Kinder lernen Rad fahren : Rollt und rollt und rollt

Die Geschichte eines Laufrades aus Holz.

Unkaputtbar. Dieses Modell hat die Langlebigkeit eines VW Käfers.
Unkaputtbar. Dieses Modell hat die Langlebigkeit eines VW Käfers.Foto: Urs Kuckertz

Morgen hat mein Sohn Keanu Geburtstag. Er wird zwei Jahre alt. Neben all den schönen Spielsachen, Büchern und Kleidern, die die Großeltern aus Köln und Honolulu geschickt haben, wird er ein Erbstück bekommen: ein hölzernes Gehrad von Kokua, das mein Mann vor 16 Jahren für seinen Sohn Finn gekauft hat. Es ist ein Like-A-Bike der ersten Generation – mit sportlichen, schmalen Reifen auf den Vollholzrädern und einem griffigen Holzlenker. Ursprünglich hatte es einen blauen Stoffüberzug auf dem höhenverstellbaren Sattel und blaue Stoffbacken an der Gabel. Heute sind die Bezüge rot.

Wir sind eine Patchworkfamilie. Und als Finn im Alter von sechs Jahren mit seiner Mutter und dem Stiefvater nach München umzog, nahmen sie das Laufrad mit – für Finns kleine Schwester. Als dann unsere Tochter Anouk 2004 geboren wurde, rollte das robuste kleine Rad wieder zurück nach Berlin – mit neuen Reifen und roten Bezügen.

Unsere Tochter Anouk hat das Holzrad gerne genutzt, auch wenn sie sich am Anfang mit der Balance schwergetan hat und lieber in der Wohnung damit auf- und abgefahren ist, als sich nach draußen zu trauen. Aber schließlich ging es doch. Auf dem Spielplatz hat sie es dann vorsichtig an der Begrenzungsmauer angelehnt und beim Spielen im Auge behalten. Besonders stolz war sie immer darauf, dass auf den Rädern ihr Name zusammen mit dem ihres großen Bruders geschrieben stand.

Jetzt wird Keanu der Besitzer des kleinen Holzrades. Er hat es schon gesehen und möchte es zu gerne ausprobieren. Denn es hat ihm zugeflüstert, dass es schon viel erlebt hat. Dinge, die es ihm erzählen kann, wenn sie dann zusammen ihre eigenen Abenteuer erleben. So ist das Bike zum Beispiel sehr erfahren im Bergabfahren. Denn es ist mit Finn, seinem ersten Fahrer, zum abenteuerlustigen Mountainbike geworden. Es ist bewaldete Hügel hinaufgeschoben und in halsbrecherischem Tempo heruntergefahren worden. Dabei musste es am Fuß eines der viel befahrenen Hügel immer in einem Schotterbett zum Stehen kommen. Nicht ganz einfach für ein so schmal bereiftes Gefährt. Aber unser treues Like-A-Bike hat das in der Regel gut hinbekommen. Ganz selten gab es mal größere Schrammen und Blessuren oder gar ein blutiges Knie.

Es hat aber auch gelernt, ganz vorsichtig zu fahren. Denn beide Mädchen, die auf ihm das Radfahren gelernt haben, waren keine solche Rabauken wie Finn. Sie sind lieber gesittet und auch nicht immer so schnell gefahren. Umso mehr freut sich das Laufrad jetzt auf Keanu in der Hoffnung, dass sie zusammen im Volkspark Friedrichshain Hügel hinabrauschen werden. Lange hat das Gehrad darauf gewartet, endlich wieder aus dem Keller hervorgeholt und von einem kleinen Menschen bewegt zu werden.

Vier Jahre hat es da zwischen Kisten und Snowboards geduldig gewartet und nie die Hoffnung aufgegeben, dass es wieder im Hof seine Runden um den Baum drehen oder in vollem Tempo zum Spielplatz rollen darf. Vor einer Sache aber fürchtet sich das Laufrad: einkaufen gehen. Das ist wahrscheinlich für alle kleinen Räder ein Trauma, wenn sie im großen Einkaufswagen landen, mit dem Vorderrad halb in der Luft und dem Hinterrad zwischen Gemüse, Müesli, Nudelpackungen und Milchtüten. Ein erniedrigender Anblick.

Andererseits freut sich das Holzrad darauf, die Blicke der anderen Kinder auf sich zu ziehen, denn ein Like-A-Bike der ersten Generation ist heute eine Seltenheit, ein Auslaufmodell im doppelten Sinne des Wortes. Meist sieht man die neuen Modelle mit breiten Reifen und knubbeligen Griffen am Lenker, denen die Eleganz und Schlichtheit des ersten Modells zugunsten einer modernen Optik abhandengekommen ist.

Auch sind längst nicht mehr alle Laufräder von Kokua aus Holz. Immer häufiger trifft man auf den Spielplätzen der Stadt Alu-Versionen mit gefedertem Hinterrad. Wie stolz ist da unser Bike, dass es ein viertes Leben bekommt und immer noch geliebt wird.

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