Zeitung Heute : Kinder- und Jugendliteratur: Spannend, informativ, bunt und poetisch

Mirjam Pressler

Warum die Kinder und Jugendliteratur aus Israel im Ausland so erfolgreich ist, werde ich oft gefragt. Warum? Weil sie spannend, poetisch und erzählerisch und literarisch gut ist. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass die Grenzlinie zwischen Kinder- und Jugendliteratur und Erwachsenenliteratur nicht so streng gezogen ist wie bei uns, so schreiben viele der "großen" Schriftsteller auch für Kinder. Beispiele dafür sind: Amoz Oz, Nava Semel, Uri Orlev, Sami Michael, Meir Shalev, Ruth Almog, David Grossman, Yoram Kaniuk, Shulamit Lapid, Batya Gur, Rivka Keren, alles Namen, die für literarische Qualität bürgen. Noch etwas macht die israelische Kinder- und Jugendliteratur so wichtig: Es geht sehr oft um existenzielle Themen, um die Fragen von Leben und Tod. Ein Land, das von Menschen gegründet wurde, die in ihrer Existenz bedroht waren, ein Land, das bis heute unter ständiger Bedrohung lebt, bringt zwangsläufig eine andere Literatur hervor.

Beispiele dafür sind "Mein Bruder, mein Bruder" von Raya Harnik und "Die Tage nach dem Anschlag" von Gila Ron-Feder. In beiden Büchern geht es um zwei junge Menschen, die Gewalt zum Opfer fallen, und in beiden Büchern geht es darum, wie die Hinterbliebenen lernen, einen eigenen Standpunkt zur Gewalt und zum Tod zu finden. Ein anderer, wichtiger Grund für die Qualität der israelischen Literatur im Allgemeinen liegt auch darin, dass man ihre Herkunft als im besten Sinn "multikulturell" bezeichnen kann. Viele der älteren Autoren stammen aus anderen kulturellen Zusammenhängen und aus anderen Sprachräumen, zum Beispiel aus dem arabischen. Ein wichtiger Vertreter dieser Autoren ist Sami Michael. Er wurde, obwohl Hebräisch nicht seine Muttersprache war, zu einem großen Autor der Erwachsenenliteratur. Seine beiden Jugendbücher "Bagdad, Sturm über der Stadt" und "Eine Liebe in Bagdad" möchte ich jedem ans Herz legen. Er beschreibt jüdisches Leben in einer arabischen Umwelt in einer orientalisch üppigen und doch präzisen Sprache.

In "Bagdad, Sturm über der Stadt", dem Bericht einer Kindheit in einer wohlhabenden jüdischen Familie geht es unter anderem auch um ein Pogrom. Doch der Autor beschreibt nicht nur die Grausamkeiten, die stattfinden, sondern berichtet auch von den Tricks und Strategien, mit deren Hilfe es die Einzelnen geschafft haben, zu überleben. "Eine Liebe in Bagdad" hingegen beschreibt die Liebesgeschichte zwischen einem reichen jüdischen Mädchen und einem weit ärmeren Jungen in der Zeit, als der Staat Israel gegründet wurde und es zu heftigen Reaktionen in den arabischen Ländern kam, natürlich auch im Irak.

Ein anderer Autor kommt aus Polen, es ist Uri Orlev, der sich in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur schon einen festen Platz erobert hat. Er wurde in Warschau geboren, überlebte das Ghetto und das Konzentrationslager Bergen-Belsen, bis er im September 1945 mit seinem kleinen Bruder nach Erez-Israel kam, das damalige Palästina. Er gehört, wie Sami Michael, zu den Autoren, die eine andere Muttersprache hatten als Hebräisch. In seinen autobiografischen Büchern "Sandspiele" und "Bleisoldaten", das in Israel als Buch für Erwachsene erschienen war, berichtet er davon, wie er mit seinem jüngeren Bruder diese Zeit "spielend" überlebt hat.

Einen Sonderplatz innerhalb der israelischen Literatur nehmen Autoren der zweiten Generation ein, die Kinder von Holocaust-Überlebenden. Eine namhafte Vertreterin dieser Autoren ist Nava Semel. In ihrem Buch "Gerschona" zeigt sie, wie weit der Einfluss der Geschichte auf die persönliche Entwicklung ihrer gleichnamigen Protagonistin geht. Gerschona ist ein übersensibles, sehr introvertiertes Mädchen, ein Kind der zweiten Generation. Sie trägt den Namen eines Jungen, von dem sie nicht weiß, wer er ist und was mit ihm geschah. Die Eltern verheimlichen ihr die eigene Biografie, die schlimme Wahrheit. Mit ungeheurer Sensibilität beschreibt die Autorin, wie Gerschona, das Mädchen mit dem seltsamen Namen, die entscheidenden Schritte aus ihrer - nicht unbedingt selbst gewählten - Einsamkeit und Isolation findet.

Aber in der israelischen Kinder- und Jugendliteratur wird nicht nur der Holocaust und seine Folgen thematisiert, es geht auch nicht nur um die schwierigen Lebensbedingungen von Juden in der Diaspora, es gibt auch erzählte Kindheit aus Israel und aus dem damaligen Palästina. Als Beispiel dafür möchte ich "Sumchi" nennen. Der Autor ist Amos Oz, dessen Bücher für Erwachsene weltweit erfolgreich sind. "Sumchi" ist eine "Hans-im-Glück-Geschichte", witzig, zärtlich und sprachlich ein großes Vergnügen. Und zugleich ist es auch die Geschichte der Liebe Sumchis zu Esthi aus seiner Klasse. Sumchi sagt selbst: "Ich könnte die Geschichte eigentlich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Einmal bekam ich ein Fahrrad geschenkt und tauschte es gegen eine Eisenbahn, für die ich einen Hund bekam, an dessen Stelle ich dann einen Spitzer fand, den ich gegen Liebe hergab. Doch auch das ist nicht die volle Wahrheit, denn die Liebe gab es die ganze Zeit, schon bevor ich meinen Spitzer herschenkte und bevor das ganze Wechselspiel anfing." Amos Oz hat aus diesem schon großartigen Satz ein noch großartigeres Buch gemacht. Israelische Literatur, und da vor allem Kinder- und Jugendliteratur, lohnt sich immer zu lesen, sie ist spannend und informativ, bunt und poetisch, sie hat eigentlich alles, was man sich als LeserIn wünschen kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben