Zeitung Heute : Kinderleicht wird es nicht

Hillary Clinton hat die Vorwahlen in Pennsylvania für sich entschieden. Ist das Rennen zwischen ihr und Barack Obama jetzt wieder offen?

Christoph Marschall

In der Nacht zu Dienstag war das Ergebnis der Vorwahl klar, Hillary Clinton gewinnt Pennsylvania mit 55 Prozent der Delegiertenstimmen. Doch der eigentliche Kampf um Pennsylvania ging da erst richtig los, der Kampf um die Interpretation des Wahlergebnisses.

Hillary Clinton sprach von einem großen Sieg, der die Wende im Rennen um das Präsidentenamt bedeute. „Der Weg nach 1600 Pennsylvania Avenue“, die offizielle Adresse des Weißen Hauses, „führt mitten durch Pennsylvania.“ Soll heißen: Jetzt bin ich wieder die Favoritin. Mit zehn Prozentpunkten Abstand hatte sie die Vorwahl gewonnen, und sie kostete diesen Triumph aus. Viele hätten ihr geraten, sie aufzugeben, sagt sie. „Aber das amerikanische Volk hat gesprochen: Ich soll nicht aufgeben. Es verdient einen Präsidenten, der nicht aufgibt.“ Seit Wochen schon präsentiert sie sich als Kämpferin. Die Bürger könnten darauf bauen, dass sie sich für deren Interessen aufopfert, selbst wenn die Umstände noch so düster seien.

Der Name ihres Rivalen kommt ihr nicht über die Lippen. Barack Obama führt im Rennen um die Nominierung bei den Demokraten fast uneinholbar. Daran hat Clintons Sieg in Pennsylvania wenig geändert, auch wenn ihre „Spindoctors“ das anders darstellen: Wenn Obama der schon sichere Favorit sei, wie komme es dann, dass er einen so wichtigen Staat wie Pennsylvania nicht gewinne? Sie überhöhen Hillarys Erfolg durch den Hinweis, dass Obama zwei bis drei Mal so viel Geld für TV- und Radiowerbung ausgegeben habe. Dennoch habe sie klar gesiegt.

Obama wirkt nicht wie ein Verlierer, als er am Abend des Wahltags Hillary Clinton zu ihrem Erfolg gratuliert. Er hält sich an die Tradition der „Concession Speech“ des Unterlegenen, auch wenn Clinton ihm diese Geste bei seinen Siegen seit geraumer Zeit verweigert. Aber sein Image in diesem Wahlkampf lebt davon, dass er der Nette, der Faire, der Versöhner ist. Und natürlich interpretieren seine Leute das Wahlergebnis so, als sei Obama der eigentliche Sieger. Vor wenigen Wochen habe Clinton in Pennsylvania noch mit 15 bis 20 Prozent geführt. Dank Obamas Auftritten sei ihr Vorsprung auf zehn Prozent geschrumpft. So sei das überall, wo sie gegeneinander antreten: Obama lege zu, Clinton falle zurück. Nur sei der Ausgangspunkt in manchen Staaten so überwältigend günstig für sie, dass es am Ende immer noch für ihren Sieg reiche.

Und was stimmt nun? Vielleicht hilft ein Blick auf Deutschland, auch wenn solche Vergleiche immer hinken. Wenn die CDU bei einer Bundestagswahl zehn Prozent vor der SPD landet, wäre das ein großer Sieg. Schafft die CSU in Bayern dagegen nur zehn Prozent Vorsprung vor der SPD, wäre das eine peinliche Schlappe. Die Wählerstruktur in Pennsylvania begünstigte Clinton. Für Obama wäre es besser gewesen, er hätte mit nur fünf Prozent Abstand verloren. Das hätte als Erfolg für ihn gegolten. Aber auch mit den 55 zu 45 Prozent kann er leben. Erste Schätzungen geben Hillary 78 Delegierte, ihm 63; das ist keine Bedrohung. Landesweit hat Obama nach vorläufigem Stand bislang 1714 Delegierte auf seine Seite gebracht, Clinton 1589.

Dennoch kann Hillary einen „zweistelligen“ Prozentabstand als Erfolg darstellen. Um die wahren Adressaten dieser Interpretationsschlacht, die Superdelegierten, ernsthaft ins Grübeln zu bringen, hätte sie jedoch deutlicher siegen müssen. Die 800 Superdelegierten sind das Zünglein an der Waage beim Nominierungsparteitag, also ihre letzte Chance. Obamas Vorsprung bei den „normalen“ Delegierten, die in den Vorwahlen bestimmt werden, kann sie nicht mehr egalisieren. Sie muss Zweifel wecken, dass Obama die Hauptwahl gegen den Republikaner John McCain gewinnen kann – und gleichzeitig die Gewissheit verbreiten, dass sie McCain schlagen wird. Dann laufen die Superdelegierten eventuell zu ihr über.

Dem ersten Teil dieser Operation hat Pennsylvania gedient. Abermals zeigte sich: Barack Obama hat Probleme in wichtigen Wählergruppen. In Arbeiterfamilien mit einem Einkommen unter 50 000 Dollar pro Jahr lag Clinton um 32 Prozent vor Obama, unter Wählern über 65 Jahren mit 26 Prozent, unter Katholiken mit 32 Prozent. Obama führt ähnlich deutlich unter Besserverdienern, unter Jungwählern und unter Schwarzen.

Clinton betont gerne, dass sie alle großen Staaten gewonnen habe. In der Summe lautet ihre Frage: Wie sollen die Demokraten im November siegen, wenn Obama die Arbeiter und die Älteren nicht gewinnt und in der Folge die entscheidenden „Swing States“ verliert, die mal demokratisch, mal republikanisch wählen?

Beim zweiten Teil des Appells an die Superdelegierten ist Clinton weniger erfolgreich: Wäre sie die bessere Kandidatin? Auch sie kann wichtige Wählergruppen nicht für sich gewinnen, voran die Jungwähler und die Schwarzen. Die Frage an sie lautet: Wie sollen die Demokraten im November mit Hillary siegen, wenn diese Klientel nicht wählen geht und 60 Prozent der Amerikaner sagen, Clinton sei nicht vertrauenswürdig?

So schleppt sich die Entscheidung in die kommenden Wochen: Am 6. Mai wählen North Carolina und Indiana, am 13. West Virginia. Mehr Klarheit verspricht auch das nicht. Stattdessen verdüstern sich die Aussichten der Demokraten gegen die Republikaner zu siegen.

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