jedoch zu einfach. Die Protestanten in der Region bekommen nämlich genauso viele Kinder. Viele von ihnen sind Spätaussiedler, stammen aus Kasachstan, Weißrussland und der Ukraine und gehören der Pfingstler-Bewegung an. Sie sind beim Kinderkriegen mindestens so fleißig wie die katholischen Cloppenburger.

Die beiden Frauen, die sich beim Einkaufen treffen, sind Vertreterinnen beider Gruppen. Olga stammt aus Weißrussland, ist vor 14 Jahren mit ihrer Familie nach Cloppenburg gezogen. Christiane ist in Cloppenburg geboren, fast ihre gesamte Familie lebt hier. Nach ihrem Studium in Oldenburg entschied sie sich, im Ort zu bleiben. Heute arbeitet sie als Lehrerin am Gymnasium. Die Versorgung mit Kindergartenplätzen ist schlecht in Cloppenburg, der gesetzliche Anspruch darauf nicht gewährleistet. Ganztagsbetreuung gibt es gar nicht und wird auch kaum nachgefragt.

„Die viel beschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Cloppenburg offenbar kein Thema“, bilanziert Klingholz. Die beiden Cloppenburgerinnen bestätigen das. „Wenn ich meine Kinder nicht betreuen und Familie nicht leben kann“, sagt Christiane Johannes, „dann brauche ich auch keine Kinder.“ Sie hat zwei, acht und zwei Jahre alt. Wenn sie nicht da ist, passt ihr Mann, der im Schichtdienst arbeitet, auf die Kinder auf, oder die Großmutter, die Schwägerin oder die Nachbarin springen ein. In Cloppenburg funktionieren die traditionellen Muster der Gesellschaft noch. Vor allem Frauen kümmern sich um die Kinder, nur 340 von 1000 gehen einer geregelten Tätigkeit nach – viel weniger als anderswo.

Der Ehrgeiz, den Nachwuchs ohne Ganztagsangebote aufzuziehen, ist hoch, angespornt von dem Druck, ansonsten als Rabenmutter zu gelten. Auch wenn nicht mehr jeder jeden kennt, ist die soziale Kontrolle in den Einfamilienhaussiedlungen, die den Stadtkern umgeben, immer noch da. „Die Leute regen sich schnell darüber auf, wenn der Vater auf Schicht ist, die Mutter ganztags als Verkäuferin arbeitet und die Kinder auf sich gestellt sind“, berichtet Christiane.

Die Gegend ist nicht besonders reich. Industrie gibt es wenig, trotzdem leben mehr als 80 Prozent in ihrem eigenen Häuschen. Weil viele Frauen nicht arbeiten, gilt das eigene Haus als Alterssicherung. Das bindet die Familien an die Scholle und über lange Jahre an die Kredite bei der Bank.

Die Frage, was die beiden in den vielen Jahren gemacht haben, die sie sich nicht sahen, hat sich Christiane aber verkniffen, als Olga die Frage nach ihren Kindern beantwortet. Sie hat zwölf. Das ist selbst in Cloppenburg ungewöhnlich.

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